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Ethikkomitee: Wichtiger Baustein für verantwortungsvolle Vollzugskultur

3. März 2026

Ethik im Vollzug? Wo haben innere Zweifel ihren Platz? Wie gehen wir mit moralischen Grenzfragen um? Oder einfach: Was ist zu tun, wenn der „Bauch“ sich meldet?Unterstützung in der Klärung solcher und ähnlicher Fragestellungen erhielt die JVA Bielefeld-Brackwede in den vergangenen Jahren durch die Arbeitsgemeinschaft der Katholischen Gefängnisseelsorge in Deutschland e.V., die das Projekt der Ethikkomitees im Justizvollzug bereits 2009 auf Bundesebene angestoßen und implementiert hatte.

Seit 2024 hat die Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede ein eigenes Ethikkomitee. Es besteht aus 22 Mitgliedern, die sich aus allen Fachdiensten zusammensetzen. Vertreten sind unter anderem der Gefängnisseelsorger, Mitarbeitende aus dem Bereich Sicherheit und Ordnung, Psychologinnen und Psychologen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Mitarbeitende des Allgemeinen Vollzugs– und Werkdienstes. Die Zusammensetzung ist bewusst interdisziplinär gewählt. Unterschiedliche Professionen bringen unterschiedliche Erfahrungswerte und Blickwinkel mit. Diese sollen sich ergänzen und gegenseitig herausfordern. Ziel war und ist es, einen strukturierten Raum zu schaffen, in dem berufliches Handeln reflektiert, innere Konflikte ernst genommen und gemeinsam etwas entwickelt werden kann.

Bewusstes Innehalten

In diesem Zusammenhang finden gemeinsame Workshops und Schulungen statt, insbesondere mit dem Schwerpunkt der Moderation von Gesprächen und natürlich in erster Linie einem lebhaften Erfahrungsaustausch. Die interdisziplinäre Fallreflexion bildet dabei einen Kernbestandteil der Arbeit im Ethikkomitee. In diesen Sitzungen geht es nicht um schnelle Entscheidungen oder pragmatische Abkürzungen, sondern um das bewusste Innehalten. Themen werden dann eingebracht, wenn jemand ein inneres Unbehagen gegenüber einer Handlung, einer Entscheidung oder einer bestehenden Praxis wahrnimmt. Genau dort setzt die Arbeit des Ethikkomitees an. Das Gremium trifft sich einmal monatlich für zwei Stunden. Die Mitarbeit im Ethikkomitee erfolgt freiwillig. Über ein Interessenbekundungsverfahren in den großen Dienstbesprechungen konnten sich Mitarbeitende aller Dienste anmelden.

Haltungen reflektieren

„Das Ethikkomitee ist ein Ort, an dem Dinge ausgesprochen werden dürfen, die sonst oft unausgesprochen bleiben“, beschreibt der katholische Gefängnisseelsorger Lothar Dzialdowski die Arbeit. „Hier geht es darum, Handlungen zu reflektieren“, betont Silke Frank, Abteilungsleiterin und Mitarbeiterin des Bereichs Sicherheit und Ordnung der Anstalt. Ein wiederkehrendes Thema ist beispielsweise der Umgang mit dem Versterben in Haft, aber auch alltagspraktische Fragestellungen finden Raum. So wurde im Ethikkomitee unter anderem diskutiert, ob und in welcher Form private Unterwäsche von Inhaftierten in der Anstalt gewaschen werden sollte. Aus der ethischen Reflexion heraus entstanden konkrete Handlungsempfehlungen. Letztlich wurden dafür eigene Waschmaschinen angeschafft. Dieses Beispiel zeigt, wie aus ethischen Fragestellungen praxisnahe und tragfähige Lösungen entwickelt werden können. Ein zentrales Merkmal der Sitzungen ist der Perspektivenwechsel: Sichtweisen werden hinterfragt und in anderem Kontext neu eingeordnet. Es entsteht ein geschützter Raum, in dem auch schwierige Themen ausgehalten werden dürfen. „Alles ohne Zeitdruck, ohne vorschnelle Lösungen. Man muss es auch schaffen können, dass nicht alles sofort geklärt wird. Aber genau dadurch kommen wir ins Gespräch auf Augenhöhe“, so berichtet Dzialdowski.

Aus den Diskussionen heraus werden Handlungsempfehlungen entwickelt, die von allen Fachrichtungen innerhalb des Gremiums getragen werden. Transparenz steht hier im Vordergrund“, berichtet Pädagogin Leoni Kuhnle. Das Ethikkomitee versteht sich nämlich ausdrücklich nicht als Kontrollinstanz, sondern als eigener Reflexions- und Entwicklungsraum. Die Bedeutung dieses Projekts wird von der Anstaltsleitung unterstützt. Anstaltsleiter Oliver Burlage betont: „Das Ethikkomitee ist ein wichtiger Baustein für eine verantwortungsvolle Vollzugskultur. Es stärkt die professionelle Haltung unserer Mitarbeitenden und schafft einen Raum, in dem ethische Fragen konstruktiv bearbeitet werden können und Raum finden.“ Das Ethikkomitee ist damit weit mehr als ein formales Gremium. Es ist ein lebendiger Prozess, der Zeit braucht, Offenheit erfordert und seine Stärke entfaltet als Ort der Begegnung und der gemeinsamen Verantwortung im Justizvollzug.

Unterschied JVA-Ethikkomitee zu anderen Kontexten

Der Begriff und die Idee von Ethikkomitees“ stammen aus dem Bereich der Kliniken sie vor allem dazu dienen Entscheidungsträger in schwierigen Entscheidungssituation zu unterstützen. Ethikkomitees haben dabei eine ausschließlich beratende Funktion. Die jeweiligen Entscheidungsträger sind nicht an die Entscheidungen oder Ergebnisse des Komitees gebunden. Ethikkomitees sind Anlaufstellen innerhalb einer Einrichtung, die von der jeweiligen Leitung entweder direkt eingesetzt oder doch getragen werden; das führt dazu, dass Entscheidungsprozesse transparenter werden. Die Gespräche sind vertraulich. Ethikkomitee eröffnen im Alltag des Justizvollzug ein Raum der ethischen Reflexion. Situationen, die aus meist nicht unmittelbar benennenden Gründen als unstimmig erscheinen, erhalten im Ethikkomitee Zeit und Ort um von einer Gruppe die sich aus möglichst vielen Berufsgruppen zusammensetzt, ohne akuten Handlungsdruck reflektiert zu werden. Sehr möglichst vorhandene Konflikte als moralische zu verstehen und das Handeln im Vollzug umfassender zu begreifen. Ein Ethikkomitee ist grundsätzlich für die Anliegen aller im Vollzug ansprechbar. Es hat weder eine Kontroll- noch eine Entscheidungsfunktion. Es ist beratend. Die Tätigkeit des Komitees wird auf transparente Weise in der Anstalt kommuniziert. Es handelt sich um ein Reflexions- und Beratungsgremium, welches auch Handlungsempfehlungen aussprechen kann.

Sebastian Austrup | Psychologischer Dienst

 

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