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Schauspiel im Knast mit „Nathan (to go)“

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Das Düsseldorfer Schauspielhaus (D‘haus) war mit der mobilen Inszenierung der Theateraufführung „Nathan der Weise“ in der JVA Düsseldorf-Ratingen zu Gast. Mit einem aufwändigen Bühnenaufbau und professioneller Lichttechnik wurde das Begegnungszentrum zum kleinen Theater für Robert Lehnigers Inszenierung von Lessings Schauspiel aus dem Jahr 1779. Eine Besonderheit dieser Inszenierung ist das Zusammenspiel zwischen Videobildern, die auf die Vorhänge des Bühnenaufbaus projiziert werden und den Spielszenen. Durch den aus sechs offenen Würfeln bestehenden Schauplatz mitten im Raum des Begegnungszentrums waren die ca. 50 teilnehmenden Gefangenen hautnah dabei.

“Nathan (to go)” ist ein mobiles Theaterstück und die Inszenierung mit dem D‘haus auf Wanderschaft. Gespielt wird in verschiedensten Einrichtungen. Der Besuch in einem Gefängnis war selbst für die erfahrenen Akteure eine Premiere: „Es hat Spaß gemacht und war eine interessante Erfahrung“, kommentierte eine Schauspielerin. Für uns Gefangene war es natürlich auch eine tolle Erfahrung, obgleich die altertümliche Sprache sicher für viele eine Herausforderung dargestellt hat. Der Autor des Dramas, Gotthold Ephraim Lessing, wurde 1729 geboren und war der wichtigste deutsche Dichter und Denker in der Zeit der Aufklärung. Er hat die Entwicklung der deutschen Literatur wesentlich beeinflusst und war Vordenker für das neue Selbstbewusstsein des Bürgertums.

Rund 50 Häftlinge verfolgten gebannt die Aufführung von „Nathan (to go)“ des Düsseldorfer Schauspielhauses in der JVA-Düsseldorf. Foto: M. Schneider/JVA

Gibt es die wahre Religion?

„Nathan der Weise“ ist Lessings letztes Werk mit dem Themenschwerpunkt „Religionstoleranz“. Es wurde nach seinem Tod 1783 uraufgeführt. Gibt es eine „Wahre Religion“? Das Werk handelt davon, ob es eine „wahre“ Religion gibt und zeigt die enge Verwandtschaft von Judentum, Christentum und Islam. Es geht um Toleranz gegenüber Menschen, die anders glauben. Lessings Theaterstück ist eine Verführung zum Glauben an Humanität und eine Einladung zum Denken. Das dramatische Zentrum des Stücks, die Ringparabel, wurde ein Schlüsseltext der Aufklärung. Sie handelt von der Unmöglichkeit, die Überlegenheit einer Religion nachzuweisen. Ein immer aktuelles Thema.

Das Stück soll zum Nachdenken anregen: Anderssein, Andersdenken und Abweichung von der Norm ist vollkommen in Ordnung. Doch bis heute gibt es trauriger Weise Abneigungen gegenüber Menschen anderer Herkunft, Religion, Neigungen, Moral oder Überzeugungen. Politische und religiöse Toleranz sind ungemein wichtig. Die Geschichte zeigt, wie gegenseitige Verhärtung Kriege, Verfolgung und Verbrechen hervorbringt. Politik und Religion sollen zum Miteinander anspornen. Die eine, wahre Religion gibt es nicht. Hass besiegen und somit das eigene Leben trotz aller Unterschiede bereichern lautet die Devise. Lebt es sich nicht schöner, wenn Menschen unabhängig von Zugehörigkeiten Respekt und Verständnis füreinander zeigen? Wenn voneinander gelernt werden kann und Freundschaften geschlossen werden?

Keine leichte Kost

Für Gefangene, die sich auf das Stück einlassen konnten, war die Aufführung eine Bereicherung. Lehrreich und intensiv mit wirklich herausragenden Leistungen der befähigten SchauspielerInnen. Und wer war schon mal so hautnah dran am Theater-Geschehen? Es ist auch verständlich, dass das Thema vor allem durch die Herausforderung der Sprache nicht jeden angesprochen hat. Manche kamen nicht mit und schalteten zwischendurch ab. Für mich war es eine gelungene Vorstellung. Für ein besseres Verständnis des Themas und der Personenkonstellationen war das Programmheft sehr hilfreich, die leider erst kurz vor der Aufführung verteilt wurde. Ein Meeting der genehmigten Teilnehmer mit dem Regisseur vorab wäre Klasse gewesen – vor allem für die, die nicht so fit im Deutschen sind.

Ulmer Echo 1.2019

Artikel dazu in: Westdeutsche Zeitung

 

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