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„Opferbuch“ erinnert an politische Häftlinge im Zuchthaus Herford

16. Juli 2026

Betsaal des Bochumer Gerichtsgefängnisses in der ABC-Straße, wo im April 1934 der Massenprozess gegen Hermann Blask und weitere 110 Angeklagte stattfand. Einer der Angeklagten war Marcel Rosenkiewicz, der später einen Teil seiner Strafe im Zuchthaus Herford verbüßen musste. Repro: Alfons Zimmer.

Im Rahmen der Recherchen zu dieser Artikelserie konnten bisher über 700 Häftlinge ermittelt werden, die in den Jahren 1934 bis 1939 im Zuchthaus Herford einsaßen; etwa 600 von ihnen waren politische Gefangene. Diesen Zahlen zufolge wären also etwa 85 Prozent der Häftlinge politische Gefangene gewesen; dieser Wert dürfte aber – bezogen auf alle Inhaftierten dieser Strafanstalt – nicht repräsentativ sein. Vor dem Hintergrund, dass sowohl die Gesamtzahl der dortigen Zuchthausgefangenen als auch die Anzahl der politischen Häftlinge unbekannt sind, ist vielmehr von einem erheblich geringerem Anteil der politischen Gefangenen auszugehen.

Das online einsehbare „Opferbuch” von Recklinghausen „erinnert an Opfer des Nationalsozialismus, die in Recklinghausen verfolgt oder misshandelt wurden, an den Folgen der Misshandlungen starben oder ermordet wurden. Der Grund der Verfolgung ist den biografischen Daten zu entnehmen.” Eine kleine Minderheit der in diesem „Opferbuch” erwähnten NS-Verfolgten waren unter anderem auch im Zuchthaus Herford inhaftiert, um dort die gegen sie verhängten Strafen zu verbüßen. Auf die sechs der in diesem „Opferbuch” erwähnten Herford-Häftlinge soll im Folgenden näher eingegangen werden.

Adalbert Kalinowski

Der Elektriker Adalbert Kalinowski, der am 3. Februar 1904 in Oberhausen geboren wurde, wohnte später mit seiner Familie in Recklinghausen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beteiligte er sich am Widerstand gegen dieses Regime. Am 8. März 1935 wurde er vor dem Oberlandesgericht (OLG) Hamm wegen Vorbereitung zum Hochverrat (illegale Arbeit für die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD)) zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt (Aktenzeichen: O.Js. 464/34). Diese Strafe musste er im Zuchthaus Herford verbüßen; wie lange er dort inhaftiert war, ließ sich noch nicht ermitteln. Adalbert Kalinowski starb am 26. September 1966 in Recklinghausen.

August Kastner (1899-1978). Quelle: Privat

 

August Kastner

Der Bergmann August Kastner, der am 17. Februar 1899 in Ludwigsdorf, Kreis Neurode (Schlesien) geboren wurde und ab 1912 mit seiner großen Familie in Recklinghausen wohnte, war schon in jungen Jahren in politische Aktionen eingebunden worden, wie er in seiner Autobiographie schreibt: „Da war das Jahr 1912. Großer Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet. Ich war damals 13 Jahre alt und durfte schon manches mal für die Sozis Flugblätter unter die Türen schieben und, wenn der Vater krank war, die Bergarbeiterzeitung des ‚Alten Bergarbeiter Verbandes’ zu den Mitgliedern bringen.”

Und August Kastner weiter: „Wir waren mit Oma, Vater, Mutter und sieben Kindern zehn Personen am Tisch und hatten nur einen Ernährer. Die unsicheren Zeiten gingen jedoch vorbei und Vater verlor seinen Arbeitsplatz doch nicht. Wir hatten als Kinder, trotz aller wirtschaftlicher Not, doch eine schöne Jugend, denn Vater und Mutter waren aufgeschlossen und ließen uns an allem teilnehmen, soweit es ihnen finanziell möglich war. Unvergessen und tief eingeprägt bleiben mir die Attacken, die die kaiserlichen Ulanen gegen die streikenden Kumpels ritten, wenn diese sich an bestimmten Punkten sammelten, um die Streikbrecher nach verfahrener Schicht in Empfang zu nehmen. Uns Jungen machte das Freude.”

August Kastner, der 1918 Mitglied der SPD geworden war, gehörte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 zu den Sozialdemokraten, die im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv wurden. Unter anderem war er an der Verbreitung illegaler sozialdemokratischer Druckschriften beteiligt: „Meine Wohnung und mein Geschäft befanden sich in dem gleichen Hause, in dem sich auch die Geschäftsstelle des Bergarbeiter- und Bauarbeiterverbandes befand. Als die motorisierte SA am 2. Mai 1933 die Gewerkschaftsbüros besetzten, mußte ich aus meinem Laden. Es handelte sich ja um einen gewerkschaftlichen Betrieb. Ich regelte meine Geschäftsangelegenheiten noch mit Berlin, dann meldete ich mich auf dem Arbeitsamt. Eine Arbeit wurde mir jedoch von dort bis zu meiner Verhaftung am 17.02.1936 – dem Tage meines 37. Geburtstages – nicht zugewiesen.”


Nach seiner Festnahme wurde er zunächst in das Polizeipräsidium Recklinghausen und am 12. März 1936 in das Gerichtsgefängnis Recklinghausen eingeliefert. Von dort aus wurde er am 26. Juni 1936 zum Untersuchungsgefängnis Essen und am 5. Oktober 1936 von dort aus zum Gefängnis Hamm überführt, vermutlich um dort als Zeuge in einem Prozess auszusagen. 15 Tage später wurde er wieder zurück nach Essen verlegt; von dort aus wurde Kastner am 12. April 1937 zum Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit überstellt. Am 22. April 1937 wurde er im Verfahren gegen Franz Kastner und andere vom 2. Senat des Volksgerichtshofes wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren und zu Ehrverlust verurteilt.

August Kastner berichtete später: „Das Urteil des Volksgerichtshofes Berlin gegen mich lautete auf vier Jahre Zuchthaus und Ehrverlust wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Aus meiner Familie wurden weiterhin verurteilt zu 3 Jahren Zuchthaus Bruder Franz Kastner, zu 3 Jahren und 9 Monaten Schwager Paul Völkel, Schwager Oswald Scholz erlitt 3 Monate Untersuchungshaft und Schwiegermutter Käthe Schulz drei Wochen Gerichtsgefängnis. Einem weiteren Schwager war es möglich, rechtzeitig nach Holland zu fliehen und dort nach Einmarsch der Deutschen Truppen im Untergrund zu überleben.”

Als Stationen seiner weiteren Haft gab August Kastner „Moabit Berlin, Gefängnis Volksgerichtshof, zurück Berlin-Moabit, Zuchthaus Plötzensee, Zuchthaus Herford, Arbeitskommando Espeln und Kommando Wiedenbrück” an. Wie lange August Kastner im Zuchthaus Herford inhaftiert war, ließ sich bisher nicht ermitteln; auch Einzelheiten über seine dortige Haft sind nicht bekannt. Am 22. Februar 1940 wurde August Kastner aus dem Strafgefangenenlager Oberems bei Gütersloh nach Hause entlassen:

„1940 war meine Haft zu Ende, die Frau hatte ihren Mann und der Junge seinen Vater zurück. Ich ging in meinen erlernten Beruf und wurde wieder Bergmann. Ständige Beobachtungen und Kontrollen auch über meine Familie, ließen mich vorsichtig sein. […] Am 1. Juli 1945 wurde ich, nachdem wir in allen Orten und Städten den Aufbau der Partei in Angriff genommen hatten, Sekretär des SPD-Unterbezirks Recklinghausen unter dem Vorsitzenden Paul Rhode. Ich blieb in dieser Stellung bis zu meiner Pensionierung im Oktober des Jahres 1962.”

August Kastner, der nach 1945 Vorsitzender des Entnazifizierungsausschusses in Recklinghausen war, starb am 12. Oktober 1978.


Theophil Latoszewski

Der Bergmann Theophil Latoszewski, der am 20. April 1899 in Barchnau/Kreis Preuß. Stargard (Provinz Westpreußen) geboren wurde, lebte später mit Ehefrau und vier Kindern in Recklinghausen. Ab 1928 war er Mitglied der KPD und deren Nebenorganisationen Rote Gewerkschaftsopposition (RGO) und Rote Hilfe. Auch Theophil Latoszewski gehörte zu denjenigen, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Widerstand gegen dieses Regime aktiv wurden. Aber auch er wurde festgenommen und am 20. März 1937 in das Gerichtsgefängnis Recklinghausen eingeliefert. Von dort aus wurde er am 9. Oktober 1937 zum Gerichtsgefängnis Hamm überführt.

Vier Tage später wurde er vom Oberlandesgericht Hamm wegen Vorbereitung zum Hochverrat (illegale Arbeit für die KPD) zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt (Aktenzeichen: 5 O.Js. 133/37). Etwa vier Wochen nach der Urteilsverkündung, am 8. November 1937, wurde er von Hamm aus zum Zuchthaus Münster überführt. Später wurde Latoszewski in das Zuchthaus Herford verlegt, von wo aus er vermutlich am 16. Juni 1939 entlassen wurde. Wie das Adressbuch der Stadt Recklinghausen für 1949 belegt, lebte Theophil Latoszewski auch noch nach dem Krieg in Recklinghausen; er starb dort am 16. April 1955.

Fritz Richard Mahn

Der Regierungsoberinspektor beim Landesarbeitsamt Münster, Fritz Richard Mahn, der am 25. Dezember 1896 in Crimmitschau/Zwickau geboren wurde, lebte später zusammen mit seiner Familie in Recklinghausen. Mahn, der vermutlich Mitglied oder zumindest Anhänger der SPD gewesen war, leistete im „Dritten Reich” Widerstand gegen das NS-Regime. Er wurde festgenommen und befand sich vom 21. Februar bis März 1936 in Haft bei der Gestapo Bochum und anschließend bis zum September 1936 im Gerichtsgefängnis Recklinghausen. Von dort wurde er zum Gerichtsgefängnis Hamm überführt. Am 17. Oktober 1936 wurde er vor dem Oberlandesgericht Hamm wegen Vorbereitung zum Hochverrat (illegale Arbeit für die SPD) zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren verurteilt.

Im November 1936 wurde er vom Gerichtsgefängnis Hamm aus zwecks Strafverbüßung zum Zuchthaus Herford überführt. Von dort aus wurde er bereits im Januar 1937 in das Strafgefangenenlager Esterwegen eingeliefert. Im Juni 1937 erfolgte seine Verlegung zum Strafgefangenenlager Aschendorfermoor, aus dem er am 17. Dezember 1939 entlassen wurde. Fritz Richard Mahn überlebte den Krieg und wurde nach 1945 als politisch Verfolgter anerkannt. Ab 1952 wohnte er in Bottrop; auch sein weiterer Lebensweg ist bis jetzt unbekannt.

Roman Malicki

Der Bergmann Roman Malicki, der am 31. Juli 1895 in Storchnest/Kreis Lissa/Polen geboren wurde, wohnte in den 1930er Jahren mit seiner Familie in Recklinghausen. Auch er gehörte zu denjenigen, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Widerstand gegen das NS-Regime leisteten. Aber auch er wurde festgenommen und am 25. März 1937 von der Polizei in das Gerichtsgefängnis Recklinghausen eingeliefert. Am 12. Juni 1937 wurde Malicki von dort aus zum Gerichtsgefängnis Hamm überführt. Bereits drei Tage später wurde er vor dem OLG Hamm wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens (illegale Arbeit für die KPD) zu einer Zuchthausstrafe von zwei Jahren Jahren und sechs Monaten verurteilt (Aktenzeichen: O.Js. 138/37), die er im Zuchthaus Herford und im Straflager Gütersloh verbüßen musste. Sein Entlassungszeitpunkt aus der Haft ist unbekannt. Wie das Adressbuch der Stadt Recklinghausen für 1949 belegt, lebte Roman Malicki auch noch nach dem Krieg in Recklinghausen.

Marcel Rosenkiewicz

Der Bergmann Marcel Rosenkiewicz, der am 31. Januar 1896 Bukowitz/Kreis Schwetz/Westpreußen geboren wurde und als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und mit dem EK II ausgezeichnet worden war, wohnte in den 1930er Jahren zusammen mit seiner Ehefrau in Recklinghausen. Bereits vom 10. Februar 1933 bis zum 10. März 1933 war er aus politischen Gründen (Verdacht auf Vergehens und Verbrechen gegen §§ 128, 129 und 86 Strafgesetzbuch) im Gerichtsgefängnis Recklinghausen inhaftiert. Rosenkiewicz, der Mitglied der KPD und des kommunistischen Einheitsverbandes der Bergarbeiter war, beteiligte sich nach dem 30. Januar 1933 am Widerstand gegen das NS-Regime. Bereits einige Wochen nach seiner ersten Inhaftierung wurde er erneut festgenommen und befand sich ab dem 27. April 1933 in Recklinghausen in Untersuchungshaft. Einige Zeit später wurde er nach Bochum überführt.

In einem Schreiben vom 30. April 1934 teilte die Staatspolizeistelle Recklinghausen dem Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin (Gestapa) mit, dass es im Oktober 1933 gelungen sei, „eine illegale Neuorganisation der K.P.D. in Recklinghausen und Herne aufzudecken und unschädlich zu machen. […] Bei dieser Aktion wurden in Recklinghausen […] und in Herne über 110 Personen, darunter 25 Funktionäre (sic!) festgenommen.”

Wie dem oben zitierten Schreiben zufolge außerdem zu entnehmen ist, fand der Massenprozess gegen Hermann Blask und weitere 110 Angeklagte in der Zeit vom 17. bis zum 21. April 1934 im Betsaal des Gerichtsgefängnisses Bochum statt. Einer der Angeklagten war Marcel Rosenkiewicz, der in diesem Verfahren wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt wurde. Rosenkiewicz verbüßte diese Strafe bis zum 27. Februar 1935 in der Strafanstalt Werl.

Diese Strafe hielt ihn offensichtlich nicht davon ab, nach seiner Haftentlassung erneut im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv zu werden; denn am 7. Juni 1937 wurde er erneut wegen Vorbereitung zum Hochverrat in das Gerichtsgefängnis Recklinghausen eingeliefert. Von dort aus wurde er am 28. August 1937 zum Gefängnis Hamm überführt, wo er zwei Tage später eintraf. Am 1. September 1937 wurde Rosenkiewicz in einem Prozess gegen fünf Bergleute aus Recklinghausen wegen Vorbereitung zum Hochverrat (Hören und Verbreiten der Meldungen des Moskauer Senders in Recklinghausen) zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren verurteilt (Aktenzeichen: 5 0.Js. 216/37). Am 20. September 1937 wurde er vom Gerichtsgefängnis Hamm aus zwecks Strafverbüßung zunächst zum Zuchthaus Münster und später von dort zum Zuchthaus Herford überführt. Wie lange er dort inhaftiert war, ist bis jetzt unbekannt. Marcel Rosenkiewicz, über den eine Gefangenenpersonalakte aus dem Gefangenenlager Oberems überliefert ist, wurde vermutlich am 1. Juni 1941 aus der Haft entlassen. Sein weiterer Lebensweg ist bis jetzt unbekannt; im Adressbuch der Stadt Recklinghausen für 1949 ließ sich kein Hinweis auf ihn finden.

Armin Breidenbach

Thematischer Überblick zur gesamten Artikelserie


Quellen und Literatur

Adressbuch 1949 Recklinghausen
Arndt, Norbert: Schriftliche Auskunft vom 18.6.2026
Arolsen Archives, Online-Archiv: verschiedene Dokumente
Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, Detmold: Schriftliche Auskunft vom 29.6.2026
Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen, Münster: Schriftliche Auskunft vom 14.7.2026

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Schmidt, Ernst: Lichter in der Finsternis. Widerstand und Verfolgung in Essen 1933 – 1945. Erlebnisse – Berichte – Forschungen – Gespräche, Frankfurt/M. 1979
Stadtarchiv Oberhausen: Schriftliche Auskunft vom 17.6.2026
Stadtarchiv Recklinghausen: Sterbeurkunde von Theophil Latoszewski bzw. schriftliche Mitteilung vom 23.6.2026
Opferbuch Recklinghausen  | Autobiografie August Kastner

 

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