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Nur ein bisschen da sein… Gespräch mit Petrus Ceelen

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Petrus Ceelen, geb. 1943 in Belgien, wurde oft als Grenzgänger bezeichnet und als solcher ist er in der süddeutschen Hopizbewegung bekannt geworden. Als Theologe und Gesprächstherapeut war er lange als Gefängnisseelsorger im Vollzugskrankenhaus auf dem Hohenasperg tätig. Dann wurde er – auf eigenen Wunsch – der erste AIDS-Seelsorger in Baden-Württemberg, im Auftrag der Diözese Rottenburg. In dieser Zeit hat er unzählige ausgegrenzte Menschen (Fixer, drogenabhängige Frauen auf dem Strich, Ex-Knackies, Schwule und Lesben) betreut und begleitet – nicht im Büro, sondern direkt in der Szene.

“Trost” von Michelle. © Die Brücke e.V.

Ins Haus Maria Frieden im baden-württembergischen Oberharmersbach, dem ersten AIDS-Hospiz, hat er viele Betroffene vermittelt und sie mit regelmäßigen Besuchen weiter begleitet bis zu ihrem Lebensende; oft mit der Beerdigung darüber hinaus. Seine vielen Besuche im Hospiz, auch die berührenden Weihnachtsfeiern mit ihm jedes Jahr, haben immer wieder große Freude ausgelöst, bei den PatientInnen ebenso wie bei den MitarbeiterInnen. Jetzt hat Petrus nach eigenem Bekunden sein “letztes” Buch geschrieben. Dies ist Anlass, mit ihm im Interview einen Rückblick  auf seinen jahrelangen Einsatz für ausgegrenzte Menschen und ihre Begleitung zu halten.

Petrus, Du bist gebürtiger Belgier. Wie hat es Dich eigentlich ausgerechnet nach Deutschland ins Schwäbische verschlagen? Du wohnst ja schon viele Jahrzehnte bei Stuttgart.

Eine längere Geschichte. In Kürze: Da mir Belgien schon immer zu klein und zu eng war, habe ich früh „das Weite gesucht“ und in Mainz Theologie, später in Berlin Erziehungswissenschaften studiert. Dort habe ich mit meiner Frau Christiane knapp zwei Jahre lang gelebt und habe von dort aus eine Stelle bei der Diözese Rottenburg als erster Pastoralreferent und Laientheologe, zunächst im Gemeindedienst und dann als Gefängnisseelsorger im Vollzugskrankenhaus auf dem Hohenasperg bei Stuttgart, bekommen. Da hieß es dann: Grüß Gott, Herr Pfarrer, (und zu meiner Frau) Grüß Gott, Frau Pfarrerin – ein kleiner Kulturschock für uns beide.

Du bist oft als Grenzgänger bezeichnet worden und schreibst darüber auch in Deinem neuen Buch unter dem Titel „An der Grenze“. Meinst Du damit soziale oder existenzielle Grenzbereiche oder beides, und was bedeuten diese Erfahrungen für Dich?

Paul Tillich hat gesagt: Die Grenze ist der Ort der Erfahrung. Das kann ich nur bestätigen. Durch meine Arbeit mit Drogenabhängigen, Aidskranken, Prostituierten, Obdachlosen, Kriminellen kam ich an die Grenze des Helfens, des Verstehens, des Glaubens auch. Die Grenze ist der Ort, wo ich selber nicht mehr weiß, was richtig ist, was ich tun soll. Wie kann ich dem Drogenabhängigen in seinem Entzug beistehen, wenn er mich um Stoff anbettelt? Ich erlebte mich selbst da oft unsicher und hilflos und kann eigentlich wenig Erfolge aufzählen. Habe ich jemals jemandem wirklich helfen können? Da kippt mir ein Häftling den ganzen Mülleimer seiner Seele vor die Füße und ich sitze einfach nur da und höre zu, und er meint: „Du hast mir so sehr geholfen!“ Wie das? Heute noch ruft ein früherer Gefangener mich an, der sich wegen einer schlimmen Sache umbringen wollte und den ich damals begleitet habe. Er will nur meine Stimme hören und wissen, dass ich da bin, das reicht ihm schon. Wir unterschätzen oft, wie wichtig es für die anderen ist, dass wir einfach da sind.

Über die Betreuung von Aidskranken bist Du in den 80iger Jahren auch mit der Hospizbewegung in Kontakt gekommen. Was bedeutet der Hospizgedanke für Dich?

Damals waren die ÄrztInnen voller Angst vor den Aidskranken und wollten selbst die Sterbenden möglichst schnell loswerden. Ich denke da an Ebi, den man in seinem schlechten Zustand einfach zum Sterben im Badezimmer abgelegt hatte. Ich suchte nach einem besseren Platz für ihn und kam in Kontakt mit Schwester Norberta vom Haus Maria Frieden in Oberharmersbach. Dort wurde er aufgenommen, und als ich ihn später im Hospiz besuchen wollte, kam er mir wie ein auferstandener Lazarus entgegen. Dieses Haus war ein wirklicher Zufluchtsort für die Aidskranken. So hat das angefangen. Und ich bin über viele Jahre mit dem Haus in Verbindung geblieben, kam zu den Weihnachtsfeiern. Der Hospizgedanke deckt sich mit meinen Erfahrungen mit den GrenzgängerInnen – ohne Angst vor Leid und Krankheit da sein, zuhören, Begegnung zulassen.

Du hast viele Menschen in ihrem Sterben begleitet. Hat Dich eine Begegnung besonders geprägt?

Da fällt mir sofort die Miri ein, die dreizehnjährige aidskranke Tochter eines drogenabhängigen Paares, die sich bei der Geburt angesteckt hatte und schon zwei Brüder verloren hatte. Ich saß an ihrem Bett in einem Stuttgarter Krankenhaus und war betroffen, wie sie ihre ganze Verzweiflung rausschrie, wusste nicht, was tun. Mit ihrem piepsigen Stimmchen sagte sie: „Nur ein bisschen da sein!“, und so blieb ich zwei Stunden lang und hielt ihre Hand. Tief beschämte mich, als sie sagte: „Du hast mir heute so sehr geholfen!“ Dabei hatte ich mehrmals den Impuls gehabt, zu gehen, war aber trotzdem geblieben. Sie verlangte von mir, dass ich bei ihrer Beerdigung sage, woran sie gestorben ist, was ich auch tat, obwohl der Großvater als „honoriger Mann“ lieber eine andere Krankheit genannt hätte, nicht so eine mit Schuld und Schmutz assoziierte wie Aids. Bei unserem letzten Treffen wusste sie, dass es der Abschied war, und sagte: „Du musst meine Hand loslassen, sonst hältst du mich fest.“ Sie war unglaublich reif, stark und ehrlich.

© Daniela Becker und shutterstock.com

Du bist selbst nicht bedrückt und niedergeschlagen, trotz allem Leid, das Du erlebt hast. Wie schaffst Du das?

Mir hilft der Humor und vielleicht auch eine gewisse Resilienz. Wichtig ist vielleicht auch, dass ich durch die Begegnungen mit den sogenannten Kriminellen vom Hohenasperg meinem eigenen dunklen Bruder begegnet bin und weiß, dass ich einfach nur mehr Glück gehabt habe, nicht selbst ein Täter geworden zu sein. Wir haben es alle in uns. Und da ist eine große Dankbarkeit in mir für mein reiches Leben und all die Chancen, die ich ergreifen konnte.

Du hast sehr viele Bücher geschrieben. Was bedeutet das Schreiben für Dich?

Bei der Arbeit mit den Inhaftierten merkte ich, dass die üblichen religiösen Begriffe für diese Menschen nicht passen. Ich schrieb deshalb das Buch „Hinter Gittern beten“, das im Herder-Verlag in einer Auflage von 20 000 verlegt wurde. „Das kann nur ein Knacki geschrieben haben“, sagten sie dann, das war das größte Lob für mich. So fing es an. Ich habe immer Papier und Bleistift dabei, etwa unterwegs, im Zug. Inzwischen habe ich mich von den Vorschriften der kirchlichen Verlage aber befreit und bin bei dem Verlag, der wirklich zu mir passt. Es ist schön, kreativ sein zu können, seine Gedanken in Form zu bringen und mitzuteilen.

15,95 € Als signiertes Exemplar direkt beim Autor zu beziehen unter: petrus.ceelen(at)gmx.de

Kürzlich ist Deine Frau Christiane an Krebs gestorben, Du hast sie begleitet. Ihr wart mehr als ein halbes Leben verheiratet. Und Du bist vom Begleiter, vom Experten zum selber Betroffenen geworden. Haben Dir Deine vielen Erfahrungen mit dem Sterben von Menschen ein Stück weit geholfen, das zu ertragen?

Es hat mich tief ins Herz getroffen und ich kann es einfach nicht fassen, dass ich nie wieder ihre Stimme hören oder sie berühren werde. Dieses „Nie-Wieder“ ist unbegreiflich. Wenn ich einen Stock höher gehe, komme ich an dem Bett vorbei, wo sie gelegen hat, und ich höre immer noch das Geräusch des Sauerstoffgerätes. Natürlich ist es etwas völlig anderes, wenn es Deinen nächsten Menschen betrifft. Und auch, wenn die sogenannte Sterbebegleitung sich nicht auf ein paar Stunden bezieht, sondern auf jede einzelne Minute des Sterbeprozesses, wo man als Angehöriger dabei ist. Christiane war aber so tapfer, gelassen und friedlich, dass sie mir ein großes Vorbild ist. Da ich denselben Krebs habe wie sie, wusste ich: Das steht dir auch alles bevor. Und dennoch
bin ich dankbar für diese Art des Sterbens. Ich möchte nicht dement werden oder wie mein alter Freund plötzlich tot im Weinberg umfallen. Und irgendwie finde ich es auch spannend, denn ich glaube, im Tod lösen sich alle unsere so gedachten Gegensätze auf: Arm-Reich, Geben-Nehmen, Tod-Leben. Und davor arrangiert sich der Mensch und nimmt es an, wie es kommt. Das Bewusstsein, dass das Leben nicht endlos ist, führt zu sehr intensivem Erleben und Dankbarkeit für jeden Augenblick.

Interview: Susanne Kerkovius und Thile Kerkovius, ehemaliger Leiter vom Haus Maria Frieden in Oberharmersbach | Bundes-Hospiz-Anzeiger

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