Versuchen Sie sich das einmal vorzustellen: Vierzig Tage nichts zu essen. Das wäre kein Fall für mich. Der Menschenfreund Jesus zieht das aber knallhart durch. Dass sich irgendwann der große Verführer, Einflüsterer und Durcheinanderbringer in seine Gedanken einschleicht, ist nicht verwunderlich. Nicht als Comic-Hörnerwesen, sondern als eine Art PR-Berater für Selbstoptimierung. „Wenn du Gottes Sohn bist…“ Anders gesagt: „Wenn du wirklich was draufhast, dann zeig es doch mal!“

Informelle Einflüsterungen im Jugendknast…
Die Geschichte von diesen Einflüsterungen Jesu, sie steht am Anfang seines öffentlichen Lebens. Vor dem ersten Wunder die Wüste. Vor dem Sammeln der heiße Sand. Keine Likes, kein WLAN, kein Applaus. Nur Hunger und eine Stimme, die flüstert: „Mach doch was aus dir.“ Die erste Versuchung ist erstaunlich bodenständig: Brot aus Steinen machen. Aus Mangel Überfluss. Wer wollte das nicht? Wir leben in einer Zeit, in der fast alles technisch machbar scheint. Brot aus Steinen? Coole Start-up-Idee! Jesus aber sagt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Das ist misslich für eine Gesellschaft, die glaubt, alles lasse sich mit Wachstum und Effizienz lösen. Offenbar gibt es etwas, das nicht produziert werden kann. Mir fallen Trost, Zuwendung, Beziehung, Zuneigung, Herzenswärme ein. Anders gesagt: Verbindung. Gemeinschaft. Mit Gott und den Menschen.
Am vertrautetsten: Macht
Die zweite Versuchung ist spektakulärer. Stürz dich vom Tempel. Das ist die Logik des kalkulierten Risikos. Der großen Geste. Des einmaligen Aufsehens. Der Schlagzeile. Der Klickzahlen. Populismus funktioniert so: Populisten reizen die Dinge aus, testen die Belastbarkeit der Institutionen. „Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen“, entgegnet Jesus. Was bedeutet: Ruhig, Brauner. Du musst nicht Gott sein. Gott macht das schon. Die dritte Versuchung ist schließlich eine, die vielleicht am vertrautesten ist. Es geht um Macht. „Alle Reiche der Welt – sie können dir gehören.“ Wer heute durch die sozialen Medien scrollt, sieht im Kleinen, wie das geht: Reichweite ist Macht, Empörung ist Währung, Aufmerksamkeit ist Anbetung. „Unterwirf dich dieser Logik, dann kann alles dir gehören“ schmeichelt der Verführer. Jesus antwortet erstaunlich schlicht: „Diene Gott, nicht der Macht.“ Das heißt übersetzt: Diene dem, was dich trägt. Verbindung, Verlässlichkeit, Liebe. Im letzten: Kommunion.
Nicht etwas werden, was Du nicht bist
Für heutige Menschen klingt diese Geschichte erstaunlich aktuell. Wir kennen Wüstenzeiten: Burn-out, Einsamkeit, politische Ohnmacht, gesellschaftliche Polarisierung. Und wir kennen die Stimmen, die sagen: „Mach doch was draus. Mach was aus dir. Nimm dir, was du kriegen kannst.“ Die Erzählung aber behauptet leise das Gegenteil: Nicht alles, was du haben kannst, ist nötig, gut und sinnvoll. Du musst dich nicht aufblasen und etwas werden, was Du gar nicht bist. Und du musst auch nichts und niemanden beherrschen. Keine Menschen, keine Abteilung, keine Tiere, nichts. Haben, Gelten und Herrschen. Aus allem lässt Jesus den Druck raus. Ich hör es schon zischen. Tut gut, oder? Die Geschichte geht deswegen mit einem wundervollen Bild zu Ende. Am Ende kommen Engel und dienen Jesus. Wer möchte das nicht? Von Engeln umschwärmt werden? Nicht nur im Karneval? Wer integer ist, wer bei sich bleibt, wer die wunderbare Welt und das Wohl allen Lebendigen im Blick hat, wer Zuneigung, Verbindung – im letzten: Kommunion lebt – der ist nicht allein.
Peter Otten | Matthäus 4, 1-11





