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Inhaftierter Künstler malt Bilder für Knast-Kirchenfenster

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Endlich gibt es ein paar bunte Fenster in der Anstaltskirche der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf-Ratingen. Begrenzt ist die Darstellungsmöglichkeit durch die Enge der schmalen Schlitze, die kaum Fenster genannt werden können. Unter den gegebenen Knast-Umständen hat der inhaftierte Künstler Sehenswertes geschaffen. Orientierung gab ihm bei der Gestaltung die Schöpfungsmythen der Bibel, dem Sieben-Tage-Schema.

Rote Schlange

Am ersten Tag erscheint – noch ein wenig zurückgenommen – das Licht in bunten Farben, fließend von oben nach unten oder unten nach oben, unterbrochen von einigen schwarzen Brocken, wohl Erinnerungen an das Chaos. Am zweiten Tag erscheint das Himmelsgewölbe mit zwei dunklen Sternen, dargestellt wie Yin und Yang. Ein Gebirge ist zu erkennen. Ein bunter Fluß fließt durch’s Grüne. Am dritten Tag wird es ganz grün in allen Schattierungen und verschiedenen Formen, blau für Himmel und Wasser. Am vierten Tag werden uns Sonne, Mond und Sterne gezeigt. Und mitten drin sehen wir in rot die Schlange, die aus einem anderen Schöpfungsmythos stammt. Am fünften Tag erscheinen die Tiere, erkennbar ein Ei, ein Vogel, ein Fisch und eine Schnecke. Der sechste Tag zeigt uns den Menschen, erkennbar als Frau und Mann. Die Schöpfung ist vollendet.

Es ist gut

Das siebte Fenster fehlt. Am siebten Tag soll Ruhe herrschen. Der siebte Tag ist sozusagen der Kirchenraum, in dem wir Gottesdienst feiern, häufig genug am siebten Tag. Der Kirchenraum kann aber auch nur den siebten Tag darstellen, wenn Menschen da sind. So wie die Fenster nur eine Bedeutung bekommen, wenn Menschen sie betrachten und bedenken. In früheren Jahren unterrichtiete ich nebenbei als Religionslehrer an verschiedenen Schulen. Ich fragte die Kinder eines zweiten Schuljahres, was ihnen an der Schöpfungsgeschichte, dem ersten Schöpfungsmythos, auffallen würde. Sie sagten: Dass es immer wieder heisst, es wäre gut. Und auf meine Nachfrage, was das denn nun bedeuten könnte, kam die Antwort: Wenn alles gut ist, was Gott tut, dann muß Gott gut sein. Dies ist eine hervorragende Deutung des Mythos. Die Menschen haben die Aufgabe, das gut Geschaffene, eben einschließlich uns selbst, gut zu bewahren. Dem Künstler sei Dank für die wunderschöne Gestaltung der Fensterbilder. Vielleicht ergibt sich in Zukunft die Möglichkeit, die anderen sechs Fensterschlitze bunt erstrahlen zu lassen.

Reiner Spiegel | JVA Düsseldorf

 

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