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Im Lockdown des Gefängnisses 281 Kilometer erlaufen

Ein Stück Selbstwertgefühl als Schiedsrichter
9. März 2020

Die bundesweite Laufveranstaltung Inhaftierter und Bediensteter von Justizvollzugsanstalten ist aufgrund der derzeitigen Pandemie abgesagt worden. Sie findet nun stark abgewandelt in den einzelnen Anstalten mit den Corona Sicherheitsvorkehrungen statt. So auch im Jugendvollzug der JVA Herford. Dort hat sich der Sportbedienstete, Markus Goertz, für die Umsetzung eingesetzt. “Ich bin Sportbeamter im Knast. Ich soll mit Gefangenen Sport machen, auf Turniere fahren, Freizeit sportlich gestalten. Dann grätscht die Pandemie in den beruflichen Alltag, wie es normalerweise nur der Vollzugsalltag selber schafft,” schildert der erfahrene Beamte.

Dieter Baumann, der ehemaligen deutsche Leichtathlet und Olympiasieger, sagte einmal: „Irgendwann wurde mir klar, dass Laufen sehr viel mehr für mich ist, als um Platz und Sieg zu laufen.“ Dieses Motto nimmt das Sportteam der JVA Herford ernst. Aber wie motiviert man Jugendliche und junge Erwachsene innerhalb der Anstalt ohne Wettkampf für einen Lauf? Die Idee wurde geboren, etwas für Kinder zu tun, die unheilbar erkrankt sind. So wurde entschieden, für einen guten Zweck zu laufen. Das Kinderhospiz “Löwenherz” in Syke ist die einzige Einrichtung für unheilbar kranke Kinder in Niedersachsen. Hier werden die Kinder liebevoll umsorgt. Die Eltern können sich von den täglichen Belastungen erholen und sich mehr um die Geschwister kümmern, die angesichts der belastenden und aufreibenden Pflege des todkranken Kindes nicht selten zu kurz kommen.

Auf dem backsteinroten Rundkurs in den Innerhöfen des über 140 Jahre alten Gefängnisses ging es auf Kilometerjagd. Foto: Markus Goertz.

Die jugendlichen Inhaftierten der Therapievorbereitungsabteilung haben hierfür gerne die Laufschuhe angezogen. Die Challenge: 90 Minuten laufen in den drei JVA-Innenhöfen, deren Tore weit geöffnet wurden. Jeder konnte selbst entscheiden, wie weit er kommt. Jeder Kilometer bringt dem Kinderhospiz Löwenherz einen Euro. 21 Teilnehmer umfasste die Veranstaltung, Inhaftierte wie Bedienstete. Auf dem backsteinroten Rundkurs des über 140 Jahre alten Gefängnisses ging es auf Kilometerjagd. Angefeuert von einigen Mitgefangenen, die an ihren Haftraumfenstern neugierig ihre Augen auf die Laufenden richteten.

Die Laufschuhe an und die Jungs nochmals richtig motivieren. Klaus Mischke, Suchberater der JVA Herford, bringt es mit den Worten auf den Punkt: „So etwas erwartet keiner von den Gefangenen, nur für den guten Zweck und das eigene Image zu laufen.“ Der Suchtberater ist selbst Triathlon-Läufer. Dementsprechend zog er die Gruppe an. Bei bestem Laufwetter setzte sich der Pulk aus Gefangenen und Bediensteten in Bewegung. Erstaunlich war, wieviel Ehrgeiz auch weniger geübte Teilnehmer aufbrachten, um die Kilometerzahl hochzuschrauben. Konnte jemand nicht mehr, ging er einfach ein Stück gemächlich weiter und nahm seinen Lauf wieder auf.

Die 90 Minuten waren am Ende vielen Teilnehmern in ihren Gesichtern anzusehen. Doch gemeinsam können alle zufrieden sein. Hervorragende 281 Kilometer und somit 281 Euro sind erlaufen. Dieter Baumann, Pate des Projektes, hat der JVA Laufutensilien als Anerkennung zur Verfügung gestellt. Der Nachmittag bleibt in guter Erinnerung. Besonderer Dank gilt dem Anstaltsleiter Friedrich Waldmann, allen unterstützenden Bediensteten sowie der Gefängnisseelsorge Herford für die unkomplizierte Unterstützung.

 

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