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Hammond-Orgel von der JVA in die Hochschule für Kirchenmusik

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Im Zuge der Umbaumaßnahmen im Jahr 2004 konnte die große Orgel der 140 Jahre alten Anstaltskirche in Herford nicht erhalten werden. An eine neue dem großen Kirchraum angemessene Pfeifenorgel ist aus Kostengründen nicht zu denken gewesen. So wurde mit dem Verein für Gefangenenseelsorge das Projekt einer elektronischen Orgel beschlossen. Die Kosten beliefen sich auf etwa 9.500 Euro. Die Hammond-Orgel hat jetzt die Aufstellung in der Aula der Hochschule für Kirchenmusik Herford-Witten gefunden.

Hier stand die Hammond-Orgel von 2004 bis 2019: In der Kirche der JVA Herford. Inzwischen ist die Kirche neu gestrichen und die Teppiche entfernt worden.

Die Möglichkeit kostengünstig an ein Orgelpositiv oder einer der Ausleihe zu kommen war im Gespräch. Innerhalb der Justiz gab es verschiedene Angebote von solch Positiven aus anderen Anstalten. Selbige waren zwar technisch einigermaßen, aber für die Hörerschaft unpassend ausgesondert worden. Gleichwohl gab es auch dort das Problem, passende Organisten für diese “klassischen” Instrumente zu finden. Im Jugendgefängnis haben die ehemaligen Gefängnisseelsorger im Laufe der Jahre die Erfahrung gemacht, dass durch die elektronischen Klänge – auch aufgrund des früheren Sakropop-Organisten – die jugendlichen Gottesdienstteilnehmer an die sakrale Musik heranzuführen und sie zum Mitsingen zu bewegen sind. Der Größe des Kirchraumes angemessen hat man 2004 nach fachmännischer Beratung das Projekt einer originalrestaurierten Hammond-Kirchenorgel verfolgt. Die Hammond–Orgel wurde damals seitens der Firma Bertram in Freiburg im Breisgau geliefert.

Neuer Ort: Aula der Kirchenmusikschule

„Diese Orgel wird sowohl den Bedarf der gottesdienstlichen Musik wie auch unserer übrigen musikalischen Arbeit – Band mit den Gefangenen , Gospelmusik etc. – abdecken können“, sagt Paul-Gerhard Kenter. „Das Modell ist aus den 60 er Jahren“, erzählt er bei einem Treffen des Vereines für Gefangenenseelsorge Herford e.V. Traurig sei er schon, dass das Instrument nun nicht mehr in der Justizvollzugsanstalt steht. Die Hammond-Orgel hat jetzt die Aufstellung in der Aula der Hochschule für Kirchenmusik in Herford gefunden. Mit dem Raum vertraute Menschen sagen, sie stünde da, als sei das schon immer so gewesen. Nach der Einrichtung aller Verkabelungen und der Erstellung einer Kurz-Bedienungsanleitung für die Studierenden der Kirchenmusiker, haben diese beim Ausprobieren Zeit und Stunde vergessen… „Das sind schöne Erinnerungen an meine ersten Begegnungen mit dem Instrument bei früheren New Orleans-Aufenthalten“, erzählt Ulrich Hirtzbruch, Leiter der Hochschule für Kirchenmusik Herford-Witten der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Im neuen Glanz steht die Hammond-Orgel in der Aula der Hochschule für Kirchenmusik Herford-Witten der Evangelischen Landeskirche in Westfalen.

Im Wert gestiegen

Die Hammond-Orgel steht seit Februar 2022 in der Aula der Kirchenmusikschule für Konzerte und projektbezogenen Unterricht zur Verfügung. „Im Zentrum steht hier besonders die Orgelmusik. Die Hammond kann sehr wohl eine Pfeifenorgel ersetzen und dient bei Gospelsongs zur Begleitung eine wichtige Rolle“, erzählt Hirtzbruch. Mit den zwei Leslies als externe Lautsprechermodule ist die Hammond im fünfstelligen Bereich des Handelspreises gestiegen. Die Leslie-Lautsprecher sind nach seinem Erfinder Donald Leslie (1911–2004) beannt.

Orgelmusik im Jugendknast?

Bis im Jahr 2019 stand die Hammond-Orgel in der Anstaltskirche. Leider spielte sie niemand mehr. Der ehemalige Gefängnisseelsorger Paul-Gerhard Kenter ging 2013 in Ruhestand. Ein Organist konnte nicht gefunden werden. So wurde die Orgel 2019 zur Reparatur ins Musikhaus Stork in Bünde gebracht. Drei Jahre darauf kam sie nun endlich mit einem Dauerleihgabe-Vertrag in die Kirchenmusikschule Herford. In den Gottesdiensten im Jugendvollzug erklingt seit langem Gitarrenmusik zur Begleitung der Lieder. Manche der inhaftierten Jugendlichen lernen Klavier oder texten RAP-Songs. Orgelmusik fasziniert, allerdings ist es nicht das Instrument, bei dem sich die Jugendlichen angesprochen fühlen. Von daher war es nur eine Frage der Zeit, die Hammond-Orgel in die Dauerleihgabe zu geben. Im Gegenzug werden Studierende der Kirchenmusikschule Herford in ein oder zwei Knast-Gottesdiensten die musikalisch Begleitung übernehmen.

Michael King

Erneuter Umzug geplant

Die Hochschule für Kirchenmusik der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) zieht nach Bochum. In einem Neubau auf dem Campus der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe sollen Kirchenmusiker der Fachbereiche Klassisch und Populär ab voraussichtlich Ende 2025 gemeinsam ausgebildet werden. Die bisherigen Hochschulstandorte in Herford und Witten werden geschlossen. „Die Bündelung der Aktivitäten ist für die Hochschule von zentraler Bedeutung. Die heutige Entscheidung ermöglicht die Weiterentwicklung eines schon jetzt bundesweit einmaligen Studienangebots“, begründet Kirchenmusikdirektor Prof. Ulrich Hirtzbruch, Prorektor der Hochschule für Kirchenmusik Herford-Witten. Er bedauert zwar, dass durch die Kirchenleitungsentscheidung vom Mai 2021 eine Zusammenlegung in Herford ausgeschlossen wurde. Die Entscheidung werde von der großen Mehrheit der Dozenten und Studierenden mitgetragen, heißt es von der Hochschule. Somit wird die Hammond-Orgel wieder umziehen müssen.

 

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