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Corona beschleunigt Entwicklungen, die es schon gab

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Die Corona-Pandemie, so sagt man, verstärke nur bereits bestehende Konflikte und ungelöste Probleme. Sie beschleunigt ohne Zögern die Entwicklung und deckte unverblümt auf. Wie ist das strukturell in der Katholischen Kirche? Angesichts der Corona-Beschränkungen ist die Besucherzahl in Gottesdiensten auf ein Bruchteil gesunken. Seelsorgende in den Gemeinden sind anscheinend nicht mehr traditionell gefragt. Gibt es einen Perspektivwechsel, eine andere Haltung zur Versorgungsmentalität und dem anscheint wieder florierenden Klerikalismus? SeelsorgerInnen in weltlichen Einrichtungen wie des Gefängnisses haben einen anderen Blick.

Die deutschen Bischöfe haben sich während Ihrer Vollversammlung in Fulda mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie befasst. Fragen nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und dem, was die Mitte der Gesellschaft ausmacht, waren dabei ebenso Themen wie die pastorale Präsenz der Kirche und die seelsorglichen Angebote für die Menschen in der Corona-Pandemie. In einem Statement äußert sich Bischof Dr. Franz-Josef Bode aus Osnabrück im Pressegespräch:

Entwicklung beschleunigt, die es vorher schon gab

Im Kirche sein wurden schon lange Impulse zu einem anstehenden Perspektivwechsel bzw. Mentalitätswandel in der Pastoral gegeben. Zentral ging es dabei um den Wandel von einer Versorgungslogik durch Hauptamtliche hin zu einer Partizipationslogik. Möglichst viele Gläubige sollen mit ihren Ideen und Fähigkeiten und nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten das kirchliche Leben mitgestalten, und d.h. auch mitentscheiden und mitverantworten. In der Corona-Krise zeigt sich, dass die Pfarreien und SeelsorgerInnen, die sich in den letzten Jahren auf einen solchen Mentalitätswandel eingelassen haben, auch im Lockdown kreativ und aktiv pastoral tätig sein konnten.

Achtlos abgestellte Kerze auf einem Telekom-Verteilerkasten vor der Kreissparkasse im baden-württembergischen Balingen. Foto: Alwin Hummel

Wer aber – zugespitzt formuliert – als Seelsorger bislang ungebrochen in der Versorgung der Gemeinde mit Gruppen, Katechesen oder Sakramenten tätig war, fand sich nun im „Corona-frei“ wieder. Diese SeelsorgerInnen fühlten sich zusehends enorm verunsichert und hilflos angesichts geschlossener Kirchen und Gemeinderäume. In der Öffentlichkeit wurde diese Berufskrise als Identitätskrise der ganzen Kirche wahrgenommen, die durch den Ausfall öffentlich gefeierter Gottesdienste gleichsam ihrer fehlenden Systemrelevanz überführt wurde. Viel weniger beachtet worden ist aber, dass unterhalb dieser medialen Wahrnehmung andere SeelsorgerInnen gemeinsam mit Ehrenamtlichen z.B. Online-Gottesdienste oder -gebete organisiert, Hauskirchen initiiert, sich in örtliche Hilfsnetzwerke eingebracht oder sich am Telefon, am Gartenzaun oder digital nach dem Befinden der Menschen erkundigt haben.

Entscheidend ist hier das gemeinsame Engagement mit Ehrenamtlichen. Sie sind oft weitaus besser als die hauptberuflichen SeelsorgerInnen mit den unterschiedlichen sozialen Situationen vor Ort vertraut, können Türen öffnen und Kontakte zu anderen Playern vor Ort vermitteln. Corona hat das Selbstbewusstsein mancher Gläubigen gestärkt, ihr Glaubensleben und ihr Engagement aus dem Glauben selbstbestimmt zu gestalten. Für andere wurde in Corona-Zeiten eine bisher schleichende Entfremdung vom Glauben und von der Kirche plötzlich offenkundig und führte zum Abbruch ihrer Beziehungen zur Kirche. Corona hat eine Entwicklung in der Pastoral beschleunigt, die in Zukunft weniger klerikerzentriert, dafür aber mit engagierten Gläubigen und damit auch partizipativer, selbstbestimmter und vielfältiger gestaltet sein will.

Neue und andere Orte von Seelsorge

Besonders herausgefordert war die Seelsorge an anderen nicht gemeindlichen, weltlichen Orten. Die ehrenamtlichen Telefonseelsorgerinnen waren in der Corona-Krise weitaus mehr als vorher gefragt. Krankenhausseelsorger nahmen sich Zeit an den Betten der Kranken. Oftmals waren sie im Krankenhaus die einzige Verbindung nach draußen zur Familie und zu den Freunden. Auch die Seelsorge etwa in der Polizei, in den Gefängnissen, in der Altenhilfe sah sich mit Erwartungen konfrontiert nach Nähe trotz Distanzregeln, nach persönlichen Gesprächen in der allgemein verordneten Kontaktlosigkeit, nach Begleitung in einer vielleicht erstmals bewusstwerdenden Fragilität des eigenen Lebens. Diesen und anderen Orten der Seelsorge ist gemeinsam, dass sie diakonisch, ökumenisch und in Zusammenarbeit mit anderen professionellen, z.B. caritativen und auch ehrenamtlichen Diensten geschieht. Es ist eine Seelsorge nicht in den eigenen kirchlichen Räumen, sondern in weltlichen Einrichtungen, staatlichen Organisationen oder anderen sozialen Trägern.

An dieser Stelle möchte ich allen SeelsorgerInnen ausdrücklich auch den MitarbeiterInnen Caritas danken, die als Kirche für die Menschen im Lockdown da waren. Auch hier hat Corona Entwicklungen beschleunigt. Die Menschen konnten nicht mehr zu uns in die Kirchen kommen. Die Seelsorge musste zu den Menschen gehen, dorthin, wo sie leben und arbeiten. So entstanden auch neue Orte der Seelsorge bzw. bislang wenig beachtete Orte der Pastoral und Caritas gewannen an Bedeutung. Unter Corona-Bedingungen verlangte dies von den SeelsorgerInnen je neu die Spannung zwischen Fürsorge bzw. Gesundheitsschutz und selbst bestimmtem Leben auszubalancieren. Das ist mal weniger gut, mal besser gelungen. In der Aus- und Fortbildung werden wir diese Fragen aufgreifen müssen und die pastoralen Dienste so begleiten und befähigen, diesen Wandel zu einer hörenden und dienenden Pastoral aktiv zu gestalten.

Kein belehrendes oder autoritäres Reden von “Gott”

Die Corona-Krise verändert das Handeln in Gesellschaft und Kirche, alles Reden und Planen steht nun unter dem Vorbehalt kurzfristiger Entwicklungen und Veränderungen im Infektionsgeschehen. Diese Verunsicherung betrifft uns bis in unsere Verkündigung hinein. Gott sei Dank wurden vollmundige Reden von Corona als „Strafe Gottes“ für Liberalität in der Gesellschaft als theologischer Unsinn zurückgewiesen. Uns wurde in den vergangenen Wochen manchmal vorgehalten, keine starken Worte eines religiösen Trostes angesichts der Corona-Pandemie zu finden oder auch keinen Kulturkampf um das Recht auf den Gottesdienstbesuch im Lockdown angezettelt zu haben. Andererseits gab es auch Worte und Ansprachen von uns Bischöfen in der Corona-Krise, doch warum wurden sie kaum wahrgenommen? Natürlich müssen wir rückblickend auswerten, was notwendig war und was man auch hätte anders machen können. Wir müssen uns selbstkritisch fragen, ob wir nicht gerade für Alte und Kranke viel früher im Lockdown eine Anwaltschaft hätten wahrnehmen müssen.

Dennoch gibt es gute theologische Gründe, in unserem Reden von Gott sehr bescheiden, ja demütig zu sein oder es zu werden. Gott ist der ganz Andere, wie die Theologie sagt. Er ist kein Teil der Welt, sondern der Schöpfer der Welt, er ist kein Verhandlungsgegenüber, sondern der Ursprung und Garant der Freiheit von uns Menschen. Das verbietet uns geradezu ein belehrendes oder gar autoritäres Reden und Verkünden von Gott. Gott begleitet unsere Wege auch in Corona-Zeiten. Diese Nähe erfahrbar werden zu lassen und von dieser Nähe zu sprechen, geht aber nur in großer Achtung vor der Freiheit und Würde der Menschen und in der Solidarität mit ihrem Leben. Darum hängen der Wandel in der Pastoral zur Alltagssolidarität mit den Menschen und zur Förderung von Autonomie und Verantwortung der Gläubigen eng mit einer sensiblen, eher suchenden und behutsamen Verkündigung von Gott zusammen.

 

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