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Dank-Zettel: „Wie leicht hätte auch ich fallen können“

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„Wer denkt, dankt…“ sagt Petrus Cellen in seinem Buch „Denk-Zettel.“ Solche Denkzettel sollen aber keine Abrechnung oder gar eine Strafe sein, die jemanden zum Nachdenken bringen soll. Mit „einen Denkzettel bekommen“ verbindet man unangenehme Erfahrungen, die jemandem als Lehre dienen soll. Meist negatives Verhalten soll durch Denkzettel in Zukunft nicht mehr gezeigt werden. Petrus geht es vielmehr um „an etwas denken“, nichts zu vergessen. Ähnlich den Denkzetteln am Kühlschrank. Zwei ehemalige Gefängnisseelsorge-Kollegen haben Petrus Dank-Zettel geschrieben. Ceelen selbst hat dazu aufgerufen, ihm solche zuzusenden.


Lieber Petrus,

Dein Buch „Hinter Gittern“ ist unter Deinen vielen Büchern zum Klassiker geworden. In meinen 12 Jahren als Gefängnisseelsorger in der JVA Heimsheim wurde dieses Büchlein für mich wie kein anderes deiner vielen Bücher zu einem treuen Begleiter. Regelmäßig habe ich es in die Hand genommen. Gerne habe ich es weitergegeben. Für viele Gefangene wurde es zu einem Trostbuch. In den Texten gibst Du den Männern hinter Gittern eine Stimme. Du gibst ihnen in ihrer Sprachlosigkeit Worte, die helfen, ihre Gefühle und Empfindungen zu benennen.

Mehr als Ausharren

Ein wichtiger Schritt, sich anzunehmen und das Chaos der Gefühle zu sortieren. Die, die sich als Abschaum der Gesellschaft empfinden, erfahren durch deine empathischen Worte Wertschätzung und bekommen Ansehen. Auch für mich wurde dein Büchlein zum Halt in oft ausweglosen Situationen. Deine Worte haben mir geholfen, die Ohnmacht hinter den Mauern auszuhalten. Das Gefühl nur Zuschauer zu sein. Vor allem: nichts an der Situation ändern zu können. Die einzige Möglichkeit für uns Seelsorger hinter Gittern ist häufig nur: zusammen mit den Männern ihre Not und oft auch seelische Armut mit auszuhalten. Mehr als Ausharren an der Seite der Gefangenen geht oft nicht.

Brücke zwischen Lebenswelten

Führungen durch die Anstalt wurden für mich im Lauf der Jahre zu einem festen Arbeitsfeld. Zu den Besuchergruppen zählten vor allem Abiturienten und Studierende. Allesamt Personengruppen, die teilweise später im Beruf zu Entscheidungsträgern in der Gesellschaft werden. Da schadet es nicht, wenn sie in der Begegnung mit einer Randgruppe unsrer Gesellschaft ihren Horizont erweitern. Den Abschluss und Höhepunkt dieser Führungen bildeten Gesprächsrunden mit ausgewählten Gefangenen. Häufig kam es zu einem lebendigen Dialog zwischen denen von draußen und denen von drinnen.

Gefangene mit Suchtproblematik kamen ins Schwitzen, wenn sie nach den Zielen in ihrem Leben gefragt wurden. Und die von draußen spürten im Lauf des Gesprächs eine immer größer werdende Dankbarkeit, weil sie im Zuhören der abgrundtiefen Lebensgeschichten plötzlich spürten, dass sie auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Es ist nicht selbstverständlich, Liebe und Zuwendung zu erfahren. In der Regel beendete ich die Führungen mit einem Text von dir aus „Hinter Gittern“: „Von den Gefangenen habe ich gelernt, dass ich im Leben viel Glück gehabt habe. Von den Straffälligen habe ich gelernt, wie leicht auch ich hätte fallen können.“ Deine Worte helfen eine Brücke zu schlagen zwischen ganz verschiedenen Lebenswelten.

Gott begegnen im Knast

Für mein Selbstverständnis als Seelsorger hinter Gittern bekam ein Satz von Dir aus dem oben zitierten Text eine zentrale Bedeutung für mich: „Im Gefängnis habe ich dich mehr erfahren als in der Kirche. Durch die so genannten Gottlosen bin ich dir näher gekommen als durch mein Theologiestudium.“ Es ist ein heruntergekommener Gott, dessen Spuren bei Begegnungen im Gefängnis zu entdecken sind. Die Armut des Wanderpredigers Jesus von Nazareth, der wahrscheinlich nicht mal Schuhe anhatte, wird in der Wüste des Gefängnisses besonders spürbar. Der Menschensohn wird zum Bruder der Menschen. Jesus war kein Buddha, der weise dasitzt und vor sich hinlächelt. Jesus war auch kein alter Opa, der gemütlich im Schaukelstuhl sitzt und Pfeife raucht.

Nein, der Sohn Gottes hat sich erniedrigt und wie ein Verbrecher unter Verbrechern ans Kreuz schlagen lassen. Wahrhaft ein heruntergekommener Gott. Ein menschlicher Gott. Danke, dass ich Dich kennenlernen durfte: ein Mann des Wortes und gleichzeitig ein Mann der Tat. Eine seltene Kombination. Danke Petrus für deine Inspiration.

Joachim Scheu (ehemals tätig in der JVA Heimsheim)

Lieber Petrus,

es war im Jahre 1983 bei einer Konferenz der Gefängnisseelsorge. Ich war gerade mit dem Theologiestudium fertig geworden und machte ein Praktikum in der JVA Ludwigsburg. Die Gefängnisseelsorger waren durchweg kernige Typen, so ganz anders als das kirchliche Personal, das ich bis dahin kennengelernt hatte. Du warst einer von ihnen, hattest schon einige Bücher über Deine Erfahrungen mit Menschen am Rande herausgebracht. Sie sollten mir ein Türöffner werden bei meiner ersten Stelle als Gefängnisseelsorger im Jugendknast.

Bei den jungen Gefangenen merkte ich schnell, dass ich mit der üblichen Kirchensprache nicht verstanden wurde. Gebete aus „Hinter Gittern beten“ wurden deshalb oft zum Tagesgebet im Sonntagsgottesdienst. Es war aber nicht nur die Sprache, die sich änderte, sondern überhaupt das Verständnis für die Menschen und mein Selbstverständnis als Seelsorger. Begriffe wie Sünde, Gnade, Rettung wurden hier mit Leben gefüllt. Sünder war auch ich. Eine Gnade war es, dass ich meine kirchliche Überheblichkeit ablegen konnte.

Eine Rettung war es, dass ich es auch mir sagen lassen konnte: Ich, Dein Gott, bin für Dich da und nehme Dich an, so wie Du bist. Dafür musst Du nicht erst eine Leistung erbringen. Diese Einsichten geschahen nicht an einem einzigen Tag, sondern brauchten Jahre. Zur Rückversicherung, dass ich damit nicht auf dem Holzweg bin, half mir immer wieder der Blick in eines Deiner Bücher, von denen Du zuverlässig jedes Jahr ein neues geschrieben hast. Es ist gar nicht einfach, einen dogmatischen Kirchenglauben loszulassen und auf Jesus zu vertrauen: Es ist die Liebe, die uns rettet.

Wird aus mir nichts?

Diese einfache Wahrheit, die wir so schwer glauben können, drückst Du tausendfach unterschiedlich aus. Dabei sparst Du nicht an Selbstkritik und verwendest nicht nur harmlose Bilder. Du gehst auch mit Gott selber ins Gericht, willst von ihm wissen, warum er all das Schreckliche nicht verhindert, wenn er doch allmächtig ist und die Menschen liebt. Am Ende bleibt uns aber nur das Vertrauen in den ohnmächtigen Gott, der bei uns ist und uns in Jesus unablässig entgegen kommt. In Deinen Texten lässt Du die LeserInnen merken, dass Du auch das Ungereimte und Bedrückende kennst, dass Du sie in ihrem Leid verstehst. Im Gefängnis wurde mir das zunehmend wichtig. „Jesus, schau ich auf Dein Kreuz…“ kam oft als Gebet in meinen Gottesdiensten vor. Da war jedes Mal eine andächtige Stille. Vielleicht brannte sie in diesem Moment auch das tätowierte Kreuz, mit dem sich viele der Gefangenen gezeichnet hatten. Es war aber auch wichtig, den Gefangenen zu helfen, sich selber besser verstehen zu lernen. Zum Beispiel Dein Text: „Meine Eltern sagten mir: Du wirst sehen, aus dir wird nichts. Mein Lehrer sagte mir: Du wirst sehen: aus dir wird nichts. Mein Chef sagte mir: Du wirst sehen: aus dir wird nichts. Aus mir ist nichts geworden.“

Dieser Text war als Hintergrund oft eine Hilfe, wenn Gefangene meinten, mit ihrer Straftat hätten sie sich weit von ihren Eltern entfernt. Sie staunten, wenn sie begriffen, dass sie letztlich gehorsame Söhne waren und die Erwartungen, die an sie gestellt wurden, gründlich erfüllten:. Auf dieser Basis konnte vielleicht ein Selbstvertrauen wachsen, dass sie das Zeug für das Gegenteil in sich trugen.

Im Laufe der Jahre durfte ich nicht nur den Autor Petrus Ceelen kennenlernen, sondern auch den Kollegen. Darüber hinaus wurden wir Freunde und noch viel mehr, weil wir spürten, dass wir Seelenverwandte sind. Die Leute haben oft gedacht, wir wären Brüder mit unseren dunklen Haaren und Bärten – die inzwischen weiß geworden sind. Das ist aber nur äußerlich. Auch, dass unsere Frauen fast den gleichen Vornamen haben: Christiane und Christine und dass wir beide Zwillinge haben. Was uns wirklich verbindet ist das verletzliche Blümchen des Vertrauens in die Menschen und in die Welt und darüber hinaus.

Wolfram Kaier (ehemals tätig in der JVA Schwäbisch Hall)

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