Das Zuchthaus Herford und seine Häftlinge 1934-1939 (Folge 36).
Bereits im Jahr der Machtübernahme wurde von den Nationalsozialisten das Büchereiwesen landesweit „gleichgeschaltet”. Von dieser „Gleichschaltung” waren auch die Gefangenenbüchereien betroffen. § 115 der Dienst- und Vollzugsordnung von 1933 erklärte die Aufgaben der Gefangenenbücherei für die NS-Gesellschaft und betonte, dass „besonderer Wert auf solche Werke zu legen ist, die den Geist der sich selbst bejahenden und kraftvoll aufwärtsdrängenden Nation in sich tragen. Bücher und Schriften undeutschen Inhalts sind ausgeschlossen.”
In den Jahren ab 1933 fanden dementsprechend umfangreiche Bücheraussonderungen statt, bei denen „alle Bücher staatsfeindlichen Inhalts und später auch alle von Juden verfassten Bücher ausgesondert wurden”. Nach der Vereinheitlichung der Dienst- und Vollzugsordnung von 1940 (zu diesem Zeitpunkt war das Zuchthaus Herford schon seit mehreren Monaten zu einem Jugendgefängnis umgewandelt worden) sollte „besonderer Wert gelegt werden auf Bücher, die durch rechte Auffassung von deutscher Art, deutschem Volk und deutschem Staat Lebenswerte vermitteln. Den Schriftwerken der nationalsozialistischen Bewegung kommt besondere Bedeutung zu.”
Häftlingsbibliotheken gab es aber nicht nur in den Strafanstalten, sondern auch in einigen Konzentrationslagern, wie etwa Buchenwald und Dachau. Aber auch in diesen beiden KZs besaßen nicht alle Häftlinge das Privileg, lesen zu dürfen; jüdischen Inhaftierten war es ab 1942 generell verboten. Trotz der „Säuberungsaktionen” der Nationalsozialisten dürften in vielen deutschen Strafanstalten des „Dritten Reiches” aber noch zahlreiche Bücher aus der Zeit der Weimarer Republik verblieben sein, wie der Düsseldorfer Kommunist Rudolf Treiber (1904 – 1990), der wegen Vorbereitung zum Hochverrat von 1938 bis Anfang 1945 im Zuchthaus Remscheid-Lüttringhausen inhaftiert und zeitweise für die dortige Führung der Anstaltsbücherei zuständig war, in diesem Zusammenhang berichtet:

Porträtfoto von Gottfried Ballin (1914-1943); ca. 1934, kurz vor seiner Verhaftung. Quelle: Brigitte + Fritz Bilz: Diesen Menschen hat man mir totgeschlagen. Briefe aus Gestapohaft und KZ, Köln 1999
„Das Zuchthaus Lüttringhausen besaß noch aus den Tagen der Weimarer Republik eine Anstaltsbücherei, aus der Häftlinge – bei ‚guter Führung’ versteht sich – wöchentlich ein unterhaltendes und ein belehrendes Buch entleihen konnten. Selbstverständlich hatten die Nazis aus dieser Bibliothek alle ‚anstößigen’ Werke progressiver oder gar jüdischer Autoren ausgemerzt, aber den offenbar nicht sonderlich sachkundigen Zensoren waren immerhin einige ‚artfremde’ Werke bei ihrer Säuberungsarbeit entgangen. Die deutschen und auch einige französische und englische Klassiker waren mehr oder weniger vollzählig präsent. Wer je einmal inhaftiert war, weiß, was ein Buch für einen Gefangenen bedeuten kann. […] Es verstand sich von selbst, daß ich meine Funktion dazu benutzte, die literarischen Wünsche meiner politischen Freunde nach Möglichkeit zu erfüllen, die nationalsozialistischen Propagandaschwarten in ihren Regalen verstauben zu lassen und zudem Genossen Kassiber zu vermitteln.”
Gottfried Ballin
Es ist auffällig, dass die Möglichkeit, in einer Strafanstalt gute Bücher zu lesen, in den Berichten von Häftlingen verschiedener Strafanstalten einen großen Stellenwert hatte. Diese allgemeine Aussage trifft auch für Häftlinge des Zuchthauses Herford zu, wie zum Beispiel für den jüdischen, politischen Häftling Gottfried Ballin. Ballin, geboren am 9. April 1914 in Berlin, gehörte später in Köln zu einer illegalen Widerstandsgruppe der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), einer linken Abspaltung der SPD. Am 31. Mai 1935 wurde er vom IV. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm im Verfahren gegen Richard Rosendahl und andere wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren verurteilt. Die Strafverbüßung erfolgte zunächst in den Zuchthäusern in Münster und Herford.
Briefe an die Mutter
Während seiner Haft in Herford (vom 21. September 1935 bis Juni 1939) schrieb er 24 Briefe, die meistens an seine Mutter gerichtet waren und die in anschaulicher und ausführlicher Weise unter anderem auch auf die Haftbedingungen in dieser Strafanstalt eingingen.
In seinem Brief vom 15. Dezember 1935, seinem 3. Brief aus dieser Strafanstalt, berichtete er unter anderem Folgendes:
„[…] Liebe Mutter, […] ob ich eine feste Tageseinteilung habe. Ja, ich habe eine. Morgens um 6 Uhr aufstehen, im Geschwindtempo gewaschen, im Winter manchmal im Dunklen, denn, wenn ich auf das Licht warte, werde ich mit der Zellensäuberung nicht fertig. Zelle kehren, Kaffee empfangen. Danach Blechzeug putzen, bestehend aus 2 Deckeln, 1 Schippe, 1 Eimer und 1 Waschschüssel aus Zinkblech, bis sie spiegeln. Dann 1/2 Stunde Spaziergang, 2. Zellensäuberung. Englisch bis zum Mittagessen. Lesen bis zum Kaffee, 1/2 Stunde Freiübungen, Lesen bis zum Abendbrot, Lesen – Schlafengehen um 8 Uhr. […]
Zur Zeit lese ich ein Geschichtswerk über die Zeit von 1815-1900. Ganz erträglich. Ich sehe überhaupt zu, dass ich möglichst viel wissenschaftliche Literatur kriege, um so viel wie möglich von der unfreiwilligen Musse zu profitieren. Die englischen Bücher (die seine Mutter im anlässlich eines Besuchs mitgebracht hatte; A.B.) waren mir auch deshalb so willkommen, da ich durch sie in die Lage gekommen bin nur die besten Bücher zu lesen, und wenn ich Kitsch habe, ihn liegen lassen zu können und nur Englisch zu treiben. […]
Ich würde gern mit anderen zusammen lernen, aber die ziemlich indolente Mentalität meines, im Augenblick einzigen Zellengenossen, lässt das nicht zu. Statt dessen lese ich ihm von Zeit zu Zeit wissenschaftliche Artikel aus dem »Leuchtturm« (siehe hierzu Folge 30 der Serie über „Das Zuchthaus Herford und seine Häftlinge 1934 – 1939”; A. B.) vor, und wir sprechen dann über den Inhalt. Jetzt, wo ich die Bibel habe, wollen wir auch daraus manchmal vorlesen. […].”
In seinem zweiten Brief aus dem Zuchthaus Herford an seine Mutter, datiert vom 12. Oktober 1935, schrieb Ballin, dass es nur wenige Bücher gebe („1 Buch pro Kopf und Woche”). Dieser Brief wurde von Ballin zu einer Zeit geschrieben, als die Beschäftigungsmöglichkeiten in den deutschen Strafanstalten noch schlecht waren. Das sollte sich jedoch bald ändern. Stundenlanges Lesen, von dem Gottfried Ballin in seinem Brief vom 15. Dezember 1935 schrieb, war dann nicht mehr möglich.
In seinem Brief vom 16. Februar 1936 schrieb er unter anderem:
„[…] In meinem Leben auf der Zelle ist eine grosse Veränderung vor sich gegangen, ich habe Arbeit bekommen: Tüten kleben und klebe nun mit meinem Philosophen zusammen täglich 10 Stunden. Englisch und Lesen haben wir nun an den Nagel hängen müssen, sind jedoch augenblicklich im Besitz eines Bandes Goethe, Dramen, und lesen abends den Faust. Das hat zur Folge, dass wir tagsüber in Zitaten reden. Ich hatte überhaupt in letzter Zeit ein paar gute Bücher, einen Roman von Andersen, der Improvisator. Dostojewski, Doppelgänger, Helle Nächte, Der kleine Held, und jetzt den Goethe, dessen schöne Sprache uns beide beglückt. Seit wir Arbeit haben, liegen wir nur noch zu Zweien (statt zu Dritt in einer Einmann-Zelle; A.B.).”
Und in seinem Brief vom 22. April 1936 schrieb Gottfried Ballin unter anderem:
„[…] Meine Lage hat sich auch insofern verbessert, als ich mir für die Hälfte des verdienten Geldes Lebensmittel kaufen darf. Wenn es auch nicht viel ist, so brauchen wir das Brot nicht mehr trocken zu essen. […] Seit ich Dir das letzte Mal über Bücher schrieb, haben wir sehr gute Literatur gehabt: Storms sämtliche Werke, Stifter, Studien und »Bunte Steine«, Strindberg, Rausch und Totentanz, Tagore, Gedichte, und jetzt Shakespeare: Königsdramen. Nebenher habe ich anhand einer Länderkunde meine geographischen Kenntnisse aufgefrischt und ein paar oberflächliche Reisebeschreibungen geschmökert.”
Nachdem Ballin und auch andere jüdische Häftlinge des Zuchthauses Herford ab August 1938 zu kräftezehrenden Arbeitseinsätzen außerhalb der Strafanstalt eingesetzt wurden, waren sie abends entsprechend erschöpft: „[…] Abends lege ich mich nach dem Stiefelputzen und Waschen sofort ins Bett und habe daher in letzter Zeit nur wenig gelesen […].” Gottfried Ballin wurde im Zusammenhang mit der Umgestaltung des Zuchthauses Herford in ein Jugendgefängnis am 20. Juni 1939 in das Zuchthaus Siegburg eingeliefert. Nachdem er dort am 17. September 1939 seine Strafe restlos verbüßt hatte, wurde er in „Schutzhaft” genommen und zunächst zum KZ Sachsenhausen überführt, wo er die Häftlingsnummer 9804 erhielt und zunächst im Häftlingsblock 39 und später auch in anderen Häftlingsbaracken untergebracht wurde.
Die Häftlingsbaracken 39 und 38 gehörten zum „kleinen Lager”, in das die SS zwischen November 1938 und Oktober 1942 alle jüdischen Häftlinge zusammenpferchte. „Die Baracke 38 und mit ihr die benachbarten Baracken 37 und 39 erhielten in der Lagersprache den Beinamen ‚jüdische Baracken’, da dort bis 1942 größtenteils Juden untergebracht waren. Auf Anordnung von Heinrich Himmler wurden die jüdischen Häftlinge aller Lager im Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert.” Gottfried Ballin wurde im Winter 1942 vom KZ Sachsenhausen aus zum Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz überstellt, wo er am 4. März 1943 umkam bzw. ermordet wurde.
Armin Breidenbach
Quellen und Literatur
Bilz, Brigitte und Bilz, Fritz: Diesen Menschen hat man mir totgeschlagen. Briefe aus Gestapohaft und KZ, Köln 1999
Jahre in Lüttringhausen. Endstation Wenzelnberg. Berichte von antifaschistischen Widerstandskämpfern, Hrsg.: VVN – Bund der Antifaschisten, Landesvorstand NRW, Düsseldorf o.J.
Peschers, Gerhard: Gefangenenbüchereien als Zeitzeugen. Streifzug durch die Geschichte der Gefangenenbüchereien seit 1850, in: Ketten / Kerker / Knast. Zur Geschichte des Strafvollzugs in Westfalen, hrsg. von Maria Perrefort, Notizen zur Stadtgeschichte 5, Begleitbuch zur Ausstellung Ketten / Kerker / Knast. Zur Geschichte des Strafvollzugs in Westfalen, 16.4. – 16.7.2000, Gustav-Lübcke-Museum Hamm, o. O. 2000, online einsehbar…
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