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Mit Knastcharme zieht ein Hotel die Gäste an

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Theo Kurtz | Mittelbayerische Zeitung.

Eine Klingel an der Pforte und vergitterte Fenster über der schmalen hölzernen Eingangstür. Das ist das Entree zu einem der wohl ungewöhnlichsten Beherbergungsbetriebe der Republik. 2013 hatten zum ersten Mal im Hotel Fronfeste zahlende Gäste ihr Haupt zur Nachtruhe gebettet. Bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts war das noch anders. Damals logierten in erster Linie Langzeitbewohner auf Staatskosten und nicht ganz freiwillig in dem historischen Gebäude mit seiner fast 270-jährigen Knasttradition.

2007 hatte Gerald Stelzer das denkmalgeschützte Anwesen im Herzen der Altstadt Amberg in der Oberpfalz käuflich erworben. „Ich hab es mir angesehen und habe sofort gewusst: Ein Hotel muss es werden.“ Wichtig für ihn: Der Gefängnis-Charakter sollte unbedingt erhalten bleiben. Die Schnapsidee von einst ist heute eine absolute Erfolgsgeschichte. Danach sah es zunächst gar nicht aus. Das Projekt drohte zwischen den Mühlsteinen der Bürokratie zermahlen zu werden. Vier Jahre lang dauerte das Genehmigungsprozedere. Besonders die Brandschutzauflagen und auch die denkmalschützerischen Vorgaben hatten Stelzer und seine beiden Mitstreiter Peter Voss und Thomas Roidl so manche schlaflose Nacht gekostet. Beim Gang durch den Zellengang deutet der Hotelchef auf die grün gestrichene Wand: Fünf Brandmelder sind innerhalb von wenigen Metern angebracht. Und auch die Gitter vor den Fenstern mussten schlussendlich so präpariert werden, dass sie sich im Fall des Feuerfalls öffnen lassen. Doch ein Jahr nach der Eröffnung dann bereits eine kleine Belohnung für all die Mühen und Strapazen: Das Hotel Fronfeste wurde mit dem Denkmalschutzpreis des Bezirks ausgezeichnet.

„Zellen“ sind zu 90 Prozent belegt

Die Auslastungsquote des Knasthotels ist so hoch wie zu besten Gefängniszeiten. Die Zellen – zwei Dutzend gibt es davon – sind zu sage und schreibe 90 Prozent belegt. Geschäftsleute, aber auch Radfahrer und ganze Vereinscliquen gehören zu den Übernachtungsgästen. Statt Regel- wird gehobener Schlafvollzug geboten. Die Räume verfügen über Flachbildschirm, kostenloses WLAN und Nasszellen. Die zwischen sieben und zehn Quadratmeter großen Einzelzimmer, pardon, -zellen sind ein Traum für Platzminimalisten. Das Tageslicht dringt aus kleinen Fenstern in die Räume.

In zweien davon hat Stelzer direkt neben den Einzelbetten teure Edelstahltoiletten an die Wand gedübelt und gegrübelt: „Nimmt der Gast das an?“ Er nimmt. Natürlich geht es flächenmäßig ein bisschen größer. In der Doppelzelle kann man nach dem Motto „Zusammen gefangen“ in trauter Zweisamkeit von dem Mineralwasser und der Scheibe Brot naschen, die als Willkommensgruß auf jeden der Neuzugänge wartet. Dieser kalorienreduzierte Snack ist übrigens im Nächtigungspreis inkludiert. Und wer sich wie der Knastchef persönlich fühlen möchte, dem sei die 33 Quadratmeter große Direktorensuite empfohlen, mit Schlaf- und separatem Wohnraum und Bad mit Dusche und WC. Aber auf den Begrüßungssekt wartet man auch hier vergebens. Mehr lesen…

 

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