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Vermittlung zwischen getrennten Welten

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Brücken zu bauen zwischen der Welt der Justizvollzugsanstalt, die oft ganz bewusst aus der Realität ausblendet wird, und der übrigen Welt unserer Gesellschaft und Kirche(n), ist eine der zentralen Aufgaben von Gefängnisseelsorge. Die GefängnisseelsorgerInnen im Erzbistum Berlin haben dies in ihrem Profil formuliert.

„Durch unsere Stellung als Seelsorger innerhalb des Gefängnisses sind uns besondere Möglichkeiten gegeben. Wir können zwischen der Institution des Gefängnisses und den einzelnen Gefangenen vermitteln, wir können zur Verständigung beitragen und Brücken zu Angehörigen schlagen, uns ist es möglich, vorherrschende Bilder in Kirche und Gesellschaft zu korrigieren.“ Es geht darum, die Welt der Gefängnisse, die Sorgen und Nöte von Gefangenen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern ins öffentliche Bewusstsein zu rufen. In Fernsehen, Rundfunk und den Printmedien beschränkt sich die Berichterstattung in der Regel auf die Taten, derer Menschen beschuldigt werden beziehungsweise verurteilt wurden. Der Reduzierung von Menschen auf ihre Taten will Gefängnisseelsorge bewusst entgegen wirken.

SeelsorgerIn als VertreterIn in der Öffentlichkeit

Allein schon durch die Präsenz von SeelsorgerInnen in Justizvollzugsanstalten stellt Kirche Öffentlichkeit her. Einige Beispiele für Situationen, in denen Seelsorger Gefangene unterstützen können, um Brücken zu bauen:

  • Vermittlung in Konflikten zwischen Gefangenen und Bediensteten.
  • Unterstützung durch ein Gespräch, wenn der Kontakt zu Familienangehörigen gerade brüchig ist.
  • Hilfe bei der Entlassungsvorbereitung.

Inhaftierte sehen sich oftmals nicht nur vor den äußeren Gräben gestellt, sondern spüren diese auch in sich. Sie haben Ungelöstes (keine Ausbildung, Arbeitslosigkeit, Alkoholerkrankung, psychische Traumatisierung etc.) in ihrem Leben ausgeblendet oder keine Lösung dafür gefunden, und sind in der Folge letztlich im Gefängnis gelandet. SeelsorgerInnen können dabei unterstützen, Verantwortung für ihre Taten und die damit verbundenen Auswirkungen zu übernehmen, und somit ihrer Versöhnung mit sich und der Gesellschaft näher zu kommen. Verbunden ist damit oft die Auseinandersetzung mit Schuld und Scham. Eine seelsorgerische Begleitung ermöglicht die Annahme und Integration der Geschichte und der eigenen Persönlichkeit.

Stellung der Gefängnisseelsorge in der JVA

SeelsorgerInnen stellen nicht nur Öffentlichkeit her, sondern stehen selbst in der Öffentlichkeit innerhalb des Gefängnisses. Die Stellung des Seelsorgers unterscheidet sich von anderen Berufsgruppen einer Justizvollzugsanstalt. Gekennzeichnet ist sie zum Beispiel dadurch, dass sie zugleich VertreterIn von Kirche und Fachdienst-MitarbeiterInnen der Justizvollzugsanstalt sind. Des weiteren kommt das Privileg des Seelsorgegeheimnisses und des Zeugnisverweigerungsrechtes hinzu. Diese besondere Stellung kann bei dem ein oder anderen MitarbeiterIn der Anstalt Zurückhaltung hervorrufen. Gerade in den ersten Jahren der Tätigkeit als Seelsorger in einer JVA ist es sehr wichtig, Vertrauen zu schaffen. Aber auch Gefangene prüfen genau, ob sie ein Angebot der Seelsorge in Anspruch nehmen, unter anderem weil die meisten keinen Kirchenbezug haben.

Geschlossene Türen in einer Justizvollzugsanstalt. GefängnisselsorgerInnen gehören zu den Schlüsselträgern. Können sie trotzdem andere Türen öffnen?

Daran zeigt sich, dass es nicht nur einfach von der Stellung im System einer Justizvollzugsanstalt oder von der christlichen, atheistischen, antikirchlichen Prägung der gesellschaftlichen Realität abhängt, wie kirchliche Seelsorge gesehen wird, sondern entscheidend ist, wie dieser Raum von den einzelnen SeelsorgerInnen gefüllt wird. Verfehlungen von Gläubigen und Kirchenvertretern außerhalb des Gefängnisses treten in der Situation einer Justizvollzugsanstalt in den Hintergrund, und das obwohl zum Beispiel Inhaftierte, die wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurden, auf der untersten Hierarchiestufe im Gefängnis stehen. Damit Seelsorge als Angebot (Entscheidungsspielräume gibt es im Gefängnis sehr wenige) für viele unterschiedliche Gefangene und Bedienstete möglich wird, sind vor allem folgende Haltungen und Fähigkeiten zu pflegen:

  • Ehrlichkeit, Transparenz und Verlässlichkeit sind sicherlich die wichtigsten. Sie sind alles andere als selbstverständlich. Beispielsweise durch das Einhalten von Terminen oder Zusagen wird Vertrauen geschaffen. Hierzu zählt auch das unbedingte Schützen des Seelsorgegeheimnisses.
  • Die Bereitschaft, sich auf persönliche Kontakte einzulassen und die eigene Beziehungsfähigkeit weiter zu entwickeln.
  • Nicht zu vergessen ist das Einhalten einer professionellen Unabhängigkeit zu Gefangenen und Mitarbeitern der Anstalt, um in der jeweiligen Situation angemessen reagieren zu können.

Unterschiedliche Bedürfnisse einzelner

Wichtig ist die Anerkennung der Tatsache, dass es unterschiedliche Bedürfnisse gibt. Darin kommt der Respekt dem einzelnen Menschen gegenüber zum Ausdruck. Im Land Brandenburg wenden sich wenige Getaufte und viele Ungetaufte an die Gefängnisseelsorge. Dies tun sie mit ihrem je unterschiedlichen Bedürfnis. Deshalb haben SeelsorgerInnen viele verschiedene Aufgaben. Gemeint ist damit aber nicht die unverantwortete Erfüllung aller Wünsche von Gefangenen und Bediensteten.

Auch die Gottesdienstbesucher kommen mit ganz unterschiedlichen Motivationen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich die Gottesdienstbesucher nur bedingt mit den Gefangenen decken, die sich in regelmäßigen, persönlichen und intensiven Gesprächen mit ihrem Leben konstruktiv auseinandersetzen.
Durch das Ernstnehmen der Bedürftigkeiten im Mangelsystem Gefängnis wird Glaube im Gefängnis konkret. Es wird erfahrbar, dass Leben und Glauben untrennbar zusammen gehören.

Es ist zudem die eigene Glaubwürdigkeit zu nennen. Wenn Inhaftierte Fragen stellen, dann wollen sie konkrete Antworten, die sie nachvollziehen können. Deshalb spielt die Zurverfügungstellung von eigenen Lebens- und Glaubenserfahrungen eine bedeutende Rolle. Das Leben der oben genannten Haltungen und Fähigkeiten bereitet den Boden für einen glaubwürdigen Glauben und eine glaubwürdige Kirche.

Patrick Beirle | JVA Neuruppin-Wulkow und Wriezen

 

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