Mit wieviel Blindheit können Menschen trotz sehender Augen geschlagen sein? Da treffen sich in Magdeburg Mitglieder der AfD, einer Partei, die im Fall der Machtübernahme nach der Landtagswahl im September die demokratischen Strukturen, die sie braucht, um gewählt zu werden, grundlegend zerstören will. Bedroht sind die Freiheit der Kunst, die Religionsfreiheit und der Schutz von Minderheiten, Menschenrechte und Menschenwürde werden grundsätzlich in Frage gestellt.
Laut der Wahlprognosen will eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung diese Partei wählen. Das ist so, als würden BewohnerInnen ihr Haus freiwillig anzünden. Und im großen Weltgeschehen hat dieser Wahnsinn noch ganz andere Ausmaße. Da bejubeln Menschen, die sich als überzeugte Christ*innen betrachten, ihre Krieg führende Präsidenten. Man sieht im Fernsehen die Zerstörung der Städte, das Leid und das Töten von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und alten Leuten – und beklagt die hohen Spritpreise. Wir sehen und sehen doch nicht. Haben wir uns schon so sehr an das Nichtwahrhabenwollen gewöhnt? Wirken unsere Gewohnheiten und bequemen Sicherheiten stärker als der Mut, die Wirklichkeit samt ihren Auswirkungen anzusehen?
Suchender Thomas
Dazu kann das Johannesevangelium mit der Geschichte des zweifelnden Thomas einen Weg weisen. Es entstand erst knapp 100 Jahre nach dem Tod Jesu. Da gab es keine Augenzeugen des Wirkens Jesu mehr, seine Geschichte wurde von Generation zu Generation weitererzählt, manche begannen dieser Botschaft zu trauen, andere waren nicht überzeugt. Für Letztere steht die Gestalt des Thomas. Er glaubte den Erzählungen derer nicht, die eine Auferstehungserfahrung machen konnten. Thomas wollte nicht vom Hörensagen glauben, er wollte selbst erfahren, dass der getötete Jesus lebt, dass Auferstehung wirklich ist – und seine Finger in die Wunde legen. Dem suchenden Thomas offenbart sich schließlich der auferstandene Jesus. Wer sich neu aufmacht, wer wirklich sucht und bereit ist, leibhaftig zu erfahren, worum es geht, dem kommt Gott in Jesus menschlich entgegen, so die Botschaft des Johannesevangeliums.
Man sieht mit dem Herzen gut
Es gehört Mut dazu, sich leibhaftig erfahren zu lassen, was wirklich ist. Wer das will, muss aus der Zuschauerposition herauskommen und sich mitfühlend in die Wirklichkeit einlassen. Die moderne Kommunikation ist geprägt vom schnellen Austausch irgendwelcher Fake News, Halbwahrheiten und Meinungen, so fällt es schwer zu erfassen, was wirklich ist. Erst die Resonanz im eigenen Herzen ermöglicht wirkliches Verstehen, denn da im Herzen spüren wir tatsächlich Freude und Leid. „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ ist ein berühmtes Zitat aus Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“. Das ist unsere menschliche Fähigkeit zu sehen, was noch nicht zu sehen ist: die Frucht des Samens, der tief in die Erde gebracht ist. Dann kann ich in der Wirklichkeit von Hass, Spaltung und Krieg zugleich sehen, dass Verständigung und Versöhnung immer noch möglich sind, auch wenn sie im Moment als völlig abwegig erscheinen. Im Evangelium heißt es: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“.
Es braucht Klarheit
Die Botschaft ist, dass Gott uns darin entgegen kommt. Glaube mag dann oft eine Durststrecke sein, immer wieder muss fast trotzig ein Trotzdem dem lauten Untergangsgerede entgegengesetzt werden. Oft wird es eher eine leise Stimme sein gegen das laute Gebrüll derer, die meinen Recht zu haben. Aber auch eine leise Stimme ist eine Stimme. Wer mit dem Herzen sieht, wer noch glauben kann, wo alles dagegen spricht, bleibt nicht in einer passiven Zuschauerposition, sondern geht ins aktive Mitgefühl. Dann sei euer Ja ein Ja und euer Nein ein Nein, wie es im Matthäusevangelium heißt. Mit dieser Klarheit verurteilt Papst Leo jeden Krieg und mahnt zu Verständigung. Diese Klarheit braucht es auch im je eigenen Umfeld angesichts zunehmender Spannungen und Aggressionen. Und den Langmut, wachsen zu lassen, was mit jeder kleinen liebevollen Geste schon grundgelegt ist.
Christoph Kunz | Johannes 20, 19-31





