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So nahe ist Liebe und Hass beieinander

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„Hass jeglicher Art ist Fessel. Freiheit, wirkliche Freiheit ist… die Freiheit zu lieben.“ So schrieb der britisch-jüdische Schriftsteller und frühe Hitlergegner Victor Gollancz. Tatsächlich fesselt der Hass sowohl in der Fixierung des Anderen als den zu verachtenden Gegner, als auch im eigenen Festhalten an eben dieser Gegenwehr; im Hass muss ich den anderen bekämpfen. Vielleicht ist es diese Fesselung, die, so schmerzhaft sie eigentlich ist, doch eine vermeintlich sichere Selbstbehauptung erlaubt, und dadurch den Hass aufrechterhält – getarnt als freiheitliche Selbstverwirklichung.


 

Diese Tarnung ermöglicht es, gelebten Hass in Ordnung zu finden, denn er ist dann die Dynamik, die es braucht, um sich selbst zu verwirklichen. Dass dies gegen den Anderen geschieht und in die Spaltung führt, wird in Kauf genommen. Übrig bleiben Verletzung und Zerstörung. In diesen Tagen, in denen Menschen immer wieder Proteste gegen die Corona-Schutzmaßnahmen nutzen, um ihren Hass auf die Straßen zu bringen, inszenierte das Magdeburger Theater Eugen Engels einzige Oper „Grete Minde“. Es war eine bewegende Uraufführung dieses Werkes des jüdischen Komponisten, der 1943 im Vernichtungslager Sobibor von den Nazis getötet wurde. In Musik und Gesang wird darin die gleichnamige Novelle Theodor Fontanes erzählt, einer Geschichte von menschlicher Ausgrenzung und Rache. Eindrucksvoll wird erlebbar, wie Hass wirklich fesselt – und wie nah dieser doch der Liebe ist. Es scheint, als wäre die große Sehnsucht des Menschen, zu gelten und gewürdigt zu werden, wie eine Gradwanderung zwischen Liebe und Hass. Und ist der Mensch einmal auf die Seite des Hasses geraten, scheint die Rückkehr zur Liebe unmöglich zu sein, so nah sie doch eigentlich ist.

Den Weg aus der Fesselung des Hasses ermöglicht die Freiheit. Auch sie ist eine Gradwanderung: gewöhnlich verstanden als Freiheit des Ichs, das sich durchzusetzt, wirkt sie entsolidarisierend und kann direkt in den Hass führen, verstanden aber als Freiheit, aus eben dieser gewohnten Haltung aufzustehen und in Verantwortung für die Gemeinschaft zu handeln, kann sie befreiend wirken in der verbindenden Kraft des Mitgefühls. Das ist der Weg, den Jesus konsequent gegangen ist und den er mit den Worten „Liebt eure Feinde“ beschrieben hat. Sein absoluter Verzicht auf Gewalt beendet deren zerstörerischen Kreislauf im Hass und löst die Fessel.

Das Liebesgebot Jesu erscheint angesichts der menschlichen Gewohnheit, sich immer wieder selbst gegen andere zu behaupten, als völlig abwegig und unrealistisch. Deshalb wird es gern in der Schublade „Idealismus“ entsorgt. Doch entledigen wir uns so der Möglichkeit, den Hass wirklich zu überwinden. Denn die angebliche Unerfüllbarkeit Jesu Gebotes ist ja bloß eine Sichtweise aus der festgefahrenen Logik des „Wie-du-mir-so-ich-dir“. Viktor Emanuel Frankl, dessen Familie in Ausschwitz ermordet worden ist, und der selbst die Hölle des Hasses überlebt hat, sagte, eigentliche Freiheit ist nicht die Freiheit von etwas, sondern die Freiheit wozu. Was ist der Sinn meines Handelns? Welche Motivation ist darin? Wie komme ich wieder dazu, wirklich Verantwortung zu übernehmen, also ehrlich Antwort zu geben angesichts dessen, was geschieht?

Den Anderen, den Fremden, den Gegner zu lieben ist die überraschende Wendung, die dem Hass den Wind aus den Segeln nimmt. Einfach mal ausprobieren in nächster Gelegenheit: statt im Kreislauf des Ich-gegen-ihn die Haltung des Anderen achten als einen Anteil im bunten menschlichen Miteinander. Ich muss sie nicht übernehmen – aber ich muss mich auch nicht fesseln lassen im Kampf der Selbstbehauptung.

Christoph Kunz | Magdeburg

 

1 Kommentar

  1. Agnes Neumann sagt:

    Nicht alle Menschen, die auf den Straßen gegen die Corona-Regeln protestieren, sind Menschen, die nur ihren Hass „auf die Straße bringen.“ Es wäre außerdem zu überlegen, ob nicht evtl. die (Un)Art, anders Denkenden jeweils Hass zu unterstellen, selbst eine subtile Form eines beginnenden Hasses ist… In Hunderten von Orten gehen Menschen auf die Straße, und zwar in der ganzen Welt. Auch hier bei uns in Regensburg. Einige von ihnen kenne ich, es sind Eltern, Großeltern, Lehrer und sogar Ärzte, Universitätsprofessoren, Künstler, Klimabewegte oder Linke, Freaks etc.

    Meines Erachtens gibt die deutliche Mehrheit ihre Meinung nicht kund aus Gründen eines Hasses, sondern aus Sorge um die Zukunft, nicht zuletzt die Zukunft unserer Demokratie in Deutschland. In vielen Orten beten mittlerweile Katholiken in der Öffentlichkeit. So wird auch in Magdeburg jeden Mittwoch ab 18 Uhr vor dem Dom der Rosenkranz für Land und Gesellschaft gebetet.

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