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Gefängnis in Stadtmitte als „blinder Fleck” vergessen?

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Die baden-württembergische Justizvollzugsanstalt (JVA) Freiburg im Breisgau liegt zwar mitten in der Stadt, wird aber als „blinder Fleck“ häufig vergessen und verdrängt. Das gilt auch für die Menschen, die dort häufig Jahrzehnte ihres Lebens verbringen müssen oder dort arbeiten. Mit einem Foto- und Informationsprojekt wird diesem verdrängten Teil der Stadt für die Stadtbevölkerung „sichtbar“ gemacht und eine Auseinandersetzung mit  Strafvollzug, Resozialisierung und Wegen zurück in die Gesellschaft anregt.

Im Herder-Verlag erschien anlässlich der 900-Jahre Freiburg das 112 Seiten starke Buch, welches umfänglichen Einblick in den Haftalltag gewährt. 2020 wollte die Stadt eigentlich groß das 900-Jahr-Jubiläum feiern, bis dann Corona dazwischen kam. Während der Vorbereitungen fiel irgendwann auf, dass das in der Stadtmitte gelegene Gefängnis im Grunde gar nicht vorkommen würde. Der Freiburger Fotografin Britt Schilling und der Filmemacherin Reinhild Dettmer-Finke sowie dem evangelischen Anstaltspfarrer Michael Philippi ist zu verdanken, dass im Zuge intensiver Gespräche das Foto– und Informationsprojekt „Strafraum – Absitzen in Freiburg“ in Gang kam. Da Aufnahmen innerhalb der Anstalt erfolgen sollten, musste auch das Justizministerium in Stuttgart eingebunden werden, bis zur Hausspitze, dem Minister der Justiz in Baden-Württemberg, Guido Wolf.

Britt Schilling, die seit über drei Jahren als Ehrenamtliche am wöchentlichen Gesprächskreis mit Gefängnispfarrer Michael Philippi in der JVA teilnimmt, setzt sich künstlerisch mit der Thematik „Transparenz“ auseinander. Über neun Monate werden auf Außenmauern der JVA ihre vierzig großformatigen Fotoarbeiten öffentlich zugänglich sein. Entlang der Hermann-Herder-Strasse ist das Innere von zwanzig Hafträumen zu sehen. Eine zweite Fotostrecke zeigt die Gefangenen selbst auf Stühlen sitzend in einer Rückenansicht, um ihre Anonymität zu wahren. Nur im Innenbereich sind sie von vorne zu sehen und machen so die Mauer durchlässig. Aus den Fotoplanen werden in der JVA Taschen gefertigt. Die Einnahmen aus dem Verkauf gehen in einen Opfer-Fonds.


Der Fotografin gelingt es mit nüchternen Aufnahmen Einblicke in die Gefängniszellen zu gewähren, wie sie sonst selten zu finden sind. Stille Aufnahmen, wie beispielsweise von einem Teller mit zwei Würstchen, zwei Brötchen und einer Schüssel eines undefinierbaren Eintopfs, dazu das Plastikbesteck einerseits, und Aufnahmen die Leben ausstrahlen: Der rauchende Inhaftierte, der einen Boden fegende Arbeiter andererseits.

Die beiden Künstlerinnen, sowie der ehemalige Herausgeber und Chefredakteur der Badischen Zeitung, Thomas Hauser, gewannen ganz unterschiedliche AutorInnen für textliche Beiträge, so dass es am Ende kein reines Bilderbuch wurde. Der ehemalige langjährige Leiter der JVA, Thomas Rösch, gibt Auskunft über Gewalt und Drogen, zumindest wie er die Problematik beurteilt. Peter Asprion, pensionierter Bewährungshelfer und früher selbst Sozialarbeiter in der JVA Freiburg berichtet aus seiner Arbeit und der Wirksamkeit von Bewährungshilfe.

Das Buch kann nur einen kleinen Ausschnitt darstellen, aber es verhält sich durchaus kritisch zum Themenkomplex Strafvollzug und Sinn von Strafe. Gerade weil die AutorInnen sich weitestgehend dem bürgerlichen Spektrum zuordnen lassen, besteht die Chance, dass die Strafkritik weiter in die Gesellschaft hinein verbreitet wird. Daneben bieten die großformatigen Fotos jedoch jeder/jedem Interessierten einen anschaulichen Einblick hinter die Mauern eines Gefängnisses.

Ab Herbst 2020 wird es parallel zur Fotoausstellung ein Informationsprogramm mit dem Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht, dem Kommunalen Kino und der Evangelischen Hochschule Freiburg geben. In Veranstaltungen und Filmen fragen wir „Wozu straft eine Gesellschaft?“, untersuchen den Balanceakt “Zwischen Freiheit und Sicherheit” und interessieren uns für “Alternativen zum Strafvollzug”. Mehr lesen…

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