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Im Vollzug mit vier M´s arbeiten: Man muss Menschen mögen

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Fenster in der Kirche der hessischen Justizvollzugsanstalt Butzbach.

Wer ein Gefängnis betritt, begibt sich in einen schwierigen Ort. Denn das Gefängnis ist ein konfliktreiches Feld. Weder Verbrechen und Schuld, noch Strafe sind erfreulich und angenehm. Allein die heutige Bezeichnung – „Justizvollzugsanstalt“ – gibt vor, dass dort Gerechtigkeit vollzogen wird. Aber das ist offensichtlich eine menschliche Überforderung. Es wird Sicherheit, Absicherung vollzogen; Gefangene werden verwahrt, die Bewachung und Verwaltung beschäftigen zahlreiche Menschen. Behandlung und Begleitung sind gewollt, aber es gelingt nur bedingt.

Es bedarf einer reifen Persönlichkeit, um an diesem schwierigen Ort sinnvoll Dienst zu tun. Die Seelsorge im Gefängnis beinhaltet schlicht die Anwesenheit, das Dasein an diesem Ort – für die Menschen – Gefangene und Bedienstete. Ob dieses Dasein gelingt und zur Begegnung führt, hängt von der Einstellung und der Ausstrahlung des Seelsorgers ab. Es ist die Frage, ob Gottes „Trotzdem“, sein liebevoller Blick und Jesu Haltung zu Menschen am Rand durch mich deutlich und transparent werden. Diese Einstellung ähnelt dem prägnanten Wort eines erfahrenen Vollzugsbeamten, der behauptet hat, im Gefängnis kann man nur mit den „vier M´s“ arbeiten: „Man muss Menschen mögen!“ Wie der gesamte Vollzug ist auch die Seelsorge durch die Pandemie seit März 2020 erheblich eingeschränkt. Viele Gefangene und ich vermissen vor allem die unkomplizierte Begegnung, derKirchenchor und Konzerte sowie die Besuche der Interessierten aus der Ortsgemeinde, sowie der spanisch-sprachigen katholischen Gemeinde aus Offenbach.

Haftraumtüren der hessischen JVA Butzbach.

Perspektive ermöglichen

In der Gefängnisseelsorge wird besonders deutlich, welchen wichtigen und notwendigen Zusammenhang es zwischen Gespräch und Gottesdienst gibt. Es sind die gleichen Menschen, die im Alltag Krisen aushalten und bewältigen, sich Lebens- und Glaubensfragen stellen – und miteinander vor Gott stehen, beten und feiern. Die Unmittelbarkeit in der Begegnung (wiederum eingeschränkt in der Pandemie) und der Lebensthemen beeinflusst die Begegnung mit Gott und seinen Lebensthemen. Im besten Fall führen die Begegnung, das Gespräch, die Verkündigung und der Gottesdienst zu einer Auseinandersetzung, die das Leben tatsächlich verändert. Ein Licht leuchtet in der Dunkelheit der Schuld. Eine Hoffnung erscheint, die dem Leben Sinn gibt. Eine Versöhnung wird möglich, die leben lässt. Eine Perspektive ergibt sich, die Zukunft ermöglicht.

Als Gefängnispfarrer sind für mich dafür unbedingt notwendig: meine Verschwiegenheit und die Ressourcenorientiertheit. Nur in der seelsorglichen Verschwiegenheit kann das Vertrauen entstehen, um über die wesentlichen Themen des Lebens zu sprechen, Scham zu überwinden, ehrlich mit sich selbst umzugehen. Die Defizite eines Gefangenen sind offensichtlich und auch nicht klein zu reden. Eine wirkliche Veränderung ist möglich; aber nur, wenn es gelingt, auch die gelungenen und erfreulichen Anteile eines Menschenlebens zu würdigen.

Gott und die Sünde

Es ist eine Gratwanderung, Menschen in ihrer Düsternis und Schuld tatsächlich ernsthaft zu begegnen, ihre Taten nicht zu bagatellisieren und dennoch ihre Würde zu achten, nach Sinn und Perspektive zu suchen. Es ist der schwierige Grat zwischen Sünde und Sünder. Papst Franziskus hat es in einem Gespräch mit Andrea Tornielli 2016 so formuliert: „Die Kirche verurteilt die Sünde, indem sie die Wahrheit sagt: Das ist eine Sünde. Aber gleichzeitig umarmt sie den Sünder, der sich als solcher erkennt, sie nähert sich ihm und spricht zu ihm von der unendlichen Barmherzigkeit Gottes.“ Ich halte diese Gratwanderung für den einzigen Weg, um mit Menschen im Gefängnis ehrlich umzugehen und ihnen in Würde zu begegnen.

Verbrechen und Straftaten sind entsetzlich. Menschen verbreiten damit Angst und Schrecken, hinterlassen körperlichen und seelischen Schmerz, löschen sogar Leben aus. Das ist nicht zu beschönigen. Bosheit und Verstrickung, erlernte Verhaltensmuster, verfahrene Situationen, Persönlichkeitsdefizite sind Ursachen dafür. Dennoch sind einem jeden von uns Schuld und Sünde nicht unbekannt. Täglich werden wir aneinander schuldig – allerdings nicht in dem Maß, dass es einem Straftatbestand entspricht. Ebenso täglich erfahren wir davon in den Medien und entscheiden, wie sehr wir uns davon berühren lassen. Diese Fakten stellen uns in eine Schicksalsgemeinschaft mit Menschen, deren Schuld öffentlich geworden ist. Ich bin froh, dass es durchaus vielen Menschen gelingt, aus diesem Grund ein tatsächliches „Inter-Esse“ an Gefangenen zu entwickeln.

Würde wiederfinden

Die Gefängnisseelsorge ist weitreichend und tiefgründig – innerhalb und außerhalb der Mauern, so dass hier nur ganz wesentliche Gesichtspunkte genannt werden können. Daher füge ich einige Besonderheiten aus der Praxis an, die für meine Arbeit mit langstrafigen Gefangenen charakteristisch sind. Vor einigen Monaten ist eine kleine Holzplastik ins Gefängnis eingezogen. Ein kleiner König, aus altem Eichenholz geschlagen, der seine Krone in der Hand trägt. Ein Tischler und Diakon aus Bonn hat sie geschaffen und solche Könige stehen schon an vielen Orten der Welt. So auch im Gefängnis. Unser König begleitet mich bei vielen Gesprächen und Gottesdiensten. Er bietet Menschen, die die Würde verloren haben, an, sie wiederzufinden.

Viele Gefangene kommen mit dem Anliegen auf mich zu, gemeinsam am Tag ihrer Straftat einen besonderen Akzent zu setzen. Häufig handelt es sich bei der Tat um ein Tötungsdelikt. Es ist nicht nur ein Gedenktag; im Gespräch wird deutlich, was sich seitdem bewegt hat, welche Entwicklung selbst aus diesem furchtbaren Leid erwachsen kann. Die Schuld wird ganz langsam bewältigt, was der Strafvollzug kaum vermag. Wir entzünden eine Kerze und sprechen ein Gebet. Versöhnung ist tatsächlich möglich – und Dank an den gnädigen Gott.

Georg-D. Menke op, Pfarrer

Quelle: Denen, die im Elend leben – seine Liebe. Eindrücke aus dem Gefängnis, Band 5

 

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