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Knallrotes Portal zur Kirche der JVA Lingen

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Kirchen gibt es in fast jedem Dorf im niedersächsischen Emsland. Und jede ist anders, jede hat ihre eigene Geschichte und Gemeinschaft. So auch die Kirche der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lingen-Damaschke. Seit 2013 arbeitet Frank Kribber (rechts im Bild) als Pfarrer im Justizvollzugsdienst, so der offizielle Titel. Gemeinsam mit seinem evangelischen Kollegen, Pastor Thomas Gotthilf, sind sie im offenen und geschlossenen Vollzug als Gefängnisseelsorger tätig.

Etwas am Rand der Justizvollzugsanstalt Lingen-Damaschke liegt sie, aber keineswegs versteckt auf dem 90.000 Quadratmeter großen Gelände. Dafür sorgt schon das knallrote Hauptportal. Frank Kribber schließt auf, macht das Licht an und sagt: „Da sind wir.“ Ein wohltuend schlichter Raum öffnet sich hinter der Tür. „Unsere Kirche“ – so wird in der JVA die kleine Kapelle genannt. Auf den Bänken und Stühlen ist Platz für 150 Gäste. Nicht immer sitzen so viele beim Gottesdienst am Sonntag um 10.15 Uhr, im Wechsel vom katholischen und evangelischen Pfarrer gehalten. Jeder ist eingeladen dazu, die Gottesdienste sind öffentlich.

Einmal im Monat sind dank langer Tradition die Kolpinger aus Lingen dabei. „Heiligabend und Ostern wird es immer voll. Da kommen etliche Besucher von draußen“, sagt Frank Kribber. Und der Zugang ist für sie nicht so kompliziert wie vielleicht in anderen Haftanstalten. Weil Lingen-Damaschke mit seinen 230 Haftplätzen eine Abteilung des offenen Vollzugs ist. Die Männer hier verlassen morgens die JVA, gehen zur Arbeit und müssen abends pünktlich wieder da sein.

Die Kirche soll eine Brücke in den Alltag sein

Franz Kribber geht durch den Mittelgang in den Chorraum. Ein großes Kreuz hängt über dem Altar. Die Oberlichter werfen bei Sonnenschein Lichtpunkte auf die Wand dahinter. Dem Priester gefällt das gut: „So wird der Blick automatisch nach oben gezogen, in die Weite, in den Himmel“, sagt er. Und zeigt dann auch auf die drei flachen Tonreliefs mit Szenen aus dem Abendmahl, von der Kreuzigung und der Auferstehung. Wer sie geformt hat, weiß der Gefängnisseelsorger nicht. Vermutlich einer der Gefangenen. Er fährt mit seinem Zeigefinger über eine kleine eingemeißelte Signatur. „W.B. 1989“ steht in der Ecke. „Vielleicht sind sie in der Kreativwerkstatt entstanden“, mutmaßt er.

Was gibt es noch in der Kapelle? Einen großen rechteckigen Tisch hinter der letzten Bank. Und der ist wichtig für die Arbeit von Frank Kribber und seinem evangelischen Kollegen Thomas mit dem schönen Nachnamen Gotthilf. Denn in dem Kirchenraum wird nicht nur Gottesdienst gefeiert, sondern danach gemütlich Kaffee getrunken und geredet, an anderen Abenden meditiert, Theater gespielt, werden Filme gesehen, wird aus Büchern gelesen. „Das Leben soll nicht woanders stattfinden“, sagt Kribber und setzt sich auf einen der Stühle. „Die Kirche hier soll eine Brücke in den Alltag sein.“

Ist die Arbeit vergleichbar mit der in einer Pfarrei, wie zuletzt als Kaplan in Papenburg? „Es ist spannend, aber völlig anders und einseitiger“, sagt er. Hochzeiten, Taufen, Erstkommunion, Pfarrfeste, Jubiläen – das ganze Feld der üblichen Gemeindeseelsorge findet in der JVA kaum oder gar nicht statt. „Ich habe hier immer mit Scheitern zu tun. Und ich muss akzeptieren, dass man Erfolge nicht immer sehen und messen kann. Das ist eins-zu-eins-Seelsorge“, erklärt er.

Dicht am Menschen und ihren Schicksalen

Seelsorge ganz dicht am Menschen und ihren Schicksalen. Da geht es oft sogar weniger ums Reden, sondern mehr noch ums verschwiegene Zuhören – um das einfache Da-Sein, wenn alles in der Haftanstalt zu viel wird, zu ungewiss und düster aussieht. Frank Kribber, das spürt man schnell, interessiert sich für die Geschichte(n), die hinter jeder Biografie stecken. Das gilt für die Häftlinge, aber auch für die Mitarbeiter der JVA. „Ich bin Gefängnis-, nicht Gefangenenseelsorger.“ Und das informelle Gespräch bei einer Tasse Kaffee auf dem Flur hat schon oft geholfen.

Fragen die Gefangenen gezielt nach besonderen Angeboten? Kribber nickt und antwortet: „Immer mal wieder explizit nach dem Beichtgespräch und nach dem Rosenkranz.“ Jeder hat hier Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte – ist auf der Suche nach etwas, an dem er sich festhalten kann, wenn das Leben auseinander gebrochen ist. Einige erinnern sich an die „Oma, die doch immer so eine Kette in der Hand hatte.“ Deshalb freut sich der Gefängnisseelsorger immer, wenn Menschen ihm Rosenkränze für die Häftlinge schenken. Er schaut auf die Uhr, der nächste Termin steht im Kalender. Aber als er die Kirche wieder verlässt, dauert es nicht lang, bis wieder ein Mann auf ihn zukommt. „Zeit für mich?“ Natürlich, hat er.

Petra Diek-Münchow | Kirchenbote Bistum Osnabrück

 

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