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Mit Menschen unterschiedlichen Namens im Briefkontakt

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Seit nunmehr neun Jahren schreiben Monika und Henry Toedt aus dem bayrischen Hammelburg mit Strafgefangenen weltweit. Es ist ihre Lebensaufgabe geworden, sie gehört zum festen Bestandteil ihres Alltags. Kaum jemanden haben sie je persönlich getroffen, und doch haben sich teilweise sehr starke emotionale Bindungen über die Zeit hinweg entwickelt. Das Schreiben von Briefen ist ihre Kommunikation. Sie verbinden Welten, Sprachen und Mauern.

Jennifer schickte uns 2 ½ Jahre lang Fotos von sich und ihren 3 Kindern, die sie in Texas sehr häufig besuchten während ihrer 10 jährigen Haft. Sie erzählte von Dallas, dieser so riesigen Stadt, aus der sie niemals herausgekommen war. Unseren letzten Brief an sie erhielten wir mit dem Vermerk: „ENTLASSEN!“ zurück. Sie war wohl zu einem früheren Zeitpunkt in Freiheit gekommen. Wie geht es ihr heute, wird sie von dem weißen Gift loskommen?

Gemälde: “Hoffnung”, Gefangener JVA Frankenthal

Tobias aus Landshut berichtete uns etliche Jahre von seinen Therapie-Erfolgen, er wollte sich mit seinem Lebensgefährten ein neues Leben in Salzburg aufbauen, eine Praxis eröffnen. Er bat um unsere Handynummer für die Zeit in Freiheit, doch dann scheiterte seine Beziehung wenige Tage vor seiner Entlassung, er zog zu seinem Vater nach Schleswig-Holstein. Wir denken oft an ihn.

Christine aus Dresden schrieb: „Wenn ich entlassen bin, dann werde ich Euch auf jeden Fall in Hammelburg besuchen.“ Das war vor drei Jahren, sicherlich ist sie froh, nicht mehr an ihre Zeit in Haft erinnert zu werden. Sie war wie eine Tochter für uns in diesen drei Jahren, in denen wir sie begleiten durften.

Marcel aus München schrieb vier Jahre lang Briefe, beendete diese immer mit: „Euer Sohn im Geiste…“ Er war dreißig Jahre alt, hatte mindestens die Hälfte seines Lebens im Knast verbracht. Die Sucht nach dem Pulver der Träume war unbezähmbar und der Grund für immer wiederkehrende Gewaltausbrüche. Nach der Haft telefonierten wir mehrere Male miteinander, er war ständiger Gast auf irgendeinem Polizeirevier in Frankfurt. Nachdem seine ebenfalls drogenabhängige Freundin ihn verließ, schickte er uns eine SMS:  „Gehe nach Berlin für den letzten Schuss.“ Er konnte lange Briefe schreiben in einer sehr lebhaften Art. Er schickte uns wunderschöne Zeichnungen. Doch mit dem Leben, mit seinem Leben kam er nicht zurecht. Ob unser Sohn im Geiste noch lebt?

Drei Jahre verbrachten wir mit Maria aus Nürnberg, einer kleinen Kenianerin, die Drogen geschmuggelt hatte, und ihre zwei kleinen Jungen so sehr vermisste. Stolz berichtete sie von ihren guten Noten, die sie in den Prüfungen zur beruflichen Weiterbildung erhielt. Wir versuchten mit ihr zusammen ihre Heimatsprache Suaheli zu lernen. Seitenweise gab sie uns Unterricht, beim Freigang trug sie die bunte Tracht ihrer afrikanischen Heimat. Sie zog in eine Großstadt zu ihrer Tochter, der bürokratische Kampf um ihre Kinder setzte ihr immens zu. Ist es ihr gelungen, wieder ihre Familie um sich zu haben? Wir wissen es nicht.

Vor einigen Jahren erhielten wir einen Brief von Robert aus Texas, er begann mit den Worten: „Ich habe heute eine schlechte Nachricht für Euch, ich soll hingerichtet werden.“ Stets beteuerte er seine Unschuld, seine kleine Tochter tot geschüttelt zu haben. Kein Brief von ihm hatte weniger als acht Seiten, dieser war bedeutend kürzer. „Oh, Herr hilf…“ war unser erster Gedanke. Dann begannen wir zu beten und zu handeln, wir schrieben im wahrsten Sinne des Wortes Gott und die Welt an. Viele Politiker auf der ganzen Welt, den Papst und sehr viele Prominente baten wir um Hilfe. Es begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Zwei Tage vor der anberaumten Hinrichtung schauten wir entgegen unseren sonstigen Gewohnheiten am frühen Morgen ins Internet, und wir sahen das Wunder, das geschehen war… Die Hinrichtung war vom obersten Gerichtshof ausgesetzt worden, inzwischen ist ein neuer Prozess angesetzt.

Ein Lied von Roger Whittacker heißt: „Abschied ist ein scharfes Schwert.“ Wenn eine langjährige Beziehung durch die Entlassung aus dem Gefängnis beendet wird, spüren wir manchmal dieses Schwert. Doch jedes Mal lässt Gott uns wissen, dass etwas „sterben“ muss, bevor etwas „geboren“ werden kann, nämlich das neue Leben in Freiheit.

Monika und Henry Toedt aus Hammelburg

 

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