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Die Weihnachtszeit ist eine ganz eigene Zeit – für manche Orte trifft das mehr zu als für andere. Darum ist im Jugendgefängnis in Herford jetzt auch eine ganz eigene Krippe entstanden. Gefängnisse sind keine guten Orte. Hohe Mauern, vergitterte Zäune und hunderte von verschlossenen Türen. „Das ist nicht schön hier“, sagt M., ein junger Gefangener mit gepflegtem Bart und ausrasiertem Nacken. Sein Name bleibt ungenannt, ebenso, warum er im Gefängnis sitzt. Wichtig ist an dieser Stelle etwas anderes: die neue Krippe der JVA Herford, die mitten in der großen Kirche steht.

Geschnitzt hat sie der Holzbildhauer Rudi Bannwarth. Ist das überhaupt eine Krippe? Da gibt es keinen Stall, sondern eine Zelle mit einer schmalen Pritsche, einem vergitterten Fenster und einem Fernseher an der Wand. Auch die Heilige Familie fehlt; stattdessen sitzt ein junger Gefangener zusammengesunken auf dem Bett; daneben stehen eine Mutter und ein Großvater als Besuch. „Auf den ersten Blick war ich erschrocken“, erzählt denn der Leiter der Anstalt, Friedrich Waldmann. „Aber je mehr ich geschaut habe, desto mehr wurde mir klar: „Jou, das sind wir. Das ist mitten im Leben – und nicht die heile Welt.“ „Wir wollten die Lebensrealität der Gefangenen hineinbringen in die Krippe“, erklärt Gefängnisseelsorger Michael King. „Darum haben wir sie gefragt: Was hat die Geburt Jesu eigentlich mit uns hier im Gefängnis zu tun?“ King und sein Kollege Stefan Thünemann waren es, die den Künstler Rudi Bannwarth eingeladen haben, gemeinsam mit Gefangenen eine Knastkrippe zu gestalten.

Im Gespräch entstanden ganz spezielle Gedankenverbindungen zum traditionellen Krippenpersonal: Maria? Das ist die Mutter, die sich weiter um ihren Jungen sorgt – ein hochsensibles Thema für die Gefangenen, wie Stefan Thünemann erklärt. Beleidigungen der Mutter gehören denn auch zu den hochexplosiven Situationen im Knast. „Da weiß man, dass es am nächsten Tag richtig Stress gibt“, erklärt W., ein weiterer jugendlicher Gefangener. Was ist mit Josef? Der wird zum Großvater – denn die Väter fehlen oft, und es sind die Großeltern, die weiter zu den Jugendlichen halten und nicht selten die Elternrolle übernehmen. Der Verkündigungsengel? Ein cooler Typ, wie es sie haufenweise gibt im Gefängnis. Und das Jesuskind? Das blieb lange offen. Schließlich wurde es ein jugendlicher Gefangener – ein Mensch an einem dunklen, unangenehmen Ort. Michael King hält das für eine angemessene Interpretation des Weihnachtsgeschehens: „Geburt Jesu – das bedeutet, Gott kommt runter vom Himmel, auch dahin, wo es nicht gut ist. Kann ich ihm also auch im Knast begegnen?“

Für M., der als Muslim regelmäßig an den Angeboten der Gefängnisseelsorge teilnimmt, war die Beschäftigung mit der Weihnachtsgeschichte etwas völlig Neues. „Das war merkwürdig – ich hätte nicht gedacht, dass ich im Gefängnis etwas mit dieser christlichen Geschichte zu tun bekomme“, erzählt er. Trotzdem wurde die Krippe irgendwie zu seinem Projekt. Und das der anderen Gefangenen auch: Sie haben Details aus ihrem Alltag zum ursprünglichen Werk des Künstlers hinzugefügt: zum Beispiel den Ball, der sich draußen im Stacheldraht verfangen hat. Und die Klopapierrolle, die dazu dient, Zigaretten von einem Fenster zum anderen zu transportieren. „Außerdem haben die Jugendlichen noch jede Menge Ideen, wie man zum Beispiel die Hirten oder die Heiligen Drei Könige gestalten könnte. Das zeigt, dass sie sich intensiv mit der Geschichte beschäftigen“, sagt Stefan Thünemann. Eine Erweiterung der Krippe ist fest eingeplant – muss aber zunächst finanziert werden. „Für die ersten Figuren haben wir Paten gefunden“, erklärt Thünemann. „Es wäre toll, wenn uns weitere Menschen unterstützen könnten.“ Mehr lesen…

Anke von Legat | Unsere Kirche

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