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Die Kraft in jedem Menschen: Bereitschaft für das Unberechenbare

23. Mai 2026

„Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter, oder es bleibt, wie es ist“ – diese alte Weisheit schenkt uns die zuverlässigste Wettervorhersage. Sie lässt offen, wie das Wetter wird und hat deshalb beständige Gültigkeit. Umso genauer eine Wettervorhersage, umso unsicherer ist sie. Mit dem menschlichen Bedürfnis, das Leben möglichst im Griff zu haben, können wir den Unsicherheitsfaktor ausblenden in der Meinung, wir wüssten mit einer Vorhersage, was auf uns zukommt.

Manchmal überlassen wir ihr sogar unsere Stimmungen und Emotionen. Dann bekommen wir schlechte Laune bei angekündigtem Gewitter, obwohl es noch gar nicht da ist und womöglich überhaupt nicht kommt. Dieses Phänomen des im Wenn-dann Seins betrifft auch Vorhersagen anderer Bereiche unseres Lebens. In diesen Wochen sind es immer neue Wahlprognosen, die uns emotional sehr beschäftigen.

Vertrauen, damit umzugehen

Wie kann verhindert werden, dass Kräfte, die die Grundwerte unserer Demokratie verachten, in unserem Land führend werden? Es ist, als würden wir plötzlich aufgeschreckt in einer Komfortzone von Sicherheit und Frieden, wir werden gewahr, wie unsicher alles ist. Die große Besorgnis darin gehört gewürdigt und es braucht Klarheit hinsichtlich der Werte, die uns für unser Zusammenleben wesentlich sind. Sich aber jetzt daran abzukämpfen, was womöglich sein wird, heißt Prognose mit Wirklichkeit verwechseln. So verständlich die Empörung ist gegenüber denen, die laut Umfrage womöglich (!) eine unseren Grundwerten widersprechende Partei wählen, so wenig hilfreich ist sie. Ein „Wir gegen die“ verhindert Verständigung jetzt, wo es sie so dringend braucht. In gegenseitiger Festlegung lässt eine der anderen Seite keinen Raum für persönliche Veränderungen, die Reaktion ist eher ein trotziges „Jetzt-erst-recht“. Bei aller klugen Voraussicht und sorgsamer Vorbereitung für das, was kommen könnte, braucht es die Bereitschaft, sich auf das einzulassen, was noch nicht ist – im Vertrauen, damit umgehen zu können.

Die Kraft, die wirkt

Die Kraft, die darin wirkt, feiern wir zu Pfingsten. Wir nennen sie Heiliger Geist, wissend, dass diese beiden Worte nicht annähernd fassen können, was und wie die damit besagte göttliche Kraft wirkt. In den biblischen Schriften taucht sie aus dem Schatz menschlicher Erfahrungen in bildreichen Variationen auf: als die „ruach“, die über dem Chaos Wirkende und Schaffende, als „Sophia“, die tanzende Weisheit aus göttlicher Schöpfung, die immer neu in ihr Haus einlädt, als göttlicher Atem, dem Menschen eingehaucht. Für das Evangelium ist es die menschliche Befähigung zur Liebe, die, wie es in der Lebenshingabe Jesu erfahrbar wird, sogar in versteinerte Herzen dringen kann. „Das Gebet um den Heiligen Geist“, so schrieb der Theologe und Mystiker Karl Rahner, bedeutet „die Bereitschaft, das Unvorhergesehene, das Unberechenbare, das neu werdende Alte, das alte Neue in das Leben einzulassen, bedeutet sehr oft, keine durchschaute Antwort in der konkreten Situation zu haben“.

Mut zum Wagnis

Dann wird im Aushalten der Frage, wie denn alles noch weitergehen soll, zugleich die Antwort gelebt: lebend im Vertrauen, dass der gute Same in uns gesät ist, auch wenn seine Frucht noch nicht einmal zu ahnen ist. Wo wir uns öffnen jenseits unserer Festlegungen lassen wir Raum für das, was wir das Geheimnis unseres Lebens nennen, für Gott. „Das Wort vom Heiligen Geist“, so Rahner, „ist die Frage an jeden einzelnen in seiner unvertretbaren Einmaligkeit, ob er den Mut zum Wagnis, zum Experiment, zum Aushalten des Widerspruchs der großen Menge habe, ob er vertraue auf etwas, was sich letztlich nicht noch einmal rational ausweisen lasse, nämlich auf den Heiligen Geist“. Wann immer der Hahn also kräht auf irgendeinem Mist lasst uns einander erinnern an diese Kraft in uns (wie auch immer wir sie nennen), an die Kraft, selbst da noch vertrauen zu können, wo wir keine Antwort finden und trotzdem zu tun, was uns im Gebot der Liebe zu tun aufgetragen ist.

Christoph Kunz | Magdeburg

 

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