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Undercover biografisch arbeiten: Kunstprojekt

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In der Justizvollzugsanstalt Herford findet seit zwei Jahren im Jugendvollzug ein Kunstprojekt statt. In einem hergerichteten “Atelier” im Keller des fast 140 Jahre alten Gefängnisses treffen sich wöchentlich 5-6 jugendliche Gefangene mit der Künstlerin Anna Degenkolb. Über die aktive Betätigung mit verschiedensten Materialien wird ohne Hintergründe “undercover” biografisch gearbeitet. Je eigene Lebensthemen straffällig gewordener Jugendlicher kommen dadurch zutage und wollen aufgefangen werden.

Den Inhaftierten werden verschiedene Materialien wie Ton, Farbe, aber auch Stein zur Verfügung gestellt. Jeder Teilnehmer ist damit frei in seinem Tun und kann sich ganz individuell ausprobieren. Für viele Teilnehmer war es das erste Mal sich mit dem Material Ton einzulassen und zu schauen, was dort alles entstehen kann. Die Problematik: Vorurteile, Scham und Verständigungsprobleme führen zu Sprachlosigkeit und enormer Spannung. So fällt es vielen Jugendlichen schwer, sich in eine Gruppe einzuordnen und mitzuteilen. Der Strafvollzug ist ein Ort der Flüchtlingsproblematik. Es sind Jugendliche aus Syrien, Marokko und anderen Ländern.

Als Gemeinschaftsaufgabe wurde ein Wunschbau aus Latten gemeinsam entworfen, gebaut und bemalt. An diesem Wunschbaum hängen Wünsche von Inhaftierten ganz unterschiedlicher Art. Wünsche von drinnen, aber auch Wünsche für Ihre Zukunft nach der Haft. Dieser Baum wurde von interessierten Besuchern von „außen“ mit ihren Wünschen ergänzt. Im Projekt „Atelier Frei-Raum“ wird den Jugendlichen ein Atelier der Bildenden Kunst angeboten, um ihnen einen Frei-Raum zu öffnen, sich künstlerisch auszuprobieren, ihre Kreativität spielerisch zu entdecken, Ideen zu entwickeln, sie umzusetzen und an ihnen „dran zu bleiben“. Dabei ist nicht das entstehende Produkt das oberste Ziel, sondern vielmehr die Tätigkeit an und mit den Dingen, der Prozess des Entstehens selbst.

Biographische Erinnerungen, Fragen nach den eigenen Wurzeln und der Identität finden im Austausch, in der Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Gegenüber eine bildsprachliche Form. Das Atelier wird zur Freizeitgestaltung sowohl in der Woche als auch in längeren Blockeinheiten am Wochenende angeboten. Begleitet wird das Projekt vom Erziehungswissenschaftlichen Dienst. Mit dem Kooperationsprojekt “wechselweise” geht das AlarmTheater in Bielefeld damit einen Schritt in der Vernetzung mit KünstlerInnen. In den drei Projektjahren 2018 bis 2020 fanden regelmäßige Konzepttreffen mit allen beteiligten PartnerInnen statt.

Im Rahmen von „wechselweise“ finden in den Jahren 2018 bis 2020 insgesamt 20 Kunstprojekte mit 8 KünstlerInnen und 8 institutionellen Partnern, darunter die JVA Herford. Koordiniert wird dies durch das AlarmTheater in Bielefeld.

DAS Ergebnis dieses Kooperationsprojektes? Gibt es nicht! Die Ergebnisse sind so vielfältig, wie die Menschen, die das Projekt mitgestaltet und geformt haben. Es sind künstlerische Outputs, eine Broschüre als künstlerische Dokumentation des Projektzeitraums und eine Blog-Reihe, in der Eindrücke und Hoffnungen, die in der Arbeit über drei Jahre entstanden sind, gezeigt werden.

 

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