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Was suchen Gefangene? Was geben SeelsorgerInnen?

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Wenn einer ins Wasser gefallen ist und um Hilfe schreit, dann sollte man ihm den Rettungsring zuwerfen. Was aber soll man tun, wenn einer sich ständig ins Wasser fallen lässt? Immer wieder neu den Ring zuwerfen? Offenbar ist nicht jedes Retten eine wirkliche Hilfe. Um welche Art von Hilfe oder Rettung geht es in der Gefängnisseelsorge?

1. These

Die Wahrnehmungsfelder ‚der kirchliche Auftrag‘, ‚der Gefangene‘ ‚das Gefängnis als Institution‘ und ‚die Person des Seelsorgers‘ sind aufeinander bezogen.

Im Durchlauf der vier Wahrnehmungsfelder entstehen ein Verschränkungsverhältnis der Aspekte und ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Immer dann wenn ein Feld in den Mittelpunkt gerät, muss ein weiteres dazu genommen werden, um die Spannung dazwischen zu erhalten. So tragen die Beziehungen zwischen Menschen entscheidend dazu bei, ob sie sich durch eine Botschaft berühren und in Bewegung bringen lassen.

2. These

Wenn Seelsorgende sich erlauben, relevante Informationen über die Gefangenen und über das System Gefängnis in sich aufzunehmen und ihre Handlungsweisen weiter entwickeln, wird verantwortlich Seelsorge betrieben.

Für die Bewältigung dieser Aufgabe ist Lernen notwendig. Ein Lernen aus Erfahrung. Nur wer hochaufmerksam auf den Kontext ist, wer die psychischen oder sozialen Probleme der Gefangenen differenziert wahrnimmt, sie deutet und bewertet, und sie dann in seine „Theologie“ hineinnimmt, entwickelt sich weiter. Wer den kirchlichen Auftrag so dominieren lässt, dass es nur noch um die Entscheidung geht, ob man für oder gegen Christus leben will, verliert den realistischen Kontakt zu relevanten Umwelten. Die vielschichtigen Lebenswelten des Gefängnisses erfordern eine aktive Adaption, eine immer wieder neue Einpassung des Evangeliums in die konkreten Begegnungen hinein. Wir müssen immer wieder neu übersetzen, was jetzt die rettende oder freimachende Botschaft ist. Wenn Sie die bisherigen Thesen mittragen können, dann lassen Sie uns damit beginnen, den kirchlichen Auftrag dialogisch mit den pastoralen Wahrnehmungen unseres Arbeitsfeldes zu vermitteln, die Botschaft der Befreiung auf die Besonderheit der Gefängniswelt zu beziehen.

3. These

Hinter den aktuellen Problemlagen liegen tiefere Schichten, die für die Frage nach der richtigen Hilfe bedeutsam sind.

Fast die Hälfte aller Gefangenen in Deutschland verbüßt eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als einem Jahr. Fast die Hälfte aller Gefangenen in Deutschland sitzt wegen Diebstahl-, Drogen- oder Raubdelikte ein. Ich bin Seelsorger für Menschen, bei denen eine tief verankerte Tendenz zur Grenzüberschreitung sich in vielfach zerstörerischen oder kleinkriminellen Akten äußert. Ihre Art, in der Welt zu sein, scheint von Flucht und Kampf, Suchtmittelkonsum und Kriminalität geprägt zu sein. Eine Unfähigkeit und Unwilligkeit, den Forderungen des sozialen Rahmens zu genügen, kann aus den Lebensgeschichten herausgelesen werden. In den Seelsorgegesprächen treten Einstellungen und Gewohnheiten zu Tage, in denen psychosoziale Abwehrmechanismen überwiegen. Solche Abwehrmechanismen sind Schutzmaßnahmen der Psyche, mit denen man sich Auseinandersetzungen erspart. Man kann innerlich ruhiger weiterleben. Allerdings auf Kosten der Realitätswahrnehmung. Die dissoziale Randständigkeit hält sich damit selbst aufrecht. Wir wissen seit Kindheitstagen, dass wir uns taub stellen können, wenn wir gerufen werden. Wir können so tun, als ob uns das gar nichts angeht. Es gibt vielfältige Formen, das was stört, das was nicht sein sollte, abzuwehren. Das kann so weit gehen, dass man davon überzeugt ist, keine Probleme zu haben und auch keine seelische Hilfe zu brauchen. Das kann so weit gehen, dass alle internen Konflikte nach außen getragen, ausagiert werden.

Der Gefangene sieht sich als Opfer der zu langsamen Bearbeitung seiner Lockerungsanträge, der Anstaltspsychologe wird als Verfolger erlebt, der das aufbrausende Verhalten zum Anlass nimmt, die Lockerungen zu versagen. Der Seelsorger soll der Retter sein, der in dieser Situation den Kontakt zur Freundin über das übliche hinaus ermöglichen kann. Ein einstündiges Gespräch, in dem der Gefangene jeglichen Versuch, das Problem anzusehen, vermeidet: Nicht zuhören, nicht denken, Konflikte bleiben wirr, in gewohnter Hilflosigkeit zum x´ten Male seine leidvolle Geschichte erzählen, gelegentlich sich aufregen und losplatzen. Ein einstündiges Gespräch, in dem ganz zum Schluss eine konkrete Bitte geäußert wird.

Ich zitiere aus einem fiktiven Selbstgespräch des Gefangenen, ein Kollege hat versucht, sich in dessen Gedanken hineinzuversetzen. „Wir haben uns ja wirklich gut unterhalten, er kann also nicht sagen, dass ich nur wegen Tabak gekommen bin. Aber nur wenn da was geht, sage ich, wir sind alle knapp auf dem Flur… Das Gespräch hat mir gut getan, sage ich, und der Kaffee war auch gut… Ich habe das dumpfe Gefühl, ich müsste noch irgendwas Schlaues sagen, damit Er zufrieden ist. Mir fällt nichts ein, außer: ich bin nicht etwa hier zum Abgreifen. Ich weiß, sagt er und schließt seinen Schrank auf. Er gibt mir einen Rancho (Zigarrentabak)… Mir geht es gut. Ich würde gern noch einmal so einfach reinkommen wie heute Abend, sage ich und das meine ich auch so“. Worin besteht die Hilfe der Seelsorge in solch einer Situation?

4. These

Botschaft und Auftrag der Gefängnisseelsorge hat besondere Gestaltungsformen. Ohne dem gegenwärtigen Augenblick standzuhalten, wird es schwer sein, dass Gott rettet.

Kritische Beobachter der Gefängnisseelsorge stehen manchmal verwirrt vor dem Gemisch aus Sozialethik, institutionellem Machtdenken, Psychotherapie, Meditationstechnik, Sprachhilfe, Telefondienst, Kulturmanagement oder der Versorgung mit Genussmitteln. Wozu ist Seelsorge im Gefängnis da? Wenn die bekannten kirchlichen Begründungen eine so widersprüchliche Praxis zulassen, dann kann es dazu kommen, dass religiöse Betreuung nach Nützlichkeitskalkül in Gebrauch genommen oder als Privatsache eingestuft wird. Es gibt durchaus Versuche, Gefängnisseelsorge in ihrer Bedeutung zurückzubilden. Seelsorge als nächtliche Suizidprävention, weil unter diesen Bedingungen kein Sozialarbeiter und kein Psychologe bereit wären zu arbeiten. Oder Seelsorge als privates Bedürfnis einzelner Gefangener, dem durch Zulassung externer Seelsorger Genüge getan wird. Was ist “echte“ Seelsorge? Wie lässt sich die Botschaft der Befreiung auf die Gefängniswelt beziehen? Wie sieht die Vermittlung des Evangeliums „in Wort und Tat“ konkret aus? Ich lasse mich anregen durch ein spirituelles Projekt, das vom Jesuitenpater Bertram Dickerhoff geleitet wird.

„Aufgabe des Gläubigen ist es, sich auch auf schwierige Wegstrecken einzulassen, sich ihnen zu stellen… Kurz: in der Notlage zu sein. Das ist nicht angenehm, weil Gefühle wie Ohnmacht, Angst, Verzweiflung, Wut, Schuld, Scham durchlebt werden müssen… Der Weg zum Leben, zu dem Jesus hinführt, ist paradox. Die Fülle des Lebens ist nur zu gewinnen, indem man sich in seine Tiefen traut. Wer dies nicht wagt, mag Besitz, Macht, Ansehen gewinnen. Er hat aber keinen unmittelbaren Anteil am Lebendigen, …ist nicht im Fluss des wahren Seins. Sein Los ist Banalität.“

Dickerhoff folgt der alten Überzeugung der christlichen Tradition, dass Gott uns näher ist als wir es uns selbst sind. In diesem Sinn sind Selbsterfahrung und Gotteserkenntnis miteinander verbunden. Je tiefer ich mir begegne, desto näher komme ich dem Bild Gottes, das in meiner tiefsten Tiefe ruht. Hier ist die Quelle der Kraft, des Lebenssinns und der mich erfüllenden Berufung. Ich lerne aus der Begegnung mit Drogenabhängigen. Dort geht es im Laufe der Zeit um die Anerkennung einer schmerzhaften Realität. Nämlich die Abhängigkeit nicht als eine äußere feindliche Wirklichkeit anzusehen, die in den Griff gekriegt werden muss, sondern als ein nicht mehr zu löschender Teil der Persönlichkeit. Ständig wird darum gerungen, ob das auf einen zutrifft und welche Bedeutung diese Erkenntnis für das eigene Leben hätte. Es sieht danach aus, dass vor den Zwängen der Sucht kapituliert werden muss. Und zur Kapitulation gehört das Anerkennen der eigenen Machtlosigkeit. Wie bei einer Segelflaute auf hoher See. Rudern würde nichts bringen. Man hängt durch. Es kann Tage oder Wochen dauern und es gibt nichts, was mit eigenen Bordmitteln weiter bringen würde.

Es geht darum, sich der Flaute zu stellen, in die eigene Wirklichkeit hineinzugehen, darin auszuhalten, bis Gott seine Lösung schenkt: Solange der Abhängige irgendwie zurechtkommt, hat Gott keine Chance. Solange das: „Ich will haben“ oder „Ich will etwas anders haben als es ist“ die Basis ist, weiß er nicht mehr, worum es in seinem Leben geht. Es geht darum, sich dem Leben in seinen Höhen und Tiefen zu stellen, für es berührbar zu werden. „Ich habe ja jeden Tag die Möglichkeit, die kleine Welt eines einzelnen Gefangenen zu retten“ so stellt sich ein evangelischer Gefängnisseelsorger im Leitartikel einer kirchlichen Wochenzeitschrift vor. „Ich bitte um ein Päckchen Tabak“, so schreibt ein Gefangener an den Pfarrer, „eine kurze Notiz, gekritzelt auf einem Fomular-Vordruck, der den Weg zu seinem Schreibtisch gefunden hat, gegengezeichnet von einem Beamten, mit Verweis darauf, dass der Gefangene über keine finanziellen Mittel verfügt. „Da werde ich natürlich hingehen, weil es sein kann, dass der Gefangene richtig durchhängt“, sagt der Pfarrer.“ „Hier im Knast stehen sie Schlange für echte Seelsorge.“

5. These

Seelsorge lässt sich nicht verwenden.

Gefängnisseelsorge lässt sich „überhaupt nur vollziehen auf der Basis einer Distanz“. Wenn es stimmt, dass die Abwehrmechanismen dazu dienen, Problemen auszuweichen, das verletzliche Ich vor Kränkungen und den damit verbundenen Schamgefühlen zu schützen, dann beginnt Veränderung dadurch, dass diese Bewältigungsmuster wahrgenommen werden. Martin Luther sagte, man muss „die Sünde glauben“. Nicht die Drogen sind das Problem, ich bin das Problem. Ohne diese Einsicht findet nur die Inszenierung der immer gleichen Abläufe statt. Eine Inszenierung, in der auf der Bühne die Seelsorger offenbar ihre Rolle spielen sollen.

Die vielfältigen Fluchtversuche und die Rebellion gegen die Zumutungen des Daseins sind innerhalb und außerhalb der Mauern allgegenwärtig. Ein Hilfsangebot heißt Substitution. Die Vergabe von Methadon an heroinabhängige Gefangene bezieht ihre Berechtigung aus der Vorstellung, dass mit Stabilisierung des Suchtverhaltens weitere therapeutische Schritte möglich werden. Also können irgendwann Gespräche über das Ausweichverhalten und über die Hintergründe der Sucht aufkommen.

Hilfsangebote der Seelsorge können ebenfalls eine Form von Substitution darstellen. Wenn es etwa heißt: „Zur Einzelseelsorge gehört auch die Linderung akut materieller Not“, wenn es heißt: „Seelsorge ist auch Leibsorge“. Oder differenzierter: Über die Versorgung der bedürftigen Gefangenen entsteht Vertrauen und somit ergeben sich die eigentlichen seelsorglichen Gespräche. Vergleichen wir das wieder mit der Praxis der Methadonvergabe. Hier wird die Erfahrung gemacht, dass in den begleitenden Gesprächen nicht viel passiert. Wenn – selten genug- der Gesprächspartner Kontakt mit den inneren Bewegungen seiner Seele finden sollte, dann geschieht das eher trotz Substitutionsbehandlung.

Ich behaupte, gleiches gilt für die Seelsorge nach der Leibsorge. Diese Abfolge hat ja signalisiert, sie werden mich versorgen, wenn´s mir schlecht geht. Wieso sollte Seelsorge jetzt einem Aushalten meines Schmerzes oder meiner Trauer gewachsen sein? Wieso sollte sie in der Lage sein, einen durch die Wüste zu führen? Wenn ich nur laut genug jammere, dann wird mein Jammertal schon organisiert. Immer kam einer „und stahl mir die Krise – immer haben sie geholfen – haben mir Geld geliehen – haben für mich gelogen – und haben meine Lügen gerne geglaubt – die Hilfen, die sie mir gaben, waren keine Hilfen, sie haben meine Suchtkrankheit entscheidend verlängert“, so der alkoholabhängige Berthold Kilian.

6. These

Seelsorge verhilft nicht zur Flucht oder zur Rebellion, sie verhilft zum Bleiben und Aushalten.

Es gibt einen intensiven Dialog zwischen Evangelium und Gefangenschaft bei Alfred Delp und Dietrich Bonhoeffer. Aus den Briefen und Kassibern, die beide aus dem Gefängnis geschmuggelt haben, erfährt man, dass sie hinter Gittern zu einem vertieften Verständnis christlicher Existenz fanden. Dietrich Bonhoeffer schreibt im Mai 1944 über die Erfahrung des Aufgehoben-Seins. Höhen und Tiefen, Schmerz und Freude sind durch Christus umfangen und durchdrungen. „So wie die göttliche und die menschliche Natur in Christus miteinander verschränkt sind, so sind es auch Gotteswirklichkeit und Weltwirklichkeit durch Christus in unserem Leben.“

Im November 1944 schreibt Alfred Delp sehr ähnlich: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den guten und schlechten Stunden hängen. Wir erleben sie nicht durch bis zu dem Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott hervorgehen. Das gilt für das Gute und für das Elend. In allem will Er mit uns Begegnung feiern und erwartet die anbetende und liebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir so oft gesucht haben “ Mitten in schwerster „Bedrängnis“ beginnen sie ihr Leben neu zu verstehen. Die Botschaft der Kirche entfaltet sich aus den Bedrängnissen des Lebens, aus dem Standhalten von Angst, Schmerz, Trennung und Tod, so hat es der damalige Berliner Gefängnispfarrer Harald Poelchau formuliert.

7. These

Die Bedrängnisse und nicht die Bedürfnisse der Gefangenen sind das Thema der Gefängnisseelsorge.

Jesus preist Menschen selig, die u.a. Armut, Hunger, Weinen, Hass oder Ausschluss aus der Gemeinschaft erleiden. Ein großer Teil der Anstrengungen von Gefangenen und von uns allen sind darauf ausgerichtet, solche Not zu vermeiden. Aber das Leben erfordert auch die Fähigkeit, mit Dingen zurecht zu kommen, die man nicht meistern kann. Das Wahrnehmen der eigenen Grenzen, des Versagens und Scheiterns, die schmerzhafte Erfahrung, dass Realität trennt, stört, entzweit und beendet, bleiben niemandem erspart. So vieles ist nicht so, wie wir es wünschen und wir selbst sind nicht so, wie wir sein möchten.

Das Glück ist nur für einen Augenblick zu fühlen und kann nur um den Preis der Betäubung verlängert werden. Wenn wir schuldig werden, bedürfen wir der Erlösung und nicht der Erleichterung. Wenn Gefängnisseelsorge für diese Lebenswirklichkeit zuständig sein will, muss sie sich deutlich machen. Und zwar an ihrem ‚Grenzmanagement‘: Ich habe eine zentrale Aufgabe. Ich darf sie nicht verwässern. Ich weiß, warum ich hier bin und zeige das durch meine Angebote und durch das, wofür ich nicht zuständig bin. Es geht nicht darum, Menschen aus dem Wasser zu retten. Der Baseler Gefängnisprediger Karl Barth schrieb: „Unsere Existenz als Theologen ist doch nur zu verstehen auf Grund der Existenznot der anderen Menschen… Als Dorfweise oder Stadtweise (ich füge hinzu, ‚als Leibsorger‘) sind wir im Grunde unerwünscht, überflüssig und lächerlich.“

Am Ende meiner Thesenreihe eine Skizze: Haltungen beim Suchen und Retten, was verloren ist. Seelsorge ist keine zielorientierte Arbeit. Sie will keine Lösungen anbieten, sie will nichts erreichen. Sie will die Probleme und das Vermeiden der Probleme nicht „bearbeiten“. Sie sollte jeden Anschein vermeiden, den Gefangenen zu etwas zu bringen. Sie ist nicht ausgerichtet auf „Resozialisierung“. Sie ist nicht festzulegen durch ein Behandlungsprogramm. Sie vermittelt keine Werte oder Haltungen. Sie ist nicht zu etwas nütze, auch wenn sie sich als nützlich erweist.

Seelsorge verzichtet auf alles Manipulieren und ist fähig, allen Manipulationen zu widerstehen. ‚Gefangene besuchen‘ heißt offen und interessiert sein, wertungsfrei zuhören, Zeit zur Verfügung stellen, auf den eigenen Senf verzichten, eigene Überlegungen erst nach Einwilligung des Gegenübers anstellen, einen Weg des Mitwissens und Mitgefühls gehen. Eine Art des freien Schwebens über Gegensätze und Ambivalenzen entwickeln. Diese grundsätzliche Offenheit und Zielfreiheit ist anstrengend und leicht zugleich. Man lernt seine Absichten zu vergessen, einschließlich, der zu helfen. Man lernt wie Alfred Delp die Knie zu beugen und die leeren Hände hinzuhalten. Noch einmal Delp: „Der Mensch muss sich selbst hinter sich gelassen haben, wenn er eine Ahnung von sich selbst bekommen will (…) man muss die Segel in den unendlichen Wind stellen, dann erst werden wir spüren, welcher Fahrt wir fähig sind.

Dieter Wever | Ehemaliger Gefängnisseelsorger JVA Münster 

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