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Geschichten von Menschen, die ins Ruhrgebiet einwanderten

Eine Schreibwerkstatt zu Corona-Weihnachten
30. Oktober 2020

Ein kostbarer Schatz an Erfahrungen: 60 Menschen aus verschiedenen Ländern berichten von ihren Erlebnissen des Ankommens im Ruhrgebiet. Sie sind im Laufe der vergangenen 75 Jahre aus ganz unterschiedlichen Gründen in eine häufig ungewisse Zukunft aufgebrochen. Nach einer Flucht vor Krieg und Gewalt, auf der Suche nach Arbeit, aus Abenteuerlust oder der Liebe wegen haben sie in Recklinghausen, Gelsenkirchen oder Bottrop einen Neuanfang gewagt. Migration? Es gab sie schon zu allen Zeiten.

Seit Menschen die Erde besiedeln, wechseln sie aus unterschiedlichen Gründen ihre Wohnorte. Oft legen sie weite Strecken zurück, um sich anderswo niederzulassen. Dies stellt sowohl die Zugewanderten als auch die aufnehmende Gesellschaft vor Herausforderungen. Historische Erfahrungen zeigen, dass Gesellschaften in erstaunlicher Weise aufnahmefähig sind. Migration und Integration formen schon immer unsere Gesellschaft. Wir schauen auf Migrationsgeschichten der vergangenen 300 Jahre. Welche Gründe bewegten die Menschen damals, ihren Wohnort zu wechseln? Wie entwickelte sich ihr Leben? Was bedeutete ihre Ankunft für die Menschen vor Ort?

Als in den 60ern „Gastarbeiterzüge“ in den Ruhrpott-Bahnhöfen hielten, war Deutschland schon seit langem Einwanderungsland. Bereits im 17. Jahrhundert kamen Glaubensflüchtlinge nach Preußen. Streng genommen war vor der Gründung des Deutschen Reiches 1871 bereits der Umzug von Stuttgart nach Mannheim oder von Osnabrück nach Münster Migration, wurden doch die Grenzen eigenständiger Staaten – Königreiche und Großherzogtümer – überschritten. Solche Mobilität, sei es als Suche nach Arbeit oder neuen Lebensperspektiven, als Teil der Ausbildung, zur Familiengründung oder als Flucht vor Hunger und politischer Verfolgung, war normal und gerade in strukturschwachen Regionen auch politisch erwünscht. Industrielle Zentren wie das Ruhrgebiet oder die Montanindustrie Sachsens zogen hunderttausende von Arbeitskräften und ihre Familien an.

Heute leben etwa 20 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. „Ich bin ein Drittel Türke und zwei Drittel Deutscher. Mit 21 bin ich nach Deutschland gekommen. Bin ich Deutscher oder Türke? Ich bin beides,“  so ein junger Mann im Gespräch.  Das Projekt “Ankommen in Recklinghausen unter der Federführung von Gerburgis Sommer stellt in kurzen Portraits einzelne Personen oder Bevölkerungsgruppen vor, die in den vergangenen dreihundert Jahren ins Ruhrgebiet eingewandert sind. Sie möchten herausfinden, wie sie sich hier eingelebt haben und fragen nach ihren Visionen für ein Miteinander verschiedener Kulturen. Alteingesessene und NeubürgerInnen entdecken gemeinsam Beispiele für ein gelungenes Miteinander und benennen Probleme des Zusammenlebens. Im interkulturellen Dialog entwickeln sie gemeinsam eigene Ideen für ein gutes Miteinander in den Ruhrstädten.

Filmbeitrag: Suleiman, 25 Jahre und Edeltraud, 86 Jahre. Beide Geflüchtete.

Gerburgis Sommer war von den Geschichten der Flüchtlinge in Haltern am See so beeindruckt, dass sie diese weitererzählen wollte. Sie initiierte eine Ausstellung “Schau mich an – Gesichter einer Flucht“. Die freie Journalistin begegnete dem Fremden mit Offenheit und ehrlichem Interesse. “Ich wollte wissen, welche Geschichte diese Menschen zu erzählen haben und was sie empfinden.” “Viele Geflüchtete waren froh, dass ich mehr von ihnen erfahren wollte, dass auch ihre Vergangenheit zählte, dass mich mehr als nur ihre jetzige Situation interessierte. Die Lebenswege, von denen sie erfuhr, erschütterten sie. “Wenn ein junger Mann berichtet, wie seine Familie getötet wurde, wie er alles zurückließ, um zu überleben, und unter welch katastrophalen Umständen er nach Deutschland kam – dann raubt mir das immer noch den Atem.”

Bei ihrem Engagement spürte sie, was sie mit ihrer Idee bei allen Beteiligten anstieß. “Da ist ganz viel Betroffenheit”, sagt sie. Vor allem wachse aber ein Verständnis für die Situation der Flüchtlinge. Dass sie in der Ausstellung auch Fluchtgeschichten nach dem Zweiten Weltkrieg oder aus der DDR erzählen lässt, bringt für die Menschen in Deutschland in Sommers Augen eine besondere emotionale Nähe. Und auch die Flüchtlinge können Ballast abwerfen, wenn sie die Texte gemeinsam entwickeln. Etwa für Reber, einem Jesiden aus dem Irak, der im vergangenen Jahr seine Heimat verlassen musste, um dem Terror des IS zu entkommen. “Wenn man ein neues Leben beginnen möchte, dann muss man die Vergangenheit ein Stück hinter sich lassen”, sagt der 23-Jährige. Auch wenn er noch oft mit großer Sehnsucht an seine Familie und sein altes Leben als Mathematik-Student denkt, sagt er: “Es fällt mir leichter, weil ich meine Geschichte erzählen durfte.”

Als Projektmanagerin für das “Ankommen in Recklinghausen” greift Sommer die Idee des Erzählens vor allem im Internet auf. Aber auch Video-Stelen bringen die ganz persönlichen Integrationsgeschichten an wechselnde Orte. Der Verein RE/init e.V. der Recklinghäuser Arbeitsförderungsinitiative ist Träger dieses gelungenen Projektes.

 

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