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„Es ist eben passiert“, berichten Gefangene rückblickend

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„Wäre ich nur nicht an diesem Tag dorthin gefahren“, sagt in einer Art Dauerschleife wiederholend ein jugendlicher Inhaftierter in Untersuchungshaft zu mir. „Dann wäre das alles nicht passiert!“, beendet er seinen Kommentar. Ja, dann wäre es nicht so geschehen, aber vielleicht anders? Manchmal ist es schwer die Ereignisse der Wirklichkeit anzunehmen.

Doch Gedanken um „hätte, könnte oder würde“ führen auch nicht wirklich weiter. Es gibt m.E. drei Möglichkeiten: Ich ziehe mich in eine begrenzt enge und kleine Welt zurück, ich lamentiere immer wieder über die Geschehnisse meine Vergangenheit oder ich stelle mich der Realität. Letzteres scheint mir trotz aller Schwierigkeiten das Beste zu sein. Es braucht Zeit, das real Geschehene zu verarbeiten. Es kann hilfreich sein, dass der Gefangene seine Sorge immer wieder sagen kann in einem geschützten Rahmen. Er bekommt eine Rückmeldung und wird gespiegelt in seinem Verhalten. Vielleicht kann er sein „Schicksal“ realistisch anschauen, um zu handeln und nicht untätig abwarten. „Es ist eben passiert“, sagen einige der Gefangenen im Jugendvollzug. Sich auf diesen Satz auszuruhen verhindert den klaren Blick auf sich selbst, um etwas zu verändern. Ich stehe als Person in meiner jeweiligen Wirklichkeit und kann sie aktiv gestalten. Manchen hilft es auch, seine Sorgen Gott vorzutragen, da kann ich ab-geben. Auch das ist eine Möglichkeit, Hilfe und Kraft zu erfahren.

Das ist mein Schicksal…

Immer wieder höre ich den Satz „Das ist eben mein Schicksal…“ Das klingt als könnte ich nichts (mehr) beeinflussen. Die Aussage eines ehrenamtlichen Mitarbeiters, dass „Gott für jede/n einen Plan im Leben hat“ irritiert mich eher, als dass es mich beruhigt. Ich frage mich, bin ich eine Marionette dieses Gottes, der mich fallen lässt oder fördert? Wer darf, wer nicht? Wer ist böse oder gut? Gott ist nicht nur ein Außengott. Er/sie wirkt durch mich, regt sich in mir durch eine innere Stimme und zeigt sich in den Widersprüchlichkeiten. Sich in den Sessel zurückzulehnen und zu sagen, „da war der Teufel am Werk“, entlässt mich nicht aus meiner Verantwortung. Die göttliche Lebens-Tür schlägt trotz allem niemals entgültig zu. Darauf vertraue ich und gebe es den Gefangenen in dieser Weise weiter. Es kann offene Türen, neue Chancen und andere Blickwinkel geben. Auch wenn es anscheinend keinen Ausweg mehr geben mag und man den Teufel oder Gott für seine Misere verantwortlich machen will. Dass Gewalttaten einfach „so passieren“ glaube ich nicht. Oft stehen gesellschaftliche Zwänge dahinter. Daher sind wir alle aufgefordert, laut unsere Stimme zu erheben gegen Intoleranz, Ausgrenzung und Hass.

Michael King

 

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