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Sie immer mit dem Glauben an das Gute im Menschen!

Vom Nutzen der Seelsorge für die Gefangenen
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Rolle der Gefängnisseelsorge in der Corona-Krise
1. April 2020

Kindersonderbesuch in der Justizvollzugsanstalt Würzburg. Illustriert von Romina Birzer.

„Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ – der Dienst als GefängnisseelsorgerIn ist ursprünglich und doch „besonders“: Gefangene zu besuchen ist eines der sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit und überhaupt nicht neu. Wie heißt es im Matthäusevangelium 25, 35 – 36: „Jesus sagt: ´Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.`“

Und wirklich, Jesus war gefangen genommen worden, vor den Hohen Rat geführt, bei Pilatus angeklagt, von Herodes verspottet und am Ende gekreuzigt, als Todesstrafe. Und oft genug ist in der Bibel davon die Rede, dass jemand Gefangener war: Josef in Ägypten im Buch Genesis oder Simson im Buch Richter. Johannes und Petrus der Täufer kamen zu Tode in Haft. Später diverse MärtyrerInnen. Und obwohl es z.T. ganz nüchtern in der Bibel beschrieben steht, ist es in der heutigen Zeit für so viele ChristInnen so erstaunlich, dass GefängnisseelsorgerInnen nicht nur Gefangene besuchen, sondern im Gefängnis arbeiten. Vielleicht war es in den frühchristlichen Gemeinden anders, wenn es im Hebräerbrief 13,3 heißt: „… denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen!“

Jeder Tiger hat noch andere Seiten in sich, die sichtbar werden können. Zeichnung: Anne Stickel

Warum engagieren Sie sich für Täter?

Fragen wie: „Hast du keine Angst?“ wechseln mit Bewunderungsäußerungen: „Hut ab, dass du dich das traust!“ oder „Ein wichtiger Dienst!“, „Ich kann dich nur bewundern!“ Welche Vorurteile oder wie viel Unkenntnis über die Menschen in Haft schwingen dabei auch manchmal mit und auch wie viel Barmherzigkeit. Es klingt so „normal“: „Gefangene besuchen“ als Werk der Barmherzigkeit und mit Blick auf Jesus als eine ganz ursprüngliche christliche Geste oder Handlung, die jede und jeder vollbringen kann; und doch ist unser Seelsorgedienst in den Gefängnissen ein besonderer Dienst. Gefängnisseelsorge wird in den deutschen Bistümern mit anderen Feldern der „Kategorie“ unter Sonderseelsorge genannt. Manche sehen diese als nicht so wichtig an gegenüber der territorialen Gemeindeseelsorge.

Welche einschlagende Wirkung hatte die Fußwaschung von Papst Franziskus im Jugendgefängnis „Casal del Marmo“ in Rom. Die Bilder gingen durch die Medien als etwas ganz Besonderes und Überraschendes. Doch wie sehr wird in seinen Gesten deutlich, dass sich Papst Franziskus als Diener für alle Menschen versteht, besonders der am Rande der Gesellschaft stehenden oder sogar ausgegrenzten, ganz nach den Worten im Matthäusevangelium. Fast hatte man in Folge dessen bis jetzt den Eindruck, dass es „Hip“ war, als kirchlicher Würdenträger Gefangene und Gefängnisse zu besuchen. Nun, wir wollen niemandem Unrecht tun.

Können nicht entrinnen

Die Situation von Gefangenen und auch der GefängnisseelsorgerInnen heute unterscheidet sich in Deutschland sehr von der Zeit vor der Strafrechtsreform von 1969, als es noch die Zuchthäuser gab. Auch hießen früher Gefängnisse oft Arrest- und Besserungsanstalt oder Zucht- und Korrektionsanstalt. Mit Schrecken erinnern wir uns heute noch an das NS-Regime und die vielen Hinrichtungen auch in Gefängnissen. Allein aus der Kölner Geschichte des „Klingelpütz“ (Kölner Gefängnis in der Innenstadt bis 1969) ist bekannt, dass die Aufgabe des Gefängnispfarrers u.a. darin bestand, die Gefangenen zur Hinrichtung zu begleiten.

Heute haben es GefängnisseelsorgerInnen mit Menschen in unterschiedlichen Haft- und Arrestformen zu tun: von der Auslieferungshaft, dem Jugendarrest, Ersatzfreiheitsstrafen, Ungehorsamshaft, Untersuchungshaft, Strafhaft bis hin zur Sicherungsverwahrung. Jede Haftform bringt spezifische Einschränkungen der individuellen Freiheit mit sich und belastet Inhaftierte auch individuell unterschiedlich. In der Zeit, während wir als GefängnisseelsorgerIn in den Justizvollzugsanstalten tätig sind, sind wir auch mit den Lebensbedingungen und der je individuellen Not der Inhaftierten in diesem „geschlossenen System“ konfrontiert. Wir können nicht entrinnen oder weg schauen, wenn wir unseren Dienst ernst nehmen.

Nicht müde werden

Wie oft kommen Inhaftierte zu uns GefängnisseelsorgerInnen und ihnen fällt es schwer, an die Möglichkeit, dass ihnen vergeben wird, zu glauben und Barmherzigkeit anzunehmen, um daraus gestärkt einen Neuanfang zu wagen, aber sie erzählen uns genau die Dinge, die sie so belasten, die sie nicht los werden, um die ihre Gedanken kreisen. Ein leitender Beamter von Sicherheit und  Ordnung hat mir mal vorgeworfen: „Sie immer mit Ihrem Glauben an das Gute im Menschen!“ Wenn wir das nicht hätten, was soll dann das Reden über Resozialisierung? Einsicht, Vergebung annehmen, Umkehr sind aus Sicht der Seelsorge unabdingbar für einen auch von Gott zugesprochenen Neuanfang.

Am selben Abend vor dem Angelusgebet sagte Papst Franziskus damals:

Es beeindruckt die Haltung Jesu: Wir hören keine Worte der Verachtung, wir hören keine Worte der Verdammung, sondern nur Worte der Liebe, der Barmherzigkeit, die zur Umkehr auffordern. […] Gott wird es nie müde, uns zu vergeben, nie! […] Er wird es nie müde, zu vergeben, doch wir werden bisweilen müde, die Vergebung zu erbitten. Wir wollen dessen nie müde werden, nie! […]

Ja, Brüder und Schwestern, das Gesicht Gottes ist das eines barmherzigen Vaters, der immer Geduld hat. Habt ihr an die Geduld Gottes gedacht? Die Geduld, die er mit einem jeden von uns hat? Das ist seine Barmherzigkeit. Immer hat er Geduld, Geduld mit uns, er versteht uns, er wartet auf uns, er wird es nicht müde, uns zu vergeben. Wir sind es, die müde werden, ihn um Vergebung zu bitten! Erbitten wir also die Gnade, dass wir nicht müde werden, um Vergebung zu bitten […]“

Papst Franziskus, „Und jetzt beginnen wir diesen Weg“, Freiburg, 2013, S. 34

In unseren alltäglichen Gesprächen hören wir immer wieder von den Dingen, den Taten, den Lebenserfahrungen, die die gefangenen Menschen so tief in ihrer Seele belasten. Auch sie sind oft genug selbst Opfer gewesen und später zu Tätern und Täterinnen geworden. Vergebung erfahren lässt auch die Fähigkeit in einem wachsen, selbst anderen zu vergeben. Am schwersten ist es für viele, die große Schuld auf sich geladen haben, sich selbst zu vergeben. Sie trauen Gott eigentlich nicht zu, dass er ihnen vergibt. Barmherzigkeit Gottes anzunehmen, ist eine Gnade, um die wir Gott für uns selbst und für Gefangene bitten dürfen.

Denn auch GefängnisseelsorgerInnen bedürfen der Barmherzigkeit Gottes, damit wir mit uns selbst barmherzig umgehen: wahrnehmen, wenn wir eine Pause brauchen; um Vergebung bitten, wenn wir einen Fehler gemacht haben; unsere Grenzen akzeptieren, um nicht unter der Last dessen, was uns Gefangene oder Bedienstete anvertrauen, zusammenzubrechen. Wir dürfen als MittlerInnen Gott alles Schwere in seine geduldigen, liebenden Arme legen.

Dorothee Wortelkamp-M’Baye, JVA Köln | “Barmherzigkeit im Gefängnis”

 

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