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Im Gefängnis die Gefangenen bepredigen?

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Machen wir uns bewusst, dass Predigen eine Dreiecksgeschichte ist: Da bin ich, der Gefängnisseelsorger, und da sind die Ichs der Hörer; und da ist ein Thema, oder ein Text. Und zwischen den Beteiligten gibt es Beziehungen. Man spricht da gern von Gemeinschaft, oder etwas weniger prätentiös von einem Wir. Die Einzelnen, das Thema und die Gemeinschaft sind die Ecken des Dreiecks. Wir sind im Gottesdienst nicht zusammen, weil wir uns so sympathisch wären, sondern zu einem Zweck: der Feier eines Gottesdienstes. Und die Predigt ist davon ein Teil.

Dies macht einen Teil des „Wir“ aus, aber nicht das Ganze. Ich glaube, dass sich eigentlich nur lebendig predigen lässt, wenn alle drei Ecken in einer gut ausbalancierten Beziehung zueinanderstehen. Das heißt: Ich will, ja muss eine Beziehung zu meinen Hörern haben. Ich muss eine, nicht nur intellektuelle, Beziehung zum Thema haben. Das wird von mir von Amts wegen erwartet, ist aber nicht selbstverständlich. Ich, der Prediger, will erreichen, dass auch meine Hörer sich in eine Beziehung zum Text setzen. Der Text, das Thema ist das, was uns verbindet. Und das Ganze geschieht in einer besonderen Welt. Da spreche ich von Freiheit, und der anwesende Beamte klappert gleichzeitig mit dem Schlüssel; oder ich rede von Frieden und Liebe, und man hört, wie Menschen draußen einander anbrüllen: Du blöde Sau!

Ein ganz normaler Gottesdienst, wären da nicht die Beamten vor der Tür.

Was mich mit den Gefangenen verbindet

Seelsorge ist für mich wesentlich: In Beziehung sein. Darum frage ich jetzt: was verbindet mich eigentlich existentiell mit den Gefangenen, außer dass ich dort arbeite und außer, dass wir ein paar Minuten im Gottesdienst zusammen sind. Petrus Ceelen hat gestern eindrücklich die Fremdheit beschrieben, die es so schwer macht, miteinander einen Gottesdienst zu feiern. Ich frage jetzt nach einer Beziehung, die etwas tiefer ist als Sympathie, die ja zu einzelnen Gefangenen sicher besteht. Wir hatten einmal den Propst von Berlin, also den nach dem Bischof ranghöchsten Theologen, zu einem Gottesdienst eingeladen. Er erzählte, dass er im 3. Reich einmal für einige Wochen im Gefängnis gewesen war, und meinte damit zu signalisieren, dass er mit den Gefangenen doch etwas gemeinsam hätte. Ich fand das einfach lächerlich. Und ich glaube, ich brauche nicht lange auszuführen, warum.

Eine oft begangene Brücke ist das paulinische „Wir sind allzumal Sünde…“ Ich halte dies für eine Holzbrücke. Denn die paulinische Erkenntnis verhilft mir zu einem satten Monatsgehalt und einer sicheren Lebensstellung, und den Gefangenen zu vielen Jahren Haft, einem Berg Schulden und kaputten Beziehungen. Das kann’s doch nicht sein! Und ich mache mich erst recht lächerlich, wenn ich gestehe, dass ich auch schon mal im Kaufhaus gestohlen oder einen Mord phantasiert habe. Auf einer tiefen existentiellen Ebene sehe ich drei Verbindungen. Die eine erlebe ich, wenn mir bewusstwird, wie überflüssig auch mein Leben ist, und wie ich dieser Erkenntnis nicht standhalten kann, sondern ihr immer wieder ausweichen muss. Die zweite ist, dass wir die gleichen menschlichen Grundbedürfnisse haben: Essen, Trinken, Geborgenheit, Liebe und Schöpferisch­-Sein.

Und die Dritte die: Der Gefangene ist im Knast, weil es auch mir wichtig ist, mein Eigentum zu sichern; weil auch ich Angst vor körperlicher Verletzung habe; weil ich im Ernst nicht die andere Wange hinhalten will; weil auch ich ein schlichtes kindliches Gottvertrauen nicht wage. Angst hindert mich zu teilen und zwingt mich, mich selbst zu behaupten und meinen Besitz zu schützen. Die gleiche Angst zwingt den Gefangenen, sich zu nehmen, was er braucht (und in seinen Augen nimmt er ja nur, was er braucht), oder sich selbst zu behaupten, indem er um sich schlägt. Darin sind wir zugleich verschieden, und doch wie zwei Seiten einer Medaille miteinander komplementär, fast schicksalhaft verbunden. Erst auf dieser tiefen Ebene macht es Sinn, das „allzumal Sünder·· als den gemeinsamen Boden anzusehen.

Authentisch sein in der Predigt

Wenn ich möchte, dass meine Hörer eine existentielle Beziehung zum Thema bekommen, und wenn ich damit ernst mache, dass wir wirklich auf dem gleichen Boden von Angst und Selbstsicherung stehen, kann ich die Predigtaufgabe eigentlich nur so lösen, dass ich mich als Modell anbiete. Das klingt anspruchsvoll, nach zu viel Subjektivismus. Doch übernehme ich damit lediglich bewusst eine Rolle, die mir ohnehin zugeschoben wird. Die Gefangenen nehmen mich in meinen alltäglichen Verrichtungen wahr, registrieren, wie ich mit ihnen umgehe, messen mich und meinen Glauben an dem, was ich tue. Der Gefangene, dem ich am Freitag mit Arger in der Stimme das Päckchen Tabak verweigert habe, sitzt ja möglicherweise auch da. Wenn ich Modell bin, ist mir der Schutz von Dogmatismus und Objektivität verwehrt. Dafür gewinne ich Raum für meine Zweifel, meine Schwierigkeiten mit Glauben und biblischen Texten, aber auch meine Freude an ihnen.

Gerade wenn ich Widerstände gegen bestimmte Texte hatte, habe ich davon erzählt und von dem Prozess der Annäherung. Ich habe erzählt, wo mir eine Geschichte fremd bleibt, wo ich mich ärgere, wo mir etwas Druck macht, und warum ich sie dennoch nicht einfach aus der Bibel streiche. Ich habe darauf verzichtet, mich als Autorität in Glaubensdingen auszugeben. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass das meistens bei den Hörern gut ankam. Das äußerte sich darin, dass sie gespannt und aufmerksam zugehört haben. Dann entstand die dichteste Atmosphäre. Sie hatten Sabotage, Stören, Seitengespräche und ähnliches Pennäler­ verhalten nicht nötig, sondern waren in einen Prozess einbezogen, in dem sie sich auch mit ihren Zweifeln und mit ihrer Skepsis wiederfinden konnten.

Um glaubwürdig predigen zu können, muss ich mich und mein Leben in eine Beziehung zum Text oder zum Thema bringen können. Ich muss Situationen in meinem Leben aufspüren und ggf. davon erzählen, in denen mir die Botschaft gerade dieses Textes wichtig geworden ist oder werden könnte. Damit bin ich mit dem, was ich sagen will, sehr allein und auf mich gestellt. Das größte Problem, das ich spüre, ist dies: Fast alle Menschen erklären Religion und Glauben zu ihrer Privatsache. Gespräche über den Glauben sind fast schwieriger als über das Sexualleben. Als Prediger soll (und will?) ich das aber öffentlich tun, und das vor Leuten, deren Wohlwollen ich nicht ohne weiteres voraussetzen kann. Ich fühle mich manchmal wie ein Missionar längst vergangener Zeiten, nur riskiere ich nicht mein Leben. Darum treibt mich Echtheit nicht dazu, dass ich alles von mir erzähle. Schon um mich selbst zu schützen, aber auch um die Hörer nicht mit meinen Dingen zu überlasten, und in der Verantwortung vor meinem Auftrag wähle ich aus. Ich muss nicht alles sagen, was echt ist, aber was ich sage, muss echt sein bis in die Formulierung hinein. Das macht es mir oft schwer; aber anders fühle ich mich auch nicht wohl.

Im Gefängnis missverständlich…

Gefangene haben sich mit den gleichen Existenzproblemen auseinanderzusetzen, wie alle anderen auch, nur sehr viel schärfer, weil sie sich in einer Grenzsituation befinden. Darum muss prinzipiell kein Thema ausgeklammert werden. Aber eine Sünden­predigt im Gefängnis trifft auf ein anderes Vorverständnis als in der Gemeinde und wir müssen uns sehr genau überlegen, wie sich Straffälligkeit und Sündhaftigkeit zueinander verhalten. Karl Barth hat in einer seiner Predigten im Baseler Gefängnis gesagt: „Ist euch das klar, dass die Heilige Schrift ein Freiheitsbuch ist und der Gottesdienst eine Freiheitsfeier?“ An der Altarwand des Tegeler Gefängnisses steht: „Wen Jesus befreit, der ist wirklich frei“. Das klingt gerade im Gefängnis missverständlich, vielleicht sogar ärgerlich und hohl. Darum würde ich es wohl nicht so sagen. Und dennoch gilt es dort mehr noch als in der Gemeinde. Nicht nur, dass der Wunsch nach äußerer Freiheit fast alle dort beherrscht, nein, unsere Leute sind ja auch innerlich unfrei. Predigt im Gefängnis als Freiheitsrede, Rede von Freiheit, Rede über Freiheit, Rede zur Freiheit, Lockung und Ermöglichung von Freiheit. Das scheint auch mir das wichtigste homiletische Prinzip und das deckt sich mit der oben postulierten seelsorgerlichen Predigtweise. Ich muss nur sehr genau darüber nachdenken, was denn Freiheit noch anderes sein könnte als: machen können, was ich will. Ich muss Hilfe leisten beim Aufsuchen von Freiräumen, die es auch im Knast gibt. Kurz: Was Freiheit ist und sein kann, verändert sich. Ich könnte dann zu dem Schluss kommen, dass ich um die Sache willen des Worts „Freiheit“ vermeide.

Ähnlich wie mit dem Wort „Freiheit“ geht es mit dem Wort “Hoffnung·. Viele Hoffnungen von Gefangenen sind – nüchtern betrachtet – Illusionen. Es gibt welche, bei denen ist schon die „Hoffnung“ auf ein normales Leben mit Arbeit, Frau und Kindern schlicht Illusion. Solche Hoffnungen möchte ich nicht nähren, schon gar nicht solche auf ein besseres Jenseits. Wir haben also einerseits das Problem, dass niemand ohne Hoffnung leben kann, und wir niemanden verloren geben dürfen, weil der Mensch prinzipiell zu Veränderung und Wachstum fähig ist, wir aber bei einem großen Teil unserer Leute sagen müssen: Aus verschiedensten Gründen haben sie – wenigstens nach menschlichem Ermessen – keine Chance. Und dennoch von Hoffnung sprechen!? Dieses Dilemma kann ich nur lösen, indem ich den Zukunftsaspekt, der der Hoffnung einwohnt, möglichst verringere. Hoffnung wird zum Getrost sein hier und jetzt, zum Ausdruck dafür, dass das Sicht­ bare und Fühlbare nicht die ganze Realität ist. R. Bultmann schreibt zum Hoffnungsbegriff des Alten Testamentes: „Der Fromme weiß sich immer auf das, was Gott tun wird, angewiesen, so dass die Hoffnung nicht durchweg auf Bestimmtes hofft, sich nicht ein bestimmtes Zukunftsbild entwirft, sondern in dem ganz allgemeinen Vertrauen auf Gottes Schutz und Hilfe besteht.“ Dies zeigt eine Richtung, in der Hoffnung für Gefangene zu suchen ist.

Natürlich kann ich auch im Gefängnis über Sünde und Schuld reden. Ich muss mir aber klar machen, dass davon auch der Staatsanwalt, die Eltern und Angehörigen, das Vollzugspersonal geredet haben und noch reden. Und ich weiß, dass Vorwürfe niemandem helfen außer dem, der sie macht. Und schließlich muss ich jeden Eindruck vermeiden, der Straftäter sei ein besonders schlimmer Sünder. Sünder-Sein und kriminell-sein korreliert eben nicht, wie ich versucht habe, vorhin deutlich zu als ich über die Beziehung zwischen dem Straftäter Prediger sprach. Darum kann eigentlich von Sünde und Schuld nur in befreiender, lossprechender Weise gepredigt werden. Manche Prediger lassen sich von Bonhoeffers Wort von der „billigen Gnade“ hindern, so zu predigen. Sie meinen, man müsse das Gesetz davor schalten. Aber so ist Bonhoeffer grässlich missverstanden. Gnade ist immer voraussetzungslos, anders als beim Gnadenerweis der Justiz. Er warnt vielmehr vor einer folgenlosen Gnade und einer folgenlosen Vergebung. Wichtiger aber scheint mir, immer wieder die bedingungslose Annahme, die uns Leben erst ermöglicht, die uns ermöglicht, uns selbst anzunehmen, uns mit uns selbst zu versöhnen. Das Wort Gnade vermeide ich lieber.

Gefangene empfinden stark den Widerspruch zwischen der Vergebung durch Gott und der Notwendigkeit, ihre Strafe abzusitzen. Wenn ich sage: „Bei Gott hat jeder die Chance zu einem Neubeginn“, muss ich mir den Einwand gefallen lassen: „Und was ist, wenn mir die Menschen keine Chance lassen?“ Ich kann mit diesem Widerspruch selbst sehr schlecht leben. Darum vermeide ich das Thema gern. Ich unterstreiche höchstens den Aspekt, dass es wichtig ist, sich selbst zu vergeben, um zu einem Neuanfang zu kommen, und dass wir dazu aufgrund der Vergebung Gottes auch die Erlaubnis haben. Viele machen sich selbst heftige Vorwürfe und verstricken sich in ihrem Bemühen um Änderung und Wiedergutmachung immer wieder neu. Manche Gefangenen möchten, dass im Gottesdienst keine Knastthemen vorkommen. Sie verstehen den Gottesdienst als einen Freiraum, in dem sie ihre Situation auch einmal vergessen, sich von ihr distanzieren können. Andere möchten gerade in ihrer Situation angesprochen werden. Manche erwarten, dass der Prediger zu aktuellen Ereignissen z.B. einem aktuellen Suizid, einem aufregenden Vorfall Stellung bezieht, natürlich in der Regel zu Gunsten der Gefangenen, oder eigentlich besser, den Mächtigen einmal die Meinung sagt. Die Formel, der Pfarrer sei „der Mund der Stummen“ spielt dabei eine Rolle. Das kann auch mal angezeigt sein. Aber wenn der Prediger es schon tut, dann müsste er seine Konfliktbereitschaft vorher sehr genau kennen. Diese vielen divergierenden Erwartungen geben dem Prediger eine große thematische Freiheit, in der er bestimmen kann, was er sagt. Sie werden zur Last, wenn er den Anspruch an sich hat, möglichst alle zufrieden zu stellen. Sie werden zu Freiheit, wenn er die Gewissheit schöpft, dass er wenigstens einige zufrieden macht.

Predigt als Gespräch?

Predigt sei Einbahnkommunikation, sagen viele. Das stimmt nur bedingt. Gefangene reagieren oft sehr spontan, manchmal auch unhöflich. Unruhe, Zwischenrufe usw. sind auch eine Reaktion auf die Predigt. Aber die Reaktion kommt sozusagen auf einer anderen Schiene zurück, so dass der Prediger nicht die Gründe erforschen kann, wenn er nicht die Form sprengen will. Manche finden den Ausweg darin, dass sie Gesprächsgottesdienste halten, was ja manchmal auch Gefangene fordern. Ein Gespräch wäre auch sehr gut, um deutlich zu machen, dass es um eine gemeinsame „Suchbewegung“ geht. Doch leider halte ich das in der Regel nicht für einen guten Ausweg. Es gibt Anstaltsleitun­ gen, die darin ein Sicherheitsproblem sehen. Aber das dürfte kein Argument sein. Ich erlebe, dass die meisten Gefangenen einfach zu wenig in der Lage sind, sich aufeinander und auf ein Thema zu beziehen. Manche können in der Gruppe nicht reden, andere benutzen sie als Forum für Selbstdarstellung. Es kann passieren, dass zwei in einem Gespräch sind, und ein dritter mit einem ganz anderen Thema dazwischenfunkt.

Diese Unfähigkeit ist m.E. Folge ihrer Charakterstruktur, deretwegen sie ja auch kriminell geworden sind. Wären sie kommunikationsfähig, hätten sie viele Probleme nicht, an denen sie leiden. Deshalb finde ich es zwar wichtig, dass sie in einer Gruppe so etwas lernen. Aber dazu ist der Gottesdienst nicht der richtige Ort, jedenfalls dann nicht, wenn ich eine starke Fluktuation in der Anstalt habe. wunderschön wäre natürlich, wenn auch der Gottesdienst ein Lernfeld dafür wird, wie ich mich in der Balance von Autonomie und Interdependenz, oder Freiheit und Bezogenheit bewegen kann. Aber das ist ein mühsamer Prozess und erfordert neben der Kontinuität der Teilnehmer viel Erfahrung und Können vom Leiter. Als Ausweg habe ich, wenn das von der Zahl der Teilnehmer und der Struktur der Anstalt her möglich war, im Anschluss an den Gottesdienst ein Nachgespräch in der Gruppe mit Kaffee angeboten. Das war ein guter Kompromiss. Er erlaubte mir, die geplante Struktur einzuhalten, die Dinge zu sagen, die ich sagen wollte, und dennoch eine Rückkopplung zu ermöglichen.

Die Sprache

Ich glaube, es versteht sich von selbst, dass wir eine einfache, authentische Sprache wählen. Die „Sprache Kanaan“ scheidet aus, weil Gefangene sie nicht mehr selbstverständlich verstehen. Wieweit ich mich auf den Knastjargon einlasse, ist mehr eine Geschmacksfrage als eine theologische. Einmal habe ich mich zu weit darauf eingelassen, der Gaul ist mit mir durchgegangen, und ich habe von „Schließern“ gesprochen. Die saßen nun auch im Gottesdienst und haben es mir ziemlich übelgenommen. Irgendwo dazwischen, mal mehr da, mal mehr da, bewegt sich der Prediger. Für mein theologisches Denken hat es viel verändert, seit ich versuche, auch komplizierte theologische Gedanken in einfache Sprache zu kleiden. Symbole und Bilder aus der Tradition müssen übersetzt oder umschrieben werden. Dabei bleibt naturgemäß manche Feinheit auf der Strecke. Aber das ist nicht unbedingt ein Verlust.

Das Christentum ist einmal die Religion der einfachen Leute gewesen. Und einfache Leute hören gern Erzählungen. Darum ist eine Konsequenz, die Form der Erzählung wieder zu entdecken. Die Erzählung bietet viele Möglichkeiten von Identifikation, setzt andere als rein logische Prozesse in Gang und berührt die Hörer d her auch ganz anders. Ich halte die Erzählung auch für eine gute Möglichkeit, andere Wirklichkeiten zur Sprache zu bringen als die real erfahrene. Mir selbst liegt Erzählen weniger; aber, wenn ich mich darauf eingelassen habe, war das ein lohnender Versuch. Noch einmal: Das Christentum war die Religion der einfachen Leute. Oft habe ich schon gedacht, dass uns unser exegetisches und dogmatisches Wissen einen unbefangenen Zugang zu biblischen Texten eher erschwert. Unsere Hörer sind da im Grunde in einer besseren Situation. Und wenn uns die nicht mehr verstehen, dann sind nicht die Schuld, sondern mit uns ist etwas verkehrt.

Jens G. Röhling | Aus: Seelsorge und Strafvollzug, Band 9

 

1 Kommentar

  1. Ulfrid Kleinert sagt:

    Spontane Reaktion: Der Artikel gefällt mir, weil er klar, selbstreflexiv und klischeefrei geschrieben ist. Es erscheint mir interessant, den Verfasser als Prediger zu erleben. Er hat mich von Anfang an ins Lesen abgeholt.

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