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Coming-out: Ein Priester ist nicht schwul

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Sein bester Freund offenbarte ihm in einem Brief, das er ihn liebt. Damit begannen die Fragen: Erwidere ich die Gefühle? Bin ich schwul? Darf ich das als Priester überhaupt sein? Hier erzählt Seelsorger Frank Kribber, wie schwierig sein Coming-out war – und wie sein Bischof reagierte. Vielfalt – in all ihren Erscheinungen – ist elementar für eine offene Gesellschaft.

Frank Kribber, 45, ist Priester in der Gefängnisseelsorge Lingen im Emsland – und schwul. Damit verstößt er streng genommen gegen die Bibel, genauer gesagt gegen das Alte Testament, in dem es wörtlich heißt: „Du sollst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; ein Gräuel ist das.“ (3. Buch Mose, 18, 22). Zwei Kapitel später heißt es gar: „Wenn ein Mann mit einem Mann schläft wie mit einer Frau- ein Gräuel haben beide verübt, sterben, ja sterben sollen sie, ihr Blut über sie!“ (20, 13). Wie wagt man also sein Coming-out als schwuler Mann in einer Institution, deren Gründungsakte das Schwulsein verurteilt? Frank Kribber hat sich für einen maximal öffentlichen Weg entschieden: Im Januar 2022 trat er gemeinsam mit mehr als hundert anderen queeren Kirchenmitarbeiterinnen und -mitarbeitern öffentlich in einem ARD-Film auf und outete sich. Hier erzählt Frank Kribber, welche Reaktionen er darauf erhalten hat – inklusive der seines Bischofs:

Frank Kribber kümmert sich um die Seelsorge in einem Gefängnis im Emsland. Eine Zeit lang fühlte er sich von der Kirche mit ihrer Sexualmoral und seinen eigenen Ansprüchen ins Gefängnis gesteckt. Sein Freund Stephan hat ihn mit seinem Brief befreit.

„Die größte Hürde war das Coming-out vor mir selbst. Ein katholischer Priester ist nicht schwul. Undenkbar, ausgeschlossen. Ein absolutes Tabu. So hatte ich es nach Jahrzehnten in der Kirche verinnerlicht. Und was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Also wollte ich es nicht wahrhaben. Ich lenkte mich mit Sport ab. Fitnessstudio, sieben Tage in der Woche. Gewichte heben, bis die Gedanken verschwinden. Ich ignorierte und verdrängte, bis es irgendwann nicht mehr ging. Und das lag vor allem an einem Brief. Geschrieben hatte ihn mein bester Freund Stephan, bevor er an Krebs gestorben ist. Ein gemeinsamer Bekannter gab mir den Brief nach Stephans Tod. Was darin steht, hat meine Welt durcheinandergebracht. Stephan schreibt, dass ich für ihn mehr gewesen bin als ein bester Freund. Dass er mich geliebt hat. Der Brief warf Fragen auf, die ich mir nicht stellen wollte.

Vielfalt – in all ihren Erscheinungen – ist elementar für eine offene Gesellschaft. Dieser Artikel ist Teil einer „Woche der Vielfalt“, die erstmals vom 20. bis zum 26. Juni 2022 stattfindet und die den Fokus auf das Thema sexuelle Identität und Orientierung legt. In dieser Woche setzen sich RTL Deutschland sowie die Partnerunternehmen der Bertelsmann Content Alliance ganz besonders für Gemeinschaft, Toleranz und Gleichberechtigung ein.

Die Kirche ignoriert Homosexualität

Was ist Stephan für mich gewesen? Habe ich ihn auch geliebt? Bin ich schwul? Es mag merkwürdig klingen, aber bis dahin spielten solche Fragen keine Rolle in meinem Leben. Als Priester lebe ich im Zölibat. Ich habe mich nie intensiv mit meiner sexuellen Orientierung beschäftigt, weil immer klar gewesen ist, dass ich sie ohnehin nicht ausleben werde. Im Priesterseminar wurde sich kaum mal offen mit Sexualität auseinandergesetzt, eher wurde beschwiegen und verdrängt. Wenn sie konnten, haben die Lehrenden das Thema ausgeklammert. Manchmal hieß es bloß: „Lasst die Hände über der Bettdecke.“ Homosexualität ignoriert die Kirche besonders hartnäckig. Am liebsten tut man so, als würden Homosexuelle gar nicht existieren. Vor allem nicht in der Kirche.

Zwei Jahre drückte ich mich davor, die Fragen zu beantworten, die sich aus Stephans Brief ergaben. Ich machte so viel Sport, dass mich ein Freund fragte, ob ich vor etwas weglaufen würde. Er hatte recht. Als er mich darauf ansprach, wurde es mir plötzlich klar. Ich hatte Angst, mir einzugestehen, dass ich so lange nicht klargesehen habe. Dass die Zärtlichkeiten mehr waren als freundschaftliche Gesten. Dass ich Stephan geliebt habe. Dass ich Priester bin und schwul.

Im kirchlichen Arbeitsrecht konnte die sexuelle Orientierung in der Vergangenheit zum Kündigungsgrund werden. Homosexuellen Priesterkandidaten wurde schon mal die Priesterweihe verweigert. Vielleicht wäre es für mich also bequemer gewesen, wenn ich mein Outing nur mit mir selbst ausgemacht hätte. Doch das kam für mich nicht infrage. Ich kann keine Reformen fordern und dann nicht bereit sein, etwas dafür zu tun. Wenn sich wirklich etwas in der Kirche verändern soll, muss es Leute geben, die sich aus der Deckung wagen. Im Januar habe ich das getan. Zusammen mit mehr als hundert queeren Kirchenmitarbeitern habe ich mich öffentlich geoutet.

Mein Outing hat mich befreit

Unsere Initiative #OutInChurch soll darauf aufmerksam machen, wie diskriminierend die Kirche sein kann, auch gegenüber ihren Mitarbeitern. Es erschienen ein Film, ein Buch, unzählige Interviews. Auch ich ließ mich von einem Kamerateam begleiten. Wie groß das Echo auf die Initiative war, habe ich verspätet mitbekommen. Als die deutsche Öffentlichkeit im Januar von meinem Coming-out erfuhr, war ich gerade im Urlaub in Costa Rica. Die wichtigste Reaktion hatte ich da längst erhalten.

Im November habe ich Bischof Franz-Josef Bode über meine Homosexualität informiert. Erst in einem Brief, dann im Gespräch. Ich hätte es unfair gefunden, wenn der Bischof über die Medien von meinem Coming-out erfahren hätte. Gleichzeitig war ich nicht sicher, wie er auf die persönliche Nachricht reagieren würde. Doch das Gespräch verlief gut. Er sagte: „Wir brauchen gute Leute in der Seelsorge, machen Sie weiter Ihren Dienst.“ Dann wies er mich daraufhin, dass der Zölibat weiterhin für mich gelte. Wie für alle anderen Priester auch.

Die Reaktion des Bischofs gab mir Sicherheit. Und half mir, mit negativen Nachrichten zur Outing-Initiative umzugehen. Manche in der Kirche hielten mich für einen Nestbeschmutzer. Da stehe ich drüber. Ich konzentriere mich auf die positiven Rückmeldungen. Viele gratulierten mir. Einige schrieben, dass wir ihnen Hoffnung auf einen Wandel in der Kirche gemacht hätten. Als Priester kümmere ich mich um die Seelsorge in einem Gefängnis im Emsland. Eine Zeitlang kam mir die Kirche mit ihrer Sexualmoral selbst wie ein Gefängnis vor. Seit meinem Outing fühle ich mich wie befreit. Eine große Last ist von mir gefallen. Ich muss mich nicht mehr verstecken, nicht vor der Kirche, aber vor allem nicht vor mir selbst. Endlich kann ich ehrlich zu mir sein. Mit seinem Brief hat Stephan das erst ermöglicht. Dafür bin ich ihm dankbar.“

Nico Schnurr für STERN plus ddp | Mit freundlicher Genehmigung

 

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