parallax background

Die Lange-Weile ist genau der richtige Moment

Sich nicht verbarrikadieren – Türen nach draußen öffnen
31. Mai 2020
Den “Jungs” Entspannung in der Stille nahe bringen
25. Juni 2020

Wie gehen Menschen mit dem Gefühl der Langeweile um? Der Begriff bezeichnet Eintönigkeit infolge fehlender Sinnbeschäftigung und Ablenkungsanregungen. Bei sich selbst zu Hause sein, neue Möglichkeiten durch das erzwungene oder gewollte Nichts-Tun entdecken, ist für manche nicht so einfach auszuhalten. Genau darin steckt ein grosses Potential, ist der Theologe und Autor Pierre Stutz überzeugt. Es ist für ihn genau der Moment, in dem sich die Chance auftut, etwas mehr zu erleben. Was soll man denn in der Langeweile erleben? Ist das nicht ein Paradox?

Nicht für MystikerInnen: Für sie ist die Langeweile, das Nichts-Tun oder die Leere nämlich jener Ort, an dem sich etwas vom Geheimnis des Lebens auftun kann. Pierre Stutz verbindet das Empfinden von Langeweile oder Leere stark mit dem Körper – als eine Erfahrung im Körper, die sich wiederum dann in Bewegung ausdrücken kann. Auch Bewegung kann Meditation sein, sagt er, egal ob das Tanz, Schwimmen oder Yoga sei. Für die mystische Übung der Langeweile brauche es sowohl den Mut sich auf das Nichts einzulassen als auch die Bereitschaft, sich inspirieren zu lassen:

„Lange-Weile wünsche ich uns, nicht immer, jedoch immer wieder, Momente des Auskostens, der Vertiefung, der Selbstvergessenheit. Natürlich weiss ich, dass im gängigen Sprachgebrauch das Wort “Langeweile” mit “Eintönigkeit, Fadheit, Öde, Monotonie, Mangel an Abwechslung und die Zeit totschlagen” umschrieben wird. Deshalb schreibe ich gerne Worte mit einem Bindestrich, um ihnen eine neue Weite, eine tiefsinnigere Bedeutung zu eröffnen. Obwohl mir bewusst ist, dass viele eine panische Angst vor Langeweile haben und sich unsere Konsumgesellschaft jeden Tag bei uns bedankt für diese Angst, plädiere ich für eine Kultur der Langeweile, genau so wie ich schon oft von der Lebenskunst der Wiederholung gesprochen habe: Hole dir immer wieder, was dich zur Hoffnung bewegt im Leben.

Wenn nichts mehr geht besuche ich Freunde im Wald

Dabei klammere ich nicht aus, dass auch ich Momente kenne, in denen mich ein diffuses, lähmendes Gefühl bewohnt, aus Angst vor einer isolierenden Langeweile… in solchen Zeiten kann Ablenkung gut sein: ein Gespräch, Musik, ein Film, ein Gebet, eine Gartenarbeit, ein Buch, Sport und Spiel… Wenn nichts mehr geht in meinem Leben besuche ich meine Freunde die Bäume im Wald, die mir jedes Mal so kraftvoll zusprechen, dass auch ich endlich sein darf, einmalig, zerbrechlich, kostbar, und würdevoll.

Ich wünsche uns Zeiten der Lange-Weile – nicht erst seit der Corona-Krise – weil ich mich nicht vom Diktat der Schnelligkeit leben lassen will. Ich blühe auf, wenn ich lang-weilig sein darf, wenn ich Lustvolles und Wunderbares genussvoll auskosten kann, was mich tief dankbar werden lässt über das Geschenk des Lebens. Ich atme auf, wenn ich der Härte des Lebens nicht davon rennen muss, weil ich dank einer lebensfördernden Lange-Weile, auch dem Schweren, dem Schmerzvollen auf den Grund gehen kann.

Kunstwerk „Unter dem Himmel“ in Worpswede bei Bremen.

Sich als Kraftquelle entdecken

Der Reformator Thomas Müntzer (1490–1525) hat mich auf diese Spur gebracht. Er war ein kämpferischer Mensch, in den Anfängen der Reformation ist er ein Weggefährte von Martin Luther, später sein Gegner. Mit 35 Jahren wird er als Prediger des Bauernaufstandes hingerichtet Wenige kennen auch seine feinen Seiten,  er spricht von drei Haltungen auf einem inneren Weg:

  1. Verwunderung: staunen können, alltägliche Wunder genießen, danken…
  2. Entgröberung: ich spreche lieber von “Verfeinerung”, den Feinheiten des Lebens, schönen und schwierigen, nach-gehen dürfen, sie als Kraftquellen entdecken…
  3. Langeweile: Verweilen können, dem Leben zuliebe langsam sein dürfen, nachklingen lassen, wunschlos sein können, erwartungslos…
    Alle drei Grundhaltungen ereignen sich immer wieder neu, sie dürfen nicht statisch, im Sinne von ein- für allemal verstanden werden, sondern als Bewegung zum Wesentlichen, zum SEIN, um nicht im HABEN stecken zu bleiben…“

Die Redaktorin Deborah Sutter vom Schweizer Radio Kultur SRF2 hat Pierre Stutz eingeladen, während dreißig Minuten in der renommierten Sendereihe “Perspektiven” am Sonntagmorgen einer Mystik der Lange-Weile nachzugehen.

 

Feedback 💬

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht Erforderliche Felder sind mit * markiert.