Erzwungene Einsamkeit im Knast – Auch im Urlaub einsam

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Einsamkeit, innere Leere, das Gefühl, überflüssig und ungeliebt zu sein: Einer wachsenden Zahl von Menschen geht es so. Die Kirchen sehen Handlungsbedarf. Ein regelrechter „Einsamkeits-Beschleuniger“ ist laut der Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva-Maria Welskop-Deffaa, die Pandemie gewesen. Der Lockdown habe die Diskrepanz zwischen den gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen verstärkt, sagte sie an Christi Himmelfahrt beim Großen Podium des 102. Katholikentages in Stuttgart mit dem Thema „Was hilft gegen Einsamkeit?“.

Einsamkeit sei nicht nur eine Frage der Möglichkeiten, sie hänge auch maßgeblich davon ab, welche Normen ihr zugrunde gelegt würden. Viele junge Menschen glaubten, es sei normal, in den sozialen Netzwerken 70 Freunde zu haben. Das sei ein Trugschluss. Mit Blick auf die Zukunft wolle die Caritas künftig mehr Angebote schaffen, die älteren Menschen etwa den Übergang vom Arbeitsleben in die Rente erleichterten. Einsamkeit sei ein „unfreiwilliges und schmerzhaft erlebtes Alleinsein, das Angst und krank machen kann“, sagte die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Anna-Nicole Heinrich.

Die baden-württembergische Justizministerin Marion Gentges (CDU) beim Besuch mit den anwesenden Kollegen am Stand der Gefängnisseelsorge auf der Kirchenmeile.

Viele von Einsamkeit betroffen

Sie forderte einen differenzierten Blick auf Alleinsein und soziale Isolation. Schon lange seien nicht mehr nur alte Menschen in Heimen betroffen, sondern auch der „uncoole Teenager“, der keinen Anschluss finde, könne einsam sein. Der Mensch sei auf Gemeinschaft und soziale Beziehungen ausgerichtet. Obwohl weltweite Kommunikation und Reisen noch nie einfacher gewesen seien, fühlten sich zu viele Menschen allein. Die Kirche müsse sich deshalb fragen, wo sie Gemeinschaft stiften und Anlaufpunkte schaffen könne. Angesichts des inneren Reformstaus und des Missbrauchskandals ist die Katholische Kirche allerdings nicht mehr überzeugend. Es wird selbst in den Kirchengemeinden einsamer.

Auch im Urlaub einsam

Nach Ansicht des Mitbegründers der Berliner Initiative „GemEinsamkeit“, Jannis Kuhlencord, gibt es in Deutschland kaum ein Thema, das so tabuisiert wird, wie Einsamkeit. Dieses Tabu müsse unbedingt aufgebrochen werden: „Wir müssen beginnen über Einsamkeit zu sprechen, wir müssen beginnen, dieses Gefühl zu normalisieren. Es darf nicht im Verbogenen bleiben.“ Nur so könne das schmerzliche Gefühl, vor dem niemand gefeit sei, auch bekämpft werden. Ähnliches forderte Peter Holzer, Gefängnisseelsorger in Bruchsal und Dekan im Justizvollzug in Baden-Württemberg. Im Knast erlebe er bei vielen Menschen die Folgen erzwungener Einsamkeit: Menschen die völlig isoliert und verängstig in ihrer Zelle säßen. Als Seelsorger auf Kreuzfahrtschiffen sehe er hingegen Menschen, die auch im Urlaub allein und traurig seien. Um darauf einen kritischen Blick zu haben, müsste das Thema in der Öffentlichkeit zunehmend diskutiert werden.

Katholikentag – wenig TeilnehmerInnen

Im Jahr 2022 ist die katholische Laienbewegung – veranstaltet vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) – auf Einladung der Diözese Rottenburg-Stuttgart nach 1925 und 1964 zum dritten Mal am Neckar zu Gast zum 102. Katholikentag. Die Gefängnisseelsorge der Diözese Rottenburg-Stuttgart und des Erzbistum Freiburg ist auf Podien und am Gefängnisseelsorge-Stand auf der Kirchenmeile rund um die Uni-Bibliothek in Stuttgart vertreten. Da ist der Stand der kirchenkritischen Bewegung „Wir sind Kirche“ und nur ein paar Meter entfernt vom Zelt hat die konservative Initiative „Maria 1.0“ ihren Stand aufgebaut. Man sieht vielfältige Stände und Menschen, wie es bei einem Katholikentag eben so ist. Die Gefahr besteht, dass es zu einem Treffen der „schon Anwesenden“ und „Internen“ wird. Menschen in Schwesterntracht, Priester mit Collarhemd, der barfüßige Franziskaner oder eben die „Kirchenmäuse“ von Haupt- und Ehrenamtlichen. Wo, wenn nicht bei einem Katholikentag, ließe sich über kontroverse Meinungen streiten? Diejenigen, die mit der Katholischen Kirche nichts mehr anfangen können (oder wollen), sind eh schon weg. Die konservativen Kräfte glänzen durch Abwesenheit, wie beispielsweise Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln. Gesellschaftliche Themen wie die Einsamkeit diskutieren Politiker und nicht kirchliche Akteure. Nach der Corona-Pandemie sind die Teilnehmerzahlen wesentlich geringer als beim 37. Evangelischen Kirchentag in Dortmund 2019. Der letzte Katholikentag fand 2018 in Münster statt. Die Kirche selbst wird einsam in ihrer Bedeutung. Zumindest für einen Großteil der Menschen.

 

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