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Gefängnisseelsorge sucht und rettet was verloren ist?

Nicht weil sie fromm sind, sondern auf existenzieller Suche
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Die Botschaft aus dem Evangelium nach Lukas „Suchen und retten, was verloren ist“ (Lk 19, 1-10) als das Leitwort für den Dienst als Gefängnisseelsorger? Ehrlich gesagt bin ich dazu ziemlich skeptisch. „Suchen und retten“ als programmatische Kurzformel, als handlungsleitender Imperativ unseres seelsorglichen Auftrages im Knast? Sind wir noch zu retten? Ein spontaner Widerstand macht sich breit. “Wir” retten die Welt? Kirche und Frohbotschaft als Allerwelts-Heilmittel und das ausgerechnet im Knast?

Ist das nicht wieder mal die typisch kirchliche Attitüde, diese überhebliche Art mit der wir der Welt gegenübertreten? Ist das nicht jener Habitus, in dem wir uns aufführen als hätten wir den Königsweg zum Glück und zum Heil – werden der Menschen mit Löffeln gefressen und gepachtet – so als gelte es nur noch diese Botschaft eifrig und fleißig unter die Leute zu bringen? „Suchen und retten, was verloren ist“ – Nach dem Zeugnis des Lukasevangelisten stammt dieses anspruchsvolle Diktum aus dem Mund Jesu – nicht aus dem seiner JüngerInnen, geschweige denn seiner Kirche. Lukas schreibt es Jesus zu.

In Bewegung bringen

Und zu diesem Wort gehört eine heilsame und lebenswendende Erfahrung, die nicht nur der kleinwüchsige Zöllner Zachäus in der uns allen bekannten Begegnung mit ihm gemacht hat. Jesus bringt Menschen in Bewegung. Er holt sie buchstäblich vom Baum und er bringt sie in eine heilsame Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Welt. Und er bewegt sie dazu, Dinge zu tun, die keiner für möglich gehalten geschweige denn erwartet hätte… Der „Menschensohn“ gekommen, „zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19, 10). In einer Art christologischer Reflexion gelangt diese Selbstaussage am Ende der Zachäus Geschichte aus der Feder des Evangelisten in den Mund Jesu.

Nicht zu retten?

Aber, ist das auch ein Kennzeichen, ein Leitmotiv, eine tragfähige Selbstaussage unserer Seelsorge? Kann ich das ehrlich und einigermaßen realistisch für mich und für uns in Anspruch nehmen? Oder nehme ich da den Mund nicht doch etwas voll? Und, bei allem Respekt vor jeder Form seelsorglichen Eifers: Laufen wir da nicht Gefahr, uns hoffnungslos zu überheben und zu überfordern? Wie viele Menschen habe ich in den Jahren meines Dienstes im Gefängnis kennengelernt und erlebt, die – jedenfalls nach meinem Eindruck und trotz aller Bemühung nicht weniger – kaum oder gar nicht zu retten sind? Menschen, mit denen ich im besten Fall aushalten, bei denen ich bleiben, mit und für die ich hoffen und wünschen kann, dass es da einen gibt, der vielleicht mehr Kräfte und größere Möglichkeiten hat als all meine eifrigen Hemdsärmlichkeiten, und dem ich sie anvertrauen und auf den hin ich sie loslassen kann. Ob
sie selber das als Rettung ihres verlorenen Lebens empfinden? Ich muss es dahin gestellt lassen…

Nicht ohne Gegenüber

Ich denke an Dietrich Wiederkehr, den Luzerner Altmeister der Fundamentaltheologie, der in einer seiner Predigtminiaturen von der Versuchung spricht, die Zachäus Geschichte zu halbieren. So wie ein Theater, von dem man nur die halbe Bühne sieht oder so wie bei einem Fußballspiel nur das halbe Feld. „Wir sähen“, sagt Wiederkehr, „vor allem die Bewegungen der einen Mannschaft, ihr Vorwärtsrennen und – spielen. Aber wir sähen nicht die Gegenseite, die zu- und anspielt, von der her und auf die hin die uns sichtbare Mannschaft spielt, rennt und erwidert.“ Wir sähen einen büßenden, sich bekehrenden und großzügig teilenden Zachäus; einen, der stark in Bewegung gerät, der herabsteigt vom Baum und von der Armseligkeit seines Zöllner–Daseins, einen, der sich neu einlässt und der sich
dies etwas kosten lässt. Und bei all diesen Bewegungen könnte uns entgehen, von wem her, mit wem zusammen und auf wen hin Zachäus seine Bewegungen ausführt.

Retten aus frommer Überheblichkeit

Das Erscheinen Jesu ist früher als das Ausschauen des Zachäus, früher als seine Besinnung und Hinwendung zum Nazarener. Und warum tischt dieser Zöllner auf einmal so gastfrei auf? Weil Jesus bei ihm zu Gast sein will, beim einem Sünder – und das mit Freuden. Und schließlich die große „Révision de vie“. Die Erstattung und vorher die Einsicht und das Eingeständnis seiner Schulden. Auch dies geschieht nicht „aus dem Stand“ und nicht von ihm und von sich aus, sondern von Jesus her und auf ihn hin. Sein Kommen ins Haus des Zachäus und in sein Leben gibt ihm erst den Ruck und die Energie zur Umkehr und zum neuen Beginn. All diese Wandlungen wirken nicht unbedingt angestrengt, eher bewegt und befreit; umsonst, eben aus Gnade. Nur so, zusammen mit diesem Jesus, ist Zachäus richtig auf dem Bild und „im Bild“: nicht halbiert, nicht ohne Gegenüber.

Auch für uns ist dieses Gegenüber von zentraler Bedeutung. Und es ist wichtiger als all unser eigenes Laufen und Rennen, wichtiger als all unser Üben und Trainieren, unser Inszenieren und Spielen. Nur mit ihm „auf dem Bild“, mit ihm im Spiel werden wir unseren Dienst verstehen und ausüben können. Wie das im Einzelnen geht und wie die Beziehung zwischen dem „Menschensohn“ und uns näher zu bestimmen und vor allem zu leben ist, darüber wird zu reden sein. Und darum wird zu beten sein, vielleicht auch zu schweigen. Retten uns am Ende die Gefangenen aus unserer frommen Überheblichkeit? Retten sie und der so ungeliebte Knast uns aus der bürgerlichen Gefangenschaft der Kirche, die – jedenfalls hierzulande – in Übermaß mit sich selbst und mit Fragen ihrer eigenen Zukunftssicherung beschäftigt ist? Auch diese Möglichkeit gilt es, so meine ich, in den Blick zu nehmen und zu erwägen.

Dietmar Jordan

 

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