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Einmal „der King sein“, das wäre eine tolle Sache

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Ein kleiner König ist im Knast angekommen. Es ist eine Holzfigur, die von Ralf Knoblauch in Bonn gefertigt wurde. Er arbeitet als Diakon und fertigt in seiner Werkstatt aus alten Holzbalken würdevolle Figuren mit goldener Krone. Es sind einfache Figuren mit Smily und geschlossenen Augen. „Die hat was…“, sagt ein jugendlicher Inhaftierter, als er die Figur zum ersten Mal sieht. Viele der jugendlichen Gefangenen sprechen sich selbst ihre Würde ab oder glauben nicht mehr daran. Aber einmal der „King“ zu sein, der auf der Bühne steht und die Macht hat, „das wäre schön“, sagt der 16 jährige Mirko.

Mirko (Name geändert) sitzt aufgrund einiger Körperverletzungen und des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz (BTM). „Es waren ja nur einige Gramm“, beteuert er. Dies hat ihn aber nicht in den Knast geführt. Bereits seit fast zwei Jahren verbüsst er eine Haftstrafe von 2 ½ Jahren wegen Raub und Körperverletzung. „Ich komme bald raus, dann will ich ganz neu anfangen“, berichtet er stolz. In seinem Gesicht verändert sich alles. Er strahlt und lacht. Im Knast hat er es nicht leicht. Überall wird er „untergebuttert“ und teilt auch aus. Er verschuldet sich und spürt die Anfeindungen anderer Inhaftierter. „Jeder möchte sich hier behaupten, jeder der King sein“, erzählt er und grinst, weil einer der  Gefängnisseelsorger mit Nachnamen King heißt.

King sein wird anders gesehen

Im kleinen König sehen die jugendlichen Gefangenen eher nicht ihre eigene Würde. Sie wollen mehr sein und mehr ausstrahlen. Nicht das, was im Kleinen passiert. Manche erkennen ihr Potential nicht oder setzen ihre Fähigkeiten in negativer Weise fort. Da wird der eine unterdrückt, weil er keinen Tabak „abdrückt“ oder ein anderer droht mit Schlägen, weil er „seinen Einkauf“ hergeben muss. Sich zu verschulden ist ein Thema, was informell zwischen den inhaftierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen läuft. Derjenige, der besser reden kann, der körperlich etwas darstellt, der hat mehr Chancen. Zumindest untereinander. Vom Vollzug her wird sehr sensibel darauf geachtet, dass Inhaftierte geschützt werden. Allerdings ist es kaum möglich, alles und jedes zu kontrollieren.

„Ich kann hier reden“

Oftmals wird die Würde eines Jugendlichen von anderen mit Füßen getreten. Das System Justizvollzug mit den Reglementierungen und den Mauern tun ihr Übriges. Nichtsdestotrotz gibt es Bedienstete und MitarbeiterInnen der Fachdienste, die würdevoll und mit Empathie den jungen Menschen begegnen. Auch Mitgefangene zeigen manches Mal Zivilcourage, wenn sie merken, das ein Mitgefangener schlecht behandelt wird. Leider ist dies die Ausnahme. „Zinken“, so nennen sie das, wenn man den Beamten über etwas informiert. Die Gefängnisseelsorge ist ein Ort, an dem die Inhaftierten so sein können, wie sie sind. Ohne  nachzufragen, welcher Straftat jemand beschuldigt oder verurteilt ist, bietet beispielsweise das Zugangscafe einen Ort der fairen Begegnung auf Augenhöhe.

Mirko stellt regelmäßig einen Antrag an die beiden Seelsorger. Nicht weil er jetzt besonders fromm ist. „Ich gehe dahin, weil ich reden kann“, sagt Mirko. Seine Augen strahlen dabei eine eigene Würde aus, die der kleine König von Ralf Knoblauch an andere spiegeln will. Mit königlicher Krone, ohne dass man sie sieht. Ohne dass der Jugendliche es offensichtlich merkt. Ein anderer King ist das, eine Königlichkeit, die den anderen nicht unterdrücken will. Manche der Inhaftierten dürfen dies im Laufe ihres weiteren Lebensweges lernen. Vielleicht erst nach Jahren, an dem sie an einen Punkt kommen, an dem sie merken, was wirklich weiterführt. Die Gefängnisseelsorge ist ein Rädchen im System. Ein sehr Wichtiges.

Ein richtiger Ort

Der „Erschaffer“ Ralf Knoblauch hat sich zur Aufgabe gemacht, die Könige und Königinnen an Orte zu geben, an dem nicht unbedingt „Göttliches“ vermutet wird. Der „König ist im Knast am richtigen Ort“, sagt der Gefängnisseelsorger Stefan Thünemann. Der kleine König erinnert daran, dass es eine andere Art von „King“ gibt. An vielen Orten dieser Welt befinden sich seine Holz-Figuren: In Dubai, auf dem Friedhof, bei der Friedensdemonstration gegen den Krieg, im Tattoo-Studio oder vor der Moschee. Knoblauch spricht davon, dass es nicht darum geht, eine solche Figur zu besitzen, vielmehr werden sie beherbergt. Ihm geht es nicht darum, seine Kunstwerke zu verkaufen. Er will sie an Orten wissen, an denen die Menschen sich in der Botschaft dieser schlichten Figuren wiederfinden können und sich damit auseinandersetzen. Da ist der kleine König im Knast an einem besonderen und richtigen Ort.

Michael King

 

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