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Die Situation ist schon etwas einschüchternd – eine Klingel in der hohen Mauer, Kamera, eine schwere Eisentür, die sich knarrend öffnet, dahinter eine Schleuse vor einer zweiten Tür, abgedunkelte Scheibe, ein uniformierter Wachhabender dahinter nur schemenhaft erkennbar, Kommunikation blechern über eine Gegensprechanlage… Wer allerdings beim ökumenischen Besuchsdienst der katholischen und evangelischen Kirche für die  Haftanstalt Schwalmstadt mitmachen möchte, wird diese Prozedur öfter über sich ergehen lassen müssen, denn nur so erreicht man die Besuchszimmer in der Haftanstalt, wo man mit “seinem” Häftling dann zusammentrifft.

Dabei hat die Haftanstalt in Schwalmstadt durchaus einladende Fassaden: Schloss und weitere historische Bauten im nordhessischen Fachwerkstädtchen dienen bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Gefängnis. Doch ungeachtet dieses außergewöhnlichen Ambientes: Schwalmstadt mit seinen rund 200 Plätzen für straffällig gewordene und verurteilte Männer hat die höchste Sicherheitsstufe einer Strafanstalt und ist entsprechend gut abgeschottet

„Ein wichtiges Angebot für die Haftinsassen“: Reiner Weiß und Michael Kullinat im Besuchsraum der Justizvollzugsanstalt. Fotos: Christian Scharf

Für das Interviewgespräch nutzen wir den Besuchsraum im “Kornhaus”, ebenfalls ein Gebäude im historischen Gewand, das nun  als Bereich speziell für ältere Strafgefangene ab 55 Jahren hergerichtet wurde. “Ja, auch im Strafvollzug macht sich die demografische Entwicklung bemerkbar”, bemerkt  Pastoralreferent Michael Kullinat, zuständig für den katholischen Part bei der ökumenisch angebotenen Seelsorge an der Justizvollzugsanstalt und Interviewpartner für diese Reportage. Mit dabei ist auch Reiner Weiß, ehemals Lehrer in Schwalmstadt und nun freiwillig im Gefangenen-Besuchsdienst tätig. Was aber motiviert einen Menschen, sich genau diese ehrenamtliche Tätigkeit auszusuchen?

“Ich hatte mir zum Eintritt in den Ruhestand überlegt, als Mitglied der Gesellschaft mit einem Teil meiner Freizeit auch etwas für diese Gesellschaft zu tun”, erläutert Rainer Weiß. “Was ich machen könnte, war mir damals vor etwa fünf Jahren noch nicht so klar. Ich hätte also auch zur Tafel gehen können, doch dann habe ich aber einen Artikel in der Hessisch- Niedersächsischen Allgemeinen über den geplanten Gefängnis-Besuchsdienst der Kirchen gelesen, und ich dachte: Warum probierst du nicht mal das aus?”

Berührungsängste hatte Weiß keine, auch wenn er sich darüber im Klaren ist, dass alle seine bisherigen Gegenüber, wenn sie denn in Schwalmstadt schon ihre zehn oder 15 Jahre hinter sich gebracht hatten, tatsächlich allesamt auch zu den “schwereren Jungs” gehörten. Doch Reiner Weiß hat seine Kindheit im berüchtigten Biotop von Dortmunds Nordstadt zugebracht und konnte auch als Lehrer einen reichen Erfahrungsschatz an verschiedensten zwischenmenschlichen Kontakten anlegen. Zudem tritt er als aktiver Biker seine Gefängnisbesuche immer wieder auch in entsprechender Kleidung an, so dass er unter den Strafgefangenen als Gesprächspartner eigentlich immer ad hoc einen “Vertrauensvorschuss” genießen konnte. “Trotzdem muss natürlich die Chemie stimmen”, erläutert er. “Beim ersten Besuch beschnuppert man sich sozusagen ein wenig, beim zweiten oder dritten Mal dann sollte aber der Funke dann überspringen.”

Vor dem „Kornhaus“: In Schwalmstadt sind die Gefängnisgebäude allesamt historische Bauten.

Funke überspringen: dies heißt aus Sicht der Besuchsdienst-Initiatoren – neben Pastoralreferent Kullinat ist das noch der evangelische Gefängnisseelsorger Peter Kittel – den Strafgefangenen die Möglichkeit zu geben, mit jemanden “von draußen” Gespräche mit Substanz zu führen, vom Alltag jenseits der Gefängnismauern etwas zu erfahren, angeregt zu werden, und natürlich auch menschlich Wärme zu empfangen und selbst zu geben. “Wir suchen die Kandidaten für die Besuche zusammen mit dem Sozialen Dienst der Justizanstalt sehr genau aus”, erläutert Pastoralreferent Kullinat.

“Grundsätzlich in Frage kommen natürlich diejenigen Gefangenen, die keine eigenen familiären oder sonstigen Besuchskontakte haben und wirklich einsam sind. Dann müssen sie aber natürlich Interesse an derartigen Besuchen haben und charakterlich auch geeignet sein. Wir begleiten zwar die Phase der Kontaktanbahnung, und unsere Freiwilligen sind auch geschult, wie man solche Gespräche in Gang bringt und führen kann, aber dann laufen viele der Begegnungen zwischen dem Strafgefangenen und dem jeweiligen Ehrenamtlichen autark weiter.”

Auch Frauen gehören zum Team des Besuchsdienstes, und jede oder jeder Freiwillige entscheidet selbst, wie tief er einsteigt, wie eng der Kontakt wird, und welche Nähe er dem Gefängnisinsassen zubilligt. Reiner Weiß hat inzwischen sogar einen “Ehemaligen”, mit dem er nach dessen Haftentlassung den Kontakt gehalten hat, und den er gelegentlich in einer mittelhessischen Stadt besucht, wo dieser mittlerweile zu Hause ist. “Nun ja, die Kontakte von ihm sind immer noch rar, und mit Mitte 50 ist es für ihn auch nicht mehr so einfach, neue Freunde und vor allem eine Freundin zu finden”, resümiert Weiß. “Insofern ist er dankbar, wenn wir uns ab und zu treffen und miteinander reden. Einmal – damals noch als Häftling auf Freigang – war er sogar bei uns zu Hause. Da war meine Frau erst nicht so begeistert”, lacht er. “Aber da der Gute damals regelrecht schüchtern war, hat ihn meine Frau dann auch ins Herz geschlossen…”

“Das ist schon etwas Besonderes, wenn der Kontakt über den Gesprächsbesuch im Gefängnis hinausgeht. Aber Herr Weiß ist ja auch einer unserer erfahrensten Freiwilligen”, unterstreicht Michael Kullinat. “Ansonsten gilt grundsätzlich: Der Freiwillige bestimmt, was geht und was nicht. Und wenn Beratung oder Hilfe erforderlich ist, stehe ich den Ehrenamtlichen natürlich jederzeit zur Seite. Neue Freiwillige für den Besuchsdienst können wir im Übrigen immer gebrauchen! Wer sich also einfach mal informieren möchte, kann mich gerne unverbindlich ansprechen!”

Aus: Caritas-Zeitschrift „Sozialcourage“ | Christian Scharf  www.caritas-fulda.de

 

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