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Anders als im Staatsbürgerkundeunterricht meiner Schulzeit lese ich diese Äußerung von Karl Marx heute etwas gelassener und differenzierter. Nein, nur ein plumper Betrug ist die Religion für ihn nicht. Derart verächtlich gemacht hat sie erst Wladimir Iljitsch Lenin mit seiner Formulierung „Opium für das Volk“. Damit verbindet sich ja die Vorstellung, Religion sei ein raffiniertes Instrument der herrschenden Klasse, um die Untertanen gefügig zu halten.

Marx hingegen sieht noch, dass Religion in einer ungerechten und unbarmherzigen Welt durchaus Halt verleihen kann, kritisiert aber, dass sie Menschen nicht dazu bringt, sich selbst aus solchen Missständen zu befreien. Damit hatte er nicht ganz Unrecht. Tatsächlich wurde Religion zu seiner Zeit – und wird sie von manchen gelegentlich auch heute noch – vor allem als Vertröstung auf ein Jenseits verstanden. Wenn aber – so die marxistisch-leninistische Illusion – die Ursachen für Not und Elend beseitigt wären, hätte die Religion keine Aufgabe und keinen Nährboden mehr. Dazu müsse nur die Arbeiterklasse an die Macht kommen.

Bei einer neuen Gesellschaftsordnung und einer – sogenannten – wissenschaftlichen Weltanschauung würde Religion von allein aussterben. Niemand bräuchte sie dann mehr. Da sich das im real existierenden Sozialismus und Kommunismus jedoch komplizierter gestaltete als gedacht, half man brutal nach: durch Agitation und Propaganda, Erziehungs- und Strafmaßnahmen, Diskriminierung und Liquidierung. Aus der theoretischen Religionskritik wurde ein unerbittlicher Kampf gegen alle, die nicht dem dialektischen und historischen Materialismus huldigten.

Dass aus einer solchen „Zwangsbeglückung“ souveräne wie auch der Partei ergebene Persönlichkeiten erwachsen würden, glaubt inzwischen wohl niemand mehr. Letztendlich ist das Vorhaben, ein kommunistisches „Paradies auf Erden“ errichten zu wollen, auch daran gescheitert, dass man den Menschen in seiner Unberechenbarkeit nicht wirklich ernstgenommen, sondern maßlos über- oder unterschätzt hat. Veränderte Verhältnisse allein machen aus ihm noch nicht unbedingt ein besseres Wesen. Nach wie vor gibt es – wovon Marx ausging – eine „bedrängte Kreatur“, eine „herzlose Welt“ und „geistlose Zustände“, nur auf einer höheren Entwicklungsstufe. Manche der Betroffenen werden damit allein fertig, finden trotzdem Halt im Leben und gestalten es würdevoll. Andere verzweifeln oder versuchen, den äußeren Druck und die innere Leere zu betäuben, jetzt aber mit allerlei weltlichen Drogen. Wer heutzutage jedoch mit Religionen in Kontakt kommt, wird feststellen, dass kaum eine von ihnen einschläfernd ist. Im Gegenteil!

Sichtweise eines Gefangenen – ausgedrückt in seiner Kunst.

Aufgrund mancher sich missbräuchlich auf sie berufender Fanatiker gelten einige sogar als gefährliche Brandstifter. Allgemein aber steckt in fast allen Religionen eine kritische wie konstruktive Motivations- und Gestaltungskraft, kann Glaube ein wirkliches Lebenselixier sein. Wie oft haben zum Beispiel Christen schon Widerstand geleistet, wenn die Menschenwürde in Gefahr war, sich um Versöhnung und Frieden gemüht oder für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse eingesetzt. Und auch künftig braucht es nicht nur Mut und Elan, sondern ebenso Ideale, um die Welt nicht gleichgültig oder resigniert sich selbst zu überlassen, sondern mit dazu beizutragen, dass sie gerechter, barmherziger und liebevoller wird.

Wenn den Kirchen gerade in jüngster Zeit zunehmend vorgehalten wird, sie würden sich zu stark in die Politik einmischen und damit ihre eigentliche Aufgabe – die Seelsorge an den Einzelnen – vernachlässigen, scheint das eher dem Religionsverständnis zu entsprechen, das Marx damals kritisieren zu müssen meinte. Nein, für wache Christen und eine dem Evangelium verpflichtete Kirche gehören sowohl Glaube und Vernunft als auch zeitliches und ewiges Leben zusammen. Schließlich trägt jemand, der auf eine Zukunft hoffen darf, zugleich Verantwortung für die Gegenwart. Christlicher Glaube ist keine „weltlose Innerlichkeit“. Von daher dürfte die Marx’sche Religionskritik schon lange ins Leere laufen.

Dr. Gerhard Feige | Gastbeitrag Mitteldeutsche Zeitung

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