parallax background

Blickwinkel: Jesu Zuwendung zu den „Gefährlichen“

Seelsorge angesichts gesellschaftlicher Vielfalt
10. Dezember 2019
Theologie ist kontextuell – auch im Gefängnis
6. Februar 2020

Eine synoptische Perikope erinnert in der Bibel an die gefährlichen Gadarener (Der Gefährliche aus Gerasa), die wir in den Evangelien Matthäus 8, Markus 5 und Lukas 8 finden. Es ist die einzige neutestamentliche Belegstelle, die Menschen als gefährlich beschreibt. Sie leben in Grabhöhlen außerhalb der Stadt und sie waren so gefährlich, „so dass niemand die Straße gehen konnte.“ Bei Markus und Lukas wird ihre Gefährlichkeit noch dadurch ergänzt, dass noch nicht einmal Ketten und Fesseln ihn binden konnte. Bei Markus und Lukas ist es nur ein Gefährlicher.

Als Jesus zu ihnen kam, stellten sie ihm eine Frage: „Was willst Du von uns Sohn Gottes. Bist Du gekommen, um uns zu quälen?“ Und es ist klar: Sie erwarteten nichts – vor allem erwarteten sie nichts Gutes! Und dann kommt diese – für heutige Ohren doch etwas befremdliche Szene, wo die bösen Geister baten in eine Herde Schweine zu fahren, die sich anschließend selbst im See ertränkten. Genau diese Szene ist eines der zentralen Belegstellen für Muslime, dass Schweine unrein sind und sie deshalb kein Schweinefleisch essen – aber das nur am Rande.

Viel wichtiger: Die Hirten dieser Schweineherde flohen und berichteten in der nahen Stadt. Und dann lautet der letzte Vers dieser Perikope: „Da ging die ganze Stadt hinaus Jesus entgegen. Und als sie ihn sahen, baten sie ihn, dass er ihr Gebiet verlasse.“ Und Lukas ergänzt: „denn sie fürchteten sich.“

Messer in der Gefängnisküche. Sie werden für die Küchenarbeit eingesetzt und nach Arbeitsende unter Verschluss gebracht.

Diese synoptische Erzählung über die Gefährlichen, wie ich sie einmal nennen möchte, kann sicher in vielerlei Hinsichten interpretiert werden, was ich jetzt nicht tun werde. Ebenso müsste für unser Zeit entmythologisierende Übersetzungen gefunden werden für die „Besessenheit“ und die Vorstellung von bösen Geistern. Aber vielleicht ist die Rede von der Besessenheit durch einen bösen Geist immer noch so präzise, dass sie das Gefährliche nicht als anthropologisch unveränderliche Wesenheit des Menschen annimmt.

Vielleicht ist sie – die Gefährlichkeit – sogar eher als Zusätzliches – durch widrige Umstände den Menschen ergreifendes Phänomen – zu verstehen. Auf jeden Fall aber soll Gefährlichkeit nicht als menschlich grundlegende Eigenschaft gedacht werden. Mir klingt da das Gutachten nach, wo nicht mehr davon ausgegangen wird, dass sich mit Hilfe weiterer Therapien noch etwas ändern würde. Und noch etwas spannender für unseren Zusammenhang finde ich die Beobachtungen zum menschlichen Verhalten:

  • Das Gefährliche wird ausgesondert (im Bild der Straße, die niemand mehr gehen kann) und dadurch wird jeglicher Kontakt vermieden.
  • An eine Wandlung glaubt man nicht. Sie erschraken, obwohl er bekleidet und vernünftig neben Jesus saß (Lukas-Variante).
  • Und selbst Jesus wird suspekt: „Sie baten ihn die Gegend zu verlassen.“

Der Mensch in Sicherungsverwahrung als Frage an uns

Warum beschäftigen wir uns mit einer zahlenmäßig so kleinen Gruppe in der “Sicherungsverwahrung (SV)? Warum befassen sich so viele Gerichte mit ihnen? Warum brüten so viele JuristInnen über ständig neuen Regelungen? Ich glaube, weil wir an eine Grenze kommen, an die Grenze dessen, was wir eigentlich wollen, an die Grenze dessen, was unser Verstand fassen kann und wir den Verdacht haben, die SV geht möglicherweise – je nach Standpunkt – über diese Grenze hinaus.

Die Grenze liegt in der Annahme oder in der Erkenntnis – wiederum je nach Standpunkt – dass es Menschen gibt, die im Extremfall Zeit ihres Lebens so gefährlich, so aggressiv, so persönlichkeitsgestört sind, dass man sie nur dauerhaft mit Hilfe staatlicher Gewalt zu bändigen versteht. Ja aber, was ist es nun: Annahme oder Erkenntnis? Und wie viel Angst spielt dabei eine Rolle? (Sie haben die Beobachtungen zum menschlichen Verhalten aus der biblischen Perikope noch im Ohr.) Was man in jedem Fall sagen kann – zumindest unter Fachleuten – das ist – aber wiederum je nach Standpunkt – das Folgende:


  • Man kann entdämonisieren: Die Gefährlichkeit dieser kleinen Gruppe von Menschen wird maßlos überschätzt – und vieles andere ist viel stärker lebensbedrohlich!
  • Man kann die Sehnsucht nach Sicherheit als Phänomen unserer Zeit beschreiben, was nicht zuletzt mit der Globalisierung der einen Wirtschaftsordnung, aber auch mit weniger Religiösität zu tun hat.
  • Man kann die aktuelle Therapiepraxis kritisieren, die nicht alle Therapieformen ausschöpft und Menschen durch die Roste fallen lässt.
  • Man kann sicherlich für einzelne auch noch einmal die Frage nach der richtigen Unterbringung und der richtigen Einschätzung von Krankheitsbedingtem stellen. Jede/r PraktikerIn kennt Fälle, wo die Frage danach berechtigt ist.

  • Man kann die aktuelle Gutachtenpraxis genauso kritisieren. Kein Geringerer als der Kriminologe Christian Pfeiffer bezeichnet sie in vielen Fällen als „Schlechtachten“ und erkennt an, dass seine Idee, zwei Gutachter zu benennen in seiner Zeit als niedersächsischer Justizminister nichts wirklich verbessert hat, obwohl er damit die Hoffnung nach mehr Mut verband.
  • Man muss wohl anerkennen, dass die derzeitigen Möglichkeiten von Therapie nur begrenzten Einfluss auf menschliches Verhalten haben. Man überlege einmal wie lange man selbst braucht, um vergleichsweise kleine Macken abzulegen.
  • Und wahrscheinlich bleiben trotz all dem Menschen übrig, bei denen wir Bauchschmerzen haben, wenn wir sie uns auf der Straße vorstellen. Übrigens auch bei normalen Strafgefangenen. Und es gibt die Fälle, in denen wir bestätigt werden.


Abendbrot in einem Haftraum mit Bildern an der Wand, die Wirklichkeit im Alltag des Vollzuges sind.

Theologisch richtig bleibt, keinen Menschen aufzugeben! Und manchmal müssen wir dazu auch mehr Glauben haben, als die Betroffenen selbst. Theologisch richtig ist auch: Nicht alles ist uns möglich. Wir leben unter den Bedingungen der Zeit und haben in manchen Fällen nicht mehr als die Antworten dieser Zeit. Und so bleibt auch die SV ein Zeichen für die Unerlöstheit dieser Welt.

Bei jemandem bleiben und aushalten

Sie merken, bis dato war ich sehr mit der Deskription der besonderen Situation der Verwahrten in der SV beschäftigt – für mich aber zentral, um angemessen mit den Männern in Kontakt zu kommen, zumal bei ihnen die Möglichkeit Vertrauen zu geben in erheblichem Maße eingeschränkt ist.  Eigentlich dachte ich immer, dass SeelsorgerInnen Profis sind im Umgang mit Menschen, die in einer tiefen Krise stehen. Wir halten es aus mit Menschen, die gerade einen nahen Angehörigen verloren haben, wir überbringen in der Notfallseelsorge Todesnachrichten und stellen uns an die Seite bei akut Suizidbedrohten, notfalls auch auf Dächer. Wir kennen die Geschichte Hiobs und können wie die Freunde eine Weile das Schweigen ertragen, wo Worte nicht mehr angebracht sind.

Warum ist die Arbeit in der SV hinter den Mauern so schwer und wird irgendwann als nicht mehr aushaltbar empfunden? Ich glaube genau darin liegt die Schwere: Ich muss es lange aushalten! Ich muss auch bei der zweiten, fünften oder zehnten Ablehnung noch bei jemandem bleiben können ohne mit ihm in das gleiche Loch zu fallen. Und ich muss sogar aushalten, dass es jemand nicht mehr aushält. All das klingt natürlich nach viel Schwere, schon allein wenn ich so viel muss. Die Männer aber spüren es einem ab, ob man sich wirklich auf sie und ihre Lebenssituation einlässt.

Und dann können auch ganz schöne Dinge passieren. Ich darf Menschen in ihrer Trauer begleiten. Und in all diesen Abschiedsprozessen können sie bei dem nötigen Vertrauen, das sich meist erst nach Jahren einstellt, ganz gnadenlos ehrlich sein. Wenn ihnen nicht mehr ihre Scham im Wege steht, braucht man sich in den Begegnungen nichts mehr vorzumachen, darf vieles ganz ungeschminkt so bezeichnen wie es ist. Gutes gut, Schlechtes schlecht und als Mensch aus dem Pott (zu Hochdeutsch: Ruhrgebiet) auch dieses andere Wort, dass mit SCH. beginnt, verwenden. Und wenn es ganz gut läuft, und hier kann eine Begleitung zig Jahre dauern, dann geht es trotz dieses Lebens um ein Stück Versöhnung mit sich selbst, mit seinem Umfeld und mit Gott.

Dies sollte uns nicht daran hindern, auch diese Menschen als erlösungsbedürftig und erlösungsfähig zu betrachten. Dies sollte uns ermutigen, keinen Menschen ohne Perspektive zu belassen. Und vor allem gibt es keine Alternative zum Versuch echter Begegnung, wie sie uns Jesus vorlebte!

Adrian Tillmanns, JVA Werl | Titelfoto: 4ximgefaengnis.de

 

Ihr Feedback interessiert uns

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.