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Auto-Mat: Auswahl einer “bunten Mischung”

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Swiss Cannabis Ice-Tea. Wie schön wäre es für die Gefangenen, wenn sie solch ein Getränk aus dem Automaten in der JVA ziehen könnten.

Wer kennt sie nicht, die Getränke- und Süßigkeits-Automaten, die an Flughäfen, Bahnhöfen und Kantinen ihre Ware anbieten. Wasser, Cola, Twix, BiFi, Energiedrinks oder anderes. Die Automaten surren wie ein Roboter. Man wählt eine Nummer, wirft den Geldbetrag in Kleingeld ein und hofft, dass aus der unteren Schublade wirklich das herauskommt, was man haben will. Auswählen, reinziehen und genießen. Doch es ist so eine Sache mit dieser Technik.

„Verflixt, die Schublade unten klemmt“, sagt ein genervter Mann an einem dieser Automaten. Verschmitzt lächelt ihn an. Wie kann er sich nur diesem Automaten so widmen? Mit einem Wutanfall tritt er mit dem Fuß auf den Automaten ein. „Moment“, sage ich selbstbewusst. Ich trete an den Automaten heran. Wohl achtend auf den vorgeschriebenen Mindestabstand. „Sie müssen zuerst die Nummer eingeben und dann den Geldbetrag einwerfen“, sage ich schlau. Gesagt getan, der Passant folgt mir aufs Wort. Der Automat surrt und und ächzt. Wie aus Zauberhand und in einer Spirale haltend fällt das Produkt krachend in das untere Fach. Doch ist es nicht das Produkt, welches der anscheinend durstige Genosse will. „ Ich wollte keine Cola, ich wählte doch das Wasser.“ Sorgenvoll und mitfühlend zucke ich mit den Achseln. „Dann trinken Sie eben die Cola. Wir schauen, ob sich die Schublade unten öffnen lässt“, rede ich beruhigend auf ihn ein. Und tatsächlich, mit einem Ruck kommen „wir“ an die Colaflasche. Höflich bedankend – mit einem nicht zufriedenstellendem Gesicht – zieht der Mann weiter.

Diese Automaten stehen ebenso in Justizvollzugsanstalten. Natürlich in der Kantine für die Bediensteten, aber auch im Besucherbereich für die Inhaftierten. Dort können Angehörige für zehn Euro in Kleingeld Süßigkeiten und Getränke aus dem Automaten ziehen. Zu Corona-Zeiten sind die Automaten leer geräumt. Der externe Bestückter der Automaten muss jetzt sein Geschäft an diesem Ort aufgeben. Besuch gibt es nur noch hinter der Trennscheibe. Da kann man nichts mehr herausholen. Wenigstens braucht man sich nicht mit den Automaten herum ärgern. Das Surren dieser Automaten ist verstummt.

Draußen in der Welt werden solche Automaten mit anderen notwendigen Produkten befüllt. Da gibt es jetzt Desinfektionsmittel, Behelfs-Masken, USB-Sticks, Schwangerschaftstests, Kondome und Energiedrinks. Am Hauptbahnhof in Zürich steht solch ein Automat mit “bunter Mischung”. Was besonders heraussticht: Cannabis Ice-Tea. Wie schön wäre es für die Gefangenen, wenn sie solch ein Getränk aus dem Automaten in der JVA ziehen könnten. Feinster Schweizer Hanf gemischt mit Ice Tea auf Schwarzteebasis sorgt für ein Hochgefühl und versetzt in den Chillmodus. Man kauft sich 250ml pure Entspannung, so die Werbung. Daneben im Fach 59 ganz neu: Desinfektionsmittel. Das ist hinter den Mauern jetzt genauso gefragt. Auf den WC’s in den internen öffentlichen Räumen wie z.B. der Anstaltskirche, sind alle Handspender wie leer geräumt. Es wird vermutet, dass Gefangene sich einiges davon abgefüllt haben. Sicher nicht nur, um sich die Hände zu desinfizieren. Die Gefahr besteht, dass daraus Alkohol gefiltert wird.

Doch zurück zu den wundersamen Automaten. Es ist schon eine Qual, die Nummer herauszufinden, mit der man das Produkt wählen muss. Manche Zahlen sind verschoben oder abgefallen. Dann die komplizierte Eingabe an dem Mini-Display. Es ist und bleibt ein Glücksspiel. Es gibt Fälle, bei dem das Geld verschluckt wurde. „Leider kein Produkt verfügbar“, könnte auf dem Display steht. Doch oft sind es mechanische Schwierigkeiten, wie z.B. das Klemmen der unteren Klapp-Schublade. Hier hinein sollte das gewählte Produkt fallen. Es ist wie im Leben. Trotz intensiven Einsatzes bekomme ich nicht das, was ich möchte. Dann muss ich mich eben mit einer Cola zufrieden geben. Oder etwa nicht?

Michael King , JVA Herford | Fotos: Thünemann

 

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