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Auf Augenhöhe begegnen sich Gott und Mensch

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Kaum ein Kunstwerk ist so oft reproduziert worden wie Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“ – zu sehen an der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Bei genauerer Betrachtung dieses Bildes ist besonders spannend: Die Zeigefinger berühren sich nicht. Die neu gestalte Tür zur Kirche der JVA Herford gibt dieses Rätsel auf. Eine Hand mit ausgestreckten Finger auf der Vorderseite. Eine eher schlaffe Hand auf der Rückseite. Nur Kenner wissen, dass diese Hände weltberühmt sind.

Das Bild gehört zum Zyklus von 9 Einzelfresken, welche Gen 1-9 bildlich umsetzen. Gottvater erweckt mit ausgestrecktem Zeigefinger Adam zum Leben.

Sie gehören zum Fresko von Michelangelo „Die Erschaffung Adams“ in der Sixtinischen Kapelle in Rom. In der JVA in Herford werfen sie viele Fragen auf, weil man immer nur eine Hand sieht. Und das ist gewollt. Fast auf Augenhöhe, aber nur „fast“, begegnen sich Gott und Mensch. Die Finger berühren sich nicht. Die Energie geht von Gott aus, nicht vom Menschen. Der wirkt eher schlaff, noch nicht einmal sehnsüchtig, obgleich er vor Kraft nur so strotzt. Es bedarf eben noch des berühmten Funken, der überspringen muss. Mensch und Gott kommen sich so nah, wie wir es angesichts unserer vielen offenen Fragen unseres Lebens kaum vorstellen können.

Der biblische Hintergrund ist die Erschaffung der Welt und des Menschen in sieben Tagen, der von der menschlichen Ebenbildlichkeit Gottes spricht. Michelangelo hat sie unter größten Mühen auf seinem Fresko dargestellt. Eindrücklicher wie kaum ein anderer. Aber dürfen, können oder sollen wir uns Gott so (nah) vorstellen? Das biblische Bilderverbot scheint im 16 Jahrhundert dies nicht in Frage zu stellen. Gleichwohl ist die Anfrage auch im 21 Jahrhundert virulent. Wie können wir über Gottes Wirklichkeit in einer globalen Gesellschaft vorstellen, die medial geprägt ist, wie nie zuvor.

Die neu gestaltete Ein- und Ausgangstür der über 130 Jahre alten Kirche der JVA Herford.

Mag der Analphabetismus die Bebilderung von biblischen Geschichten noch erklären, so könnte die zunehmende Unwissenheit biblischer Inhalte dies wieder rechtfertigen. Vorausgesetzt die Bilder sind so genial und faszinierend, wie sie Michelangelo über Jahre an die Decken und Wände der Sixtinischen Kapelle geradezu gezaubert hat. Damals wie heute waren und sind sie Provokation und Interpretation des Handels Gottes in dieser Welt, in der sich Gott und Mensch so nah kommen, dass der Funke jeden Augenblick überspringen müsste.

Und so sind nicht nur die Hände an unserer neugestalteten Kirchentür ein Rätsel. Unklar ist auch, wie weit Gott von uns entfernt zu sein scheint. Für manch einen jungen Mann ist er ganz nah, fast zum Greifen, weil der Knast ihn aus seiner „Hölle“ geholt hat, wie einer mal sagte. Für andere ist er weit weg. Man gibt ihm nicht mal mehr die Schuld an seinem persönlichen Desaster. Oder stellt ihm die Warum-Frage. „Es ist eben alles so passiert.“ Dieser Frage gehen wir in diesen Wochen nach: Wie nah oder wie fern ist uns Gott?

Stefan Thünemann | JVA Herford

Michelangelo ist gerade 33 Jahre alt geworden, als er am 10. Mai 1508 den Auftrag erhält, die Decke der Sixtinischen Kapelle mit Fresken neu zu gestalten. Auftraggeber ist Papst Julius II. Michelangelo Buonarotti wird in einem kleinen Ort in der Toskana geboren – und zwar in Caprese am 6. März 1475. Mit 13 beginnt er in Florenz in der Werkstatt der Brüder Domenico und Davide Ghirlandaio eine Lehre als Maler.

Bereits ein Jahr später wechselt er in die Kunstschule von Lorenzo de‘ Medici – in den berühmten Giardino di San Marco mit seinen antiken Skulpturen –, um sich dort als Bildhauer ausbilden zu lassen. Am Abend vor Allerheiligen, am 31. Oktober 1512, wird die Sixtinische Kapelle mit den neuen Deckenfresken für die Besucher geöffnet.

 

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