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Jeder behandelte Täter ist aktiver Opferschutz

Gewaltfreie Kommunikation. Werkzeug für den Knast?
20. August 2020

Sie haben andere geschlagen, überfallen, mit Waffen bedroht, verletzt oder sogar getötet: Auf der Abteilung für Gewalttäter in der Justizvollzugsanstalt Rheinbach sitzen die richtig „schweren Jungs“. Allerdings nur diejenigen von ihnen, die sich ihrer Verantwortung stellen und ernsthaft an ihrer Gewaltproblematik arbeiten wollen. Denn das ist eine der Voraussetzungen, um ins „Behandlungsprogramm für inhaftierte Gewalttäter“ (kurz BiG) aufgenommen zu werden. Und das erfordert Mut und den Willen zur Veränderung.

Das Anti-Gewalt-Graffiti im Gruppenraum der JVA Rheinbach.

Seit nunmehr 15 Jahren führt die Diplom-Sozialarbeiterin Doris Gauer, Leiterin des Sozialdienstes, die Abteilung für Gewaltstraftäter. Ein Spezialangebot im Behandlungsvollzug, über das nicht viele Anstalten verfügen. Hier leben bis zu 16 Inhaftierte miteinander auf einer nach innen gelockerten Abteilung. Nach innen gelockert, das bedeutet, dass ihre Haftraumtüren zu bestimmten Zeiten offen stehen und sie ihre Freizeit gemeinsam gestalten können, zum Beispiel mit Kickern, Tischtennis oder Skatturnieren. Die soziale Interaktion zwischen den „alten Hasen“ und den Neuankömmlingen auf der Abteilung fördert die Sozialkompetenz der Inhaftierten. Im Mittelpunkt des Rehabilitierungsprogramms stehen die Gruppenstunden mit Doris Gauer und ihrem Team, allen voran Justizvollzugsbeamter Ingo Zick. „Kommunikation untereinander ist die Zauberformel. Wir können uns blind aufeinander verlassen“, schwärmt Gauer von ihrem interdisziplinären Team, zu dem auch der Psychologe, die Sozialarbeiterin und feste Kollegen vom Allgemeinen Vollzugsdienst (AVD) gehören.

In den Gruppenstunden geht es ans Eingemachte. „Wir blicken gemeinsam in die Biografien, um zu verstehen, wie der Einzelne zur Gewalt gekommen ist. Und jeder Einzelne muss sich der Analyse des Musters seines Delikts stellen“, erklärt Doris Gauer. Das Behandlungsprogramm folgt einem landesweiten Curriculum, an dessen Ausarbeitung die ausgebildete Gewalttrainerin beteiligt war. Das Curriculum ist praktisch orientiert und umfasst einen allgemeinen sowie einen Delikt-spezifischen Teil. „Es geht je nach Gruppenzusammensetzung um den Begriff der Ehre, um Männer- und Frauenrollen und um eine Einsicht in Problemlagen wie Drogen, Schulden, Isolation und geringes Selbstwertgefühl. Die Delinquenten müssen sich der Dynamik des Geschehens überhaupt erst bewusst werden, ehe sie Alternativen für alte Verhaltensmuster entwickeln können. Und viele Gewalttäter haben anfangs gar keinen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen. Dabei hilft die Gruppe.“

Emphatie für Opfer entwickeln

Gefühle zuzulassen ist natürlich auch die Grundlage dafür, Empathie mit den Opfern zu entwickeln. Zu den Hausaufgaben der Teilnehmer gehört daher regelmäßig auch der Perspektivwechsel in Form von Briefen (die zum Schutz vor Retraumatisierung der Opfer aber nicht abgeschickt werden), etwa ein Entschuldigungs-Brief an das Opfer, eine Tatbeschreibung aus Sicht des Opfers oder ein Text zum Thema „Was das Opfer dem Täter noch sagen möchte“. Als Mitbegründerin der Kontaktstelle „Zartbitter“ gegen sexuellen Missbrauch an Kindern in Köln kennt Doris Gauer die Opferperspektive gut und nimmt die Täter in die Pflicht: „Zur Aufarbeitung der Tat gehört immer auch eine symbolische Wiedergutmachung, zum Beispiel in Form von Spenden an Opferschutzorganisationen.“ Das Ziel des auf rund ein Jahr zugeschnittenen Programms: „Dass der Teilnehmer es nach seiner Haftentlassung merkt, wenn er wieder in alte Problemlagen und Denkmuster abgleitet, und rechtzeitig das Stopp-Schild hebt.“ Dann ist es an der Zeit, sich Hilfe zu holen.

Auch wenn nur etwa 50 Prozent der BiG-Teilnehmer das Jahresprogramm bis zum Abschlussfest und zur Abschlussbeurteilung auch wirklich durchhalten: Doris Gauer liebt ihre Arbeit. „Wir machen hier ganz sicher keine Heiligen aus ihnen, und ihren Weg müssen sie später selbst gehen. Aber ich glaube daran, dass Menschen erreichbar sind. Jeder behandelte Täter ist aktiver Opferschutz.“

Inga Thulfau | JVA Rheinbach

 

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