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Die Würde nicht nur im eigenen Namen entdecken

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Im Jugendvollzug lese ich an den Haftraumtüren Namen wie Ali, Mohammed, Adolfo oder Julian. Tim, Ricardo oder Alexander gibt es ebenso. Im Vollzug werden bei den Bediensteten wie bei den Gefangenen die Nachnamen benannt. Das ist dann Herr Y. oder Herr X. Unter Inhaftierten heißt es dann nur „der Y. oder X.“ Neben den üblichen Rangnamen werden nur sehr selten die Vornamen ausgesprochen. Wie oft wird der Gefängnisseelsorger aufgrund seines Namens angesprochen: King. So würden gerne einige Jugendliche genannt werden.

Mohammed, der Name des Propheten… Der 18-jährige Jugendliche, der ihn trägt, zeigt sich nicht besonders prophetisch. Das Leben hat ihm schlecht zugespielt. „Wer bin ich, dass ich ein Prophet bin bei all meinen Straftaten“, sagt er. Derweil spielt er gerne Klavier und beeindruckt damit seine Mitgefangenen. Der männliche Vorname Tim bedeutet übersetzt „der Geschätzte“, „der Gottesfürchtige“ und „der Ehrende“. Geehrt hat ihn noch niemanden, den Tim auf Haftraum Nr. 205. Still und in sich gekehrt sitzt er bei einer Tasse Kaffee im Büro des Seelsorgers. Tim suchte seine Anerkennung in dubiosen Diebstählen, die er mit anderen Kumpels, beging. Furchtlos klaute er Autos und meinte damit Gutes zu tun.

Mit Krone geht es besser

Besonders rührt mich das Schicksal von Julian, einem 22-jährigen jungen Mann aus Dortmund an. Der „Jupiter Geweihte“, so die Namensbedeutung, fühlt sich nicht besonders „geweiht“ oder gar königlich. Als Julian einmal in der Kirche die Schaufensterpuppe des Gefangenen mit einer Krone sieht, setzt er sich diese auf. Er tanzt durch die Kirche und fühlt sich beim Putzen dadurch irgendwie ganz anders. Aber auch Ricardo, der sich am liebsten im völlig dunklen Haftraum verbergen würde, wo doch sein Name aus dem Althochdeutschen ist: rihhi (Macht, Reich) und harti (hart, stark, entschlossen). Spanisch klingt das ganz anders als Richard. Reich ist Ricardo ebenso wenig wie fest und entschlossen. Zu sehr wurde er in seiner Kindheit wegen seiner geistigen Behinderung gemobbt. Ricardo hat keine Scheu sich im Gottesdienst mit klaren und starken Aussagen zum Thema „Ungerechtigkeit“ auszudrücken.

Lazarus

So ergeht es auch Lazarus in der Geschichte des Evangeliums, „ein armer Mann… dessen Leib voller Geschwüre war“. Er lag vor der Tür des reichen Mannes, den im Getöse seiner prunkvollen Feste dieser arme Mann überhaupt nichts anging. Die Geschichte erzählt, dass beide auch nach dem Tod getrennt bleiben, allerdings in umgekehrter Weise: während Lazarus in Abrahams Schoß liegt, muss der Reiche „große Qual“ erleiden. Zwischen den beiden tut sich ein „tiefer unüberwindlicher Abgrund“ auf, ein Abgrund so tief, dass auch die Brüder des Reichen, also jene, die genauso unterwegs sind, kaum eine Chance haben werden, dem Leid, das der Gier folgt, zu entkommen. Die Letzten werden die Ersten sein – diese Umkehrung kommt bei den Geschichten um Jesus immer wieder vor.

Keine Antworten und Ratschläge

Dass im Knast nicht nur Engel sind, ist klar. Die Strafgefangenen haben alle ihre Geschichten, haben Schuld auf sich geladen oder mutwillig Dinge zerstört. Auf der anderen Seite ist jeder einzelne im Jugendvollzug ein Unikum mit seinen je verschiedenen Seiten, die er zeigt oder verbirgt. In der Gefängnisseelsorge geht es um Zuhören, Motivieren und als Gegenüber eine klare Rückmeldung zu geben. Es gibt keine fertigen Antwort und keine Ratschläge. Wir sind interessiert am Menschen, der vor uns sitzt. Egal wie verheerend seine Taten waren und wie er sich gerade zeigt. Zwischen den Zeilen lesen und das „Problem hinter dem Problem“ gemeinsam herausfinden, wenn dies der Inhaftierte zulassen kann. Nicht selten zeigt sich der Name und dessen Bedeutung in einem neuen Licht. Da muss man nicht „King“ heißen, sondern seine eigene Würde entdecken und leben.

Michael King | Christoph Kunz

 

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