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Gefängnisseelsorge von Kirche niemals aufgeben

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Es werden keine theoretischen Grundlagen für die Gefängnisseelsorge erörtert, sondern praktische Erfahrungen als Gefängnisseelsorger geschildert und damit die Notwendigkeit dieses Dienstes in der Kirche begründet. In der österreichischen Justizanstalt (JA) Wels sind ungefähr 180 Männer und 10 Frauen inhaftiert. Der Vorgänger hat auf Grund seiner beruflichen Überlastung die wöchentlichen Gottesdienste in der JA Wels gehalten, darüber hinaus aber keine Besuche in der Anstalt getätigt. Derzeit sind in der JA Wels sechs Seelsorger tätig.

Zwei Priester halten regelmäßig Messen in der Anstaltskapelle und stehen auch für Beichten zur Verfügung, ein Diakon hält Gottesdienste und macht jede zweite Woche Besuche bei den Gefangenen. Ein evangelischer Pfarrer hält ebenfalls regelmäßig Gottesdienste und führt Gespräche mit Insassen, wenn das von diesen gewünscht wird. Ein anderer Kollege kommt einmal pro Woche in die Anstalt und spricht mit Gefangenen, die ausdrücklich ein längeres Gespräch mit einem Seelsorger wünschen. Die Namen der InteressentInnen bekommt er von mir oder vom sozialen Dienst der Haftanstalt.

Was ich zurückbekomme

  • Wenn mir jemand nach der Haft begegnet und sagt: „Danke, dass du da warst. Du hast mir Halt und Hoffnung gegeben.“
  • Wenn ich das Vertrauen von Insassen und Beamtem spüre.
  • Wenn ich spüre, dass jemand Interesse an der Gruppenarbeit, an den Gesprächen und an liturgischen Feiern hat.
  • Wenn ich merke, dass ich Fähigkeiten in einem Insassen wachgerufen habe.
  • „Das konnte ich nur mit dir bereden.“
  • „Du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich noch ein Mensch bin.“
  • Wenn ich in der Pfarrgemeinde Verständnis und Hilfsbereitschaft für Inhaftierte wecken konnte.

Als Anstaltsseelsorger versuche ich die angehaltenen Männer und Frauen menschlich und spirituell zu betreuen. Das geschieht in erster Linie in den Gottesdiensten und durch Gespräche. Die Betreuung erfolgt aber auch in Form von Kontaktaufnahmen zu den Familienangehörigen, zu den Arbeitsstellen, zu Anwälten, Pfarren und Sozialstellen. Um als Seelsorger in einer Haftanstalt arbeiten zu können, habe ich eine spezielle Ausbildung in Form von verschiedenen Kursen in Deutschland und Österreich absolviert. Neben meiner Arbeit bilde ich mich in verschiedenen Veranstaltungen weiter, um bestmöglich für meine Aufgaben in dieser kategorialen Seelsorge gerüstet zu sein. Mit 1. Jänner 1996 hat mich der Bischof von Linz offiziell für die Seelsorge in der Justizanstalt Wels beauftragt.

Meine Aufgaben

Zu meinen wichtigsten Aufgaben gehören: zuhören; sich Zeit nehmen; Vertrauen schenken; die Menschen annehmen, wie sie sind; ihnen Würde und Ansehen geben; verlässlich sein und Hoffnungslichter für die Zukunft entzünden. Es ist für mich ganz wichtig, nichts zu verlangen von den Gefangenen (kein Geständnis, kein Gutachten, ja nicht einmal die Beichte), sondern viel zu ermöglichen, das für sie gut ist in ihrer speziellen Situation.

Dazu gehört: Gemeinschaft, weil viele die Einsamkeit in der Zelle quält, Raum für Stille zu schaffen, wo der Lärm klirrender Schlüssel, der Zellentüren, der Lärm der Mitgefangenen und der Befehlston mancher Beamten entgegenstehen, Lebensqualität zu ermöglichen, wo vielleicht Jahre der Wegsperrung drohen, ein Licht zu bringen, wo Dunkelheit die Seele und das Leben umfängt, einen Funken Freiheit zu entflammen, wo Zwang und Vorschriften das Leben ersticken. Die Anstalt in Wels ist eine Justizanstalt (JA) und keine Justizvollzugsanstalt (JVA), das heißt, dass hier in erster Linie Untersuchungshäftlinge und Menschen mit kurzen Haftstrafen (in der Regel bis zu maximal 18 Monaten Haft) untergebracht sind.

In einer JVA sind Menschen mit längeren Haftstrafen, die SeelsorgerInnen in diesen Anstalten haben wesentlich mehr Zeit sich auf diese Menschen einzustellen und mit ihnen zusammen zu arbeiten. Ab und zu versuche ich Bibelrunden oder Gesprächsgruppen zusammenzustellen, oder eine Musikgruppe aufzubauen. Das braucht Zeit und auch ein großes Vertrauen, dass niemand weitererzählt, was in den Runden gesprochen wird. Bis ich so eine Runde beisammen habe und das Vertrauensverhältnis untereinander hergestellt ist, kann es sein, dass einer oder mehrere schon wieder entlassen oder in andere Strafhäuser verlegt werden und die Gruppe dadurch zerfällt.

Familien der Täter und die Opfer

Eine fürchterliche Last, das wird leider oft vergessen, tragen die Familien der Täter, denn diese sind in der Regel völlig unschuldig und werden von der Mitwelt verächtlich angesehen, nur weil sie Angehörige sind – in ganz schlimmen Fällen werden sie sogar von den Medien belästigt. In vielen Fällen tragen die Familien der Täter die Anwaltskosten und verschulden sich, um für den Angehörigen eine möglichst geringe Strafe bei der Gerichtsverhandlung zu erwirken. Die andere Gruppe sind die Opfer. Sie haben ja eigentlich nichts von der Inhaftierung der Täter, außer sie haben nur den Gedanken der Rache in sich. Kaum jemand entschädigt die Opfer und für die Täter ist ja die Schuld mit der Verbüßung der Strafe abgegolten.

Die Situation der Insassen

Ein Mensch, der in ein Gefängnis kommt, kommt unvermittelt in eine Situation, in der er völlig fremdbestimmt ist. Er kommt in ein System, wo eine starke hierarchische Struktur einen streng geregelten Tagesablauf vorgibt und der Gefangene hautnah zu spüren bekommt, wie klein und machtlos er ist. Dazu kommen die vielen Menschen, die das gleiche Schicksal zu tragen haben und die ihm bewusst machen, dass es aus dieser Situation kein Entkommen gibt. Die Insassen verlieren auf der Stelle alle gewohnten Lebensbezüge und spüren ihr Ausgeliefertsein diesem System gegenüber. Die Gefangenen verlieren nicht nur ihre Freiheit, sondern auch viele andere Privilegien, die ihnen vielleicht „draußen“ gar nicht so bewusst waren.

  • Sie verlieren ihre sexuellen Beziehungen.
  • Sie verlieren den Bezug zu ihren Angehörigen (die können sie eine halbe Stunde in der Woche durch eine Glasscheibe sehen, und das auch nicht sofort und vor allem nicht wann sie wollen).
  • Sie verlieren ihre Privatsphäre, weil sie meistens mit mehreren anderen, ihnen fremden Menschen zusammen sein müssen und sich in keinem Winkel der Zelle verkriechen können.
  • Sie verlieren ihren Bezug zur Natur, weil sie maximal eine Stunde am Tag in einem Hof im Kreis gehen können.
  • Sie verlieren ihre persönlichen Dinge, nur ganz Weniges dürfen sie behalten, den Rest müssen sie bis zu ihrer Entlassung in einer Depositenkammer einsperren lassen.

  • Sie verlieren ihre Selbstständigkeit, weil alles im Gefängnis reglementiert ist und freie Entscheidungen nicht möglich sind.
  • Sie verlieren meistens ihre Arbeitsstelle und sie erkennen, dass es nach der Haft um einiges schwieriger wird einen neuen Arbeitgeber zu finden.
  • Sie verlieren manchmal ihre Wohnungen, weil sie diese durch den Einkommensverlust nicht mehr bezahlen können.
  • Sie verlieren auch Freunde und Bekannte, weil diese auf sie nicht über Jahre warten oder nach der Haft mit Strafentlassenen nichts mehr zu tun haben wollen.

All diese Verluste führen bei manchen Insassen zu Suizidgedanken, zu Realitätsverweigerung und zu seelischen Spannungen gegenüber Mitgefangenen und Beamten.


Ein normaler Gottesdienst, wären da nicht die Beamten vor der Tür.

Alltag im Gefängnis

Wenn ich durch die Anstalt gehe, besuche ich zuerst alle, die ein schriftliches Ansuchen um ein Gespräch abgegeben haben. Da es sich meist sehr schnell herumspricht, dass ich im Haus bin versuchen viele Insassen ganz spontan mit mir in Kontakt zu kommen. Für die Besuchten geht wenigstens für kurze Zeit die eiserne Zellentür auf und für viele ist das schon ein Stück Freiheit. Was die Inhaftierten sehr schätzen ist meine Verschwiegenheit. Ich bin der Einzige, der keine Aufzeichnungen macht über das Gesprochene und der auch nichts davon weitergibt, außer auf ausdrücklichen Wunsch. Ich versuche den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und das ist auch der Grund, warum viele dann sagen: „Ich geh zwar draußen nicht in die Kirche, aber jetzt interessiert mich doch, wovon ihr da redet in der Kapelle“. Jeden Freitag feiern wir den Sonntagsgottesdienst, an einem Freitag deshalb, weil da genügend Beamte für die Bewachung anwesend sind. Diese Gottesdienste sind sehr gut besucht und werden mit großer Aufmerksamkeit mitgefeiert.

Bei den Gesprächen geht es meistens um Probleme mit der Familie, mit Mitgefangenen oder Beamten, um die Aufarbeitung der Tat, um die eigene oft sehr komplizierte Lebensgeschichte, manchmal um Aussöhnung mit dem Geschädigten, sehr oft um die Schuldfrage und um Fragen der Bewältigung der Haft. Besonders berührt es mich, wenn 14 jährige, die noch ausschauen wie Kinder, in Haft kommen. Diese kommen sehr oft aus Heimen und haben viele Vorstrafen, weil ihre Kindheit und ihr Heranwachsen völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Bei vielen ist das der Beginn einer „Häfenkarriere“ und ihnen begegne ich bei meiner Tätigkeit im Lauf der Jahre immer wieder.

Kirchenbesuch ist höher als draußen

Der Austausch mit sozialen und psychologischen Diensten, den Ärzten, den Beamten und der Leitung ist für mich ein ganz wichtiger Teil meiner Arbeit als Seelsorger. Oft werde ich gebeten, nach meinen Besuchen telefonisch Kontakt mit den Angehörigen aufzunehmen, oder sie zu besuchen, meist um sie zu beruhigen oder bei Problemen mit Kindern oder Eltern zu vermitteln. Manchmal braucht jemand eine kleine finanzielle Unterstützung oder Hilfe bei behördlichen Angelegenheiten.

Über diese alltägliche Arbeit hinaus gilt es ab und zu besondere Gottesdienste oder Feste zu organisieren und für deren Gestaltung zu sorgen. Manchmal habe ich schon Theatervorstellungen in der Anstalt organisiert, um Diskussionen anzuregen oder auch um etwas Zerstreuung in den grauen Alltag zu bringen. Da ich schon so lange in meiner Anstalt arbeite, werde ich immer wieder auch gebeten, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen von Inhaftierten oder Beamten zu übernehmen.

Nachbetreuung von Häftlingen

Zu meinen Aufgaben gehört auch die Einschulung neuer MitarbeiterInnen, die Koordination von Terminen und gemeinsamen Treffen, die Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen und der Austausch an nationalen und internationalen Treffen der GefängnisseelsorgerInnen. Manchmal kümmere ich mich um Bekleidung für Insassen und Haftentlassene, weil ich durch unsere Pfarrflohmärkte einen guten Zugang habe. Nicht zu vergessen ist die Öffentlichkeitsarbeit in Schulen, in verschiedenen Gruppierungen und bei Gottesdiensten, wo ich über meine Tätigkeit als Seelsorger und über die Situation der Gefangenen berichte.

Sehr viel Zeit nimmt die Betreuung der Haftentlassenen in Anspruch. Viele Schwierigkeiten treten für die Gefangenen mit dem Ende der Haft auf, weil es Probleme mit der Wohnungssuche, mit der Arbeitsstelle oder mit dem lieben Geld gibt. Da stürzen alle Dinge des Alltags (Einteilung des Tages, Umgang mit Geld, Erledigung behördlicher Angelegenheiten, Beziehungsprobleme, Zukunftsängste, Drogenkontakte, …), von denen sie während ihrer Haft verschont waren, plötzlich auf sie ein. Diese Art der Betreuung zieht sich manchmal über Jahre hin und braucht sehr viel Geduld.

Mein Fundament für diese Arbeit

Als Jesus in Lk 4,18 das erste Mal in der Synagoge auftritt liest er einen Text aus Jesaia vor und verkündet damit sein Programm: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze“. Wir Christen haben durch die Taufe den Geist Gottes empfangen und deshalb fühle auch ich mich aufgerufen, den Armen eine gute Nachricht zu bringen und den Gefangenen Freiheit zu verkünden. Das ist der Anfang.

Die Kirche kümmert sich um so viele Dinge und es gibt für alles auch Gründe und auch ich habe das alles getan. Sitzungen, Besprechungen, Gottesdienste, Gebäude errichten und erhalten, gesellschaftliche Verpflichtungen… Am Ende des Lebens, so steht es in Mt 25, 31-46 werden wir nicht gefragt, wieviel wir gebetet haben, sondern ob unser Leben ein Gebet war. Jesus begegnen wir gerade in den Kleinen, Armen, Entrechteten, Mundtoten, Ausgeschlossenen. Es wird nur mehr die Rede davon sein, was wir für diese Menschen getan haben.

Von vielen Pfarren unserer Umgebung haben wir Inhaftierte. Meist wissen die Pfarren gar nicht, dass jemand aus ihrer Mitte betroffen ist und nehmen daher auch keinen Kontakt zu ihnen auf. Die Kirche kennt leider die Menschen am Rande kaum mehr und das ist für mich ein Alarmzeichen. Wenn ich etwas vom Evangelium verstanden habe, dann ist es dies, dass diese diakonalen Aufgaben die Kernaufträge für die Kirche sind und nur danach wird sie gefragt werden. Da will ich am Ende meines Lebens sagen können: „ich hab’s wenigstens versucht.”

 Zeitschrift “Diaconia Christi” Nr. 54/2019

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Zur Person

Mein Name ist Samy Schrittwieser, geboren 1952, seit fast 40 Jahren verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern – ein Enkelkind. Nach meinem Schulabschluss im Gymnasium in Melk, Niederösterreich, arbeitete ich in der Finanzabteilung eines großen Stahlkonzerns. Nach mehr als drei Jahren hatte ich das Gefühl, etwas Neues und ganz Anderes machen zu müssen und begann mit dem Theologiestudium in Linz, das ich 1984 abschloss. Gleich danach reiste ich mit meiner Frau und den zwei kleinen Söhnen in die Zentralafrikanische Republik, um dort zwei Jahre ein Bildungshaus im Rahmen der „Animation Rurale“ zu leiten.

1986 begann ich in meiner Heimatpfarre in Wels, Oberösterreich, als Pastoralassistent zu arbeiten und wurde am 8. Juni 1990 von Bischof Maximilian zum Diakon geweiht. 1992 wurde ich vom damaligen Anstaltspfarrer gebeten, Gottesdienste im Gefängnis zu übernehmen. Seit 1. Jänner 1996 bin ich der verantwortliche Leiter der Gefängnisseelsorge in Wels.

 

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