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Ein ehemaliger Inhaftierter als Priester: Corpus Christi

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Im polnischen Filmdrama „Corpus Christi“ wird ein Straftäter fast zufällig zum Priester. Er gewinnt die Herzen der Menschen, vor allem wegen seiner eigenen und der anderer “sündiger” Lebens-Brüchigkeiten. Der Hauptprotagonist Daniel (Bartosz Bielena) mag erst 20 Jahre alt sein, hat in der Zeit aber schon jede Menge Blödsinn angestellt, die ihn am Ende auch ins Jugendgefängnis brachten. Endlich entlassen, will er einen neuen Weg einschlagen: In seiner Zeit im Knast war er Messdiener für den Gefängnisseelsorger, was ihn so sehr geprägt hat, dass er sich selbst dazu berufen fühlt, als Priester zu arbeiten. Der Film ist inspiriert von wahren Begebenheiten.

Priester zu werden – genau das geht nicht aufgrund seiner begangenen Verbrechen, stattdessen erwartet ihn die Arbeit in einem Sägewerk. Als Daniel sich dennoch in einem nahegelegenen Dorf als Priester ausgibt, wird er überraschend gleich zum Seelsorger der Gemeinde ernannt, die er daraufhin kräftig durcheinander bringt… Corpus Christi ist einer dieser polnischen Filme, die zahlreiche Klischees und Konventionen nehmen, wie wir sie aus unzähligen anderen Filmen kennen, und dabei doch etwas ganz Eigenes daraus macht und immer wieder Erwartungen unterwandert. Da wäre das grundsätzliche Szenario einer Figur, die sich für etwas anderes ausgibt und dabei erstaunlich erfolgreich ist, bis sie irgendwann doch auffliegt.

Dieses Prinzip kennen wir vor allem aus dem Bereich der Komödie, bei denen ein Teil des Spaßes darin besteht, wie der Protagonist in zunehmend absurdere Situationen gerät, bei dem Versuch, die falsche Identität beizubehalten. Mrs. Doubtfire – Das stachelige Kindermädchen fällt einem an dieser Stelle ein, als Robin Williams sich als ältere Haushälterin ausgab. Aber auch die Verkleidung als Geistliche ist nicht ganz neu. Wir sind keine Engel oder Sister Act machten das ebenfalls schon.


Alles wird gut… oder?

Das zweite ausgiebig verarbeitete Klischee ist das des Außenseiters, der mit unkonventionellen Methoden eine bestehende Ordnung durcheinanderbringt und den anderen Menschen beibringt, die Welt noch einmal neu zu sehen und anders anzugehen. Verbunden wird das dann gern mit der Läuterung der Hauptfigur, die zuvor in einer Krise feststeckte und nun seine Berufung findet. All das gibt es in Corpus Christi. Es gibt die komisch-brenzligen Situationen, in denen Daniel aufzufliegen droht und denen er sich auf dreiste Weise entzieht. Es gibt die Momente, in denen er zu einem besseren Menschen wird und auch anderen tatsächlich hilft. Vor allem der Handlungsstrang um ein kollektives Trauma des Dorfes, das durch die herkömmliche Seelsorge nicht verarbeitet wurde, bietet dem Jungen Pseudo-Priester ein Spielfeld, etwas Gutes zu tun.

Doch Corpus Christi ist eben mehr als das. Daniel ist auch mehr als die gute Seele, die zuvor nur ein bisschen Pech hatte und eine echte Chance brauchte, um es allen zu zeigen. Wer genau Daniel ist, das verrät der Film dabei gar nicht. Wir erfahren nichts über sein Umfeld, seine Familie. Selbst seine Verbrechen bleiben eher vage, kann man sich allenfalls aus den Kommentaren anderer zusammenreimen. Dass die dunkle Seite, die ihn ins Jugendgefängnis gebracht hat, immer noch in ihm drin steckt, das wird jedoch immer mal wieder deutlich, auch auf eine sehr schmerzvolle Weise, die jeden Alles-wird-gut-Kitsch durch den Dreck zieht, darauf herumtrampelt, bis nichts mehr wiederzuerkennen ist. Das polnische Drama stellt dabei eine der ganz klassischen, existenziellen Fragen: Wie viel von einem Menschen ist durch ihn selbst bestimmt, wie viel durch andere? Die Geschichte des Sträflings, der einen Priester spielt, ist gleichzeitig die eines Mannes, der gegen den ihm vorbestimmten Weg ankämpft.

Die Suche nach dem Sinn

Und das ist nicht die einzige Frage, die Regisseur Jan Komasa und Drehbuchautor Mateusz Pacewicz – beide haben zuletzt an The Hater gearbeitet – in dem Film aufwerfen. Eine wichtige ist dabei die zur Rolle der Religion. Neben der Grundsatzdiskussion, welchen Zweck sie erfüllt oder zu erfüllen hat, darf auch kräftig darüber gestritten werden, wie das Ganze umzusetzen ist. Und eben von wem. Wer darf sich als Vertreter Gottes präsentieren? Braucht es dafür die formale Ausbildung und die entsprechenden Rituale? Braucht es die richtige innerliche Einstellung?

Wenn Daniel auf große Resonanz bei den Menschen im Dorf stößt, dann nicht zuletzt, weil er sich eben nicht an diese Rituale und Konventionen hält und direkter zu den Leuten spricht, als es sein erkrankter Vorgänger konnte. Weil er echtes Mitgefühl mitbringt, auch aus seiner eigenen Erfahrung, selbst Ausgestoßener zu sein. Und doch gibt das Drama, welches auf den Filmfestspielen von Venedig 2019 Premiere hatte und anschließend von Festival zu Festival weitergereicht wurde, ihm keinen Freischein, gibt allgemein keine Antworten, die uns beruhigen und den Weg weisen können.

Corpus Christi ist ein Film über das Suchen nach einem Sinn in einer Welt, die uns einen solchen verwehrt, ist ein Film über Zweifel und Sehnsüchte, über innere wie äußere Kämpfe. Dass diese Ambivalenz so gut funktioniert, ist maßgeblich Hauptdarsteller Bartosz Bielena zu verdanken, der in diesem Spannungsfeld zwischen Gewalt, Orientierungslosigkeit und Gemeinschaft seine eigene Berufung findet. Er spielt einen Mann, aus dem man selbst nie ganz schlau wird, der im einen Moment die Hand reicht, um im nächsten mit dieser zuzuschlagen und der einen mit beiden Seiten fesselt.

Oliver Armknecht | Fotos: Arsenal Filmverleih

Es gab in Polen tatsächlich den Fall eines jungen Erwachsenen, der sich drei Monate als Priester ausgab. Sein Name war Patryk und er war zu der Zeit wahrscheinlich 19 Jahre alt. Mateusz Pacewicz, der das Drehbuch geschrieben hat, schrieb einen Artikel darüber und so kam er auf die Idee für den Film. Der Name wurde in Daniel geändert, aber die Charaktere sind sich ähnlich und ebenso der Weg. Er hielt Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen ab.

Er war jemand von außerhalb der Kirche, der nicht viel auf die Dogmen der Kirche gab und die Leute waren mit seiner Arbeit zufrieden! Später fühlten sich einige betrogen, aber er schaffte es, neue Gläubige anzuziehen. In Spanien gab sich ein Mann ebenfalls über Jahre als Priester aus. Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein. Sehr oft versuchten sie nur, sich vor der Justiz zu verstecken. Es ist anscheinend sehr einfach, eine kleine Gemeinde auszutricksen, die nicht allzu viele Fragen stellt.

 

1 Kommentar

  1. King sagt:

    Der Film „Corpus Christi“ (im polnischen Original BOŻE CIAŁO) des Regisseurs Jan Komasa erzählt die Geschichte einer angeblichen Läuterung eines Straffälligen. Der deutsche Titel schreckt viele ab. Vermutet man dahinter eher ein Jesus-Kreuzigungs-Film. Dass der ehemalige Gefangene in der Handlung ein jesuanisches Leben beginnen will, ist löblich und förderungswürdig. Aber um Himmels Willen, warum möchte er ausgerechnet katholischer Priester sein? Ist es, dass er im Mittelpunkt stehen will? Ist es die Vorrangstellung als Mensch anerkannt und auserwählt zu sein? Daniel, der gut trainierte Protagonist mit Marien-Tattoo auf dem Rücken, spricht die Menschen an. Er hat Erfahrungen im Leben gesammelt, er weiß die Menschen mitzunehmen und harte Geschichten anzuhören. Wird er als Scheinpriester ein besserer Mensch ohne Gewaltausbrüche?

    Tiefstes katholisches Milieu, in dem die Menschen noch Schlange für die traditionelle Beichte stehen, muss man als Zuschauer aushalten. Die immer wiederkehrende fromme Begrüßung des Padres lässt einen erschaudern. Heile Welt? Ganz und gar nicht. Es geht genauso polarisierend zu, wie überall mit den Untiefen von Menschen. Gerne wird der (zölibatär lebende) Priester als Ankerpunkt gesehen. Der Film verkörpert ein längst zerronnenes Priesterbild, nach dem sich noch ein paar Menschen sehnen. Ein Geistlicher mit alten Traditionen und doch spritzig und allzu menschlich? Seine spirituelle Erfüllung findet er in den Menschen, die zu ihm aufschauen und seinen Rat suchen. Erst Verbrecher, dann Versöhner. Die extremen Positionen sind typisch für Menschen, die ein neues Leben suchen. Drogen werden mit Jesus ersetzt. Ein idealisiertes Priesterbild wird verherrlicht. Dies geht allerdings auch von den Gläubigen aus, die den Hochwürden auf den Sockel stellen. In der für Daniel exzellent zugeschriebenen Rolle in der “neuen Enge” des Klerikers sucht und findet er eine andere Weite. Er prangert Dinge an, die sich keiner traut anzusprechen. Er führt Außenseiter in die Mitte. Und doch bearbeitet er seine eigenen Problematiken nicht.

    Der Film zeigt viele Zwischentöne und Gegensätzlichkeiten, Abgründe und den Betrug, der keiner sein soll. Kleriker Daniel, alias Pater Tomasz, im schwarzen Hemd und weißen Priesterkragen (Kollar) spielt mit den Kindern Fußball und raucht mit den Jugendlichen Joints. Doch auch der heimliche Ex-Knacki merkt, dass er nicht der Retter aller sein kann. Ist er doch selbst auf der Hut, nicht entdeckt zu werden. Die Enttarnung lässt sich leider nicht verhindern. Ein ehemaliger Mitgefangener verpfeift ihn. Was ist gut, was böse, was Vergebung und was Vergeltung? Gibt es nur zwei gegensätzlichen Pole? Der Scharlatan findet Freestyle-Worte ohne Messbuch und trifft dabei eine Wahrheit, die die Menschen fühlen. Die treuherzigen blauen Augen des Darstellers tun sein Übriges. Er ist authentisch, weil es seine Geschichte ist.

    Zentral bleibt die herausragende Darstellung als Würdenträger mit all den Tabuthemen in der Katholischen Kirche: Die Klerikalisierung, der Zölibat und die Verstrickung mit den Mächtigen – wie die mit dem Bürgermeister. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil spricht man vom Allgemeinen Priestertum aller Getauften und nicht nur von den amtlichen Vertretern der ausschließlich männlichen Kirche. Daniel kopiert beinahe wortwörtlich Sätze und Rituale, die er aus der Haft vom Gefängnisseelsorger kennt. Als Vertretungs-Priester lebt er sein Leben und schläft mit der Frau, die ihm die Situation des Verkehrsunfalls, das den ganzen Ort umtreibt, schildert. Klischee und Realität. Die Katholische Kirche schreibt ein Ideal vor, das vom eigenen pastoralen Personal nicht immer eingehalten werden kann. Das ist – wie würde ein Gefangener sagen – Scheinheiligkeit.

    Für diese Erfahrung müsste der Ex-Knacki kein Priester werden, oder? Ah, der Film ist inspiriert von wahren Begebenheiten… “Wisst Ihr, was wir gut können? Menschen aufgeben. Mit dem Finger auf sie zeigen. Verzeihen heißt nicht vergessen. Verzeihen heißt lieben. Jemanden trotz seiner Schuld zu lieben. Ganz gleich, was er getan hat”, so die authentischen Worte des selbsternannten Priesters. Er spricht von sich selbst, deshalb kommt er so gut rüber. Der Film zeigt keine Lösungen auf. Kein Happy End. Daniel wird entlarvt. Eine der letzten Szenen spielt in der Kirche, wie er seine schwarze Soutane auszieht und mit nacktem Oberkörper dasteht. Ungeschützt und ohne Worte. Der Ex-Priester verfällt wieder in seine alten Muster. Erneut in Haft wehrt er sich partiell dagegen, doch in einer Schlägerei mit einem Mitgefangenen hat er sich nicht mehr unter Kontrolle.

    Für manche bekenntnisfreien Menschen, die überhaupt diesen Film ansehen, könnte dies ein Revolutions-Film mit Faszination sein. Doch der real existierende (katholische) Glaubensvollzug gibt es in Wirklichkeit für die Mehrheit der Menschen in dieser Weise (Gott sei Dank) nicht mehr.

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