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Abgekanzelt zu werden ist eine Erfahrung

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Abgekanzelt werden ist eine Erfahrung, von der viele leidvoll berichten können. Schon manche scheinbar kleine, unachtsame Bevormundung kann als Demütigung erfahren werden. Das kennen wir durch alle Lebensalter hindurch – und nicht selten leiden wir als Erwachsene immer noch an dem einen oder anderen abgekanzelt worden sein in der Kindheit.

Begegnungen voller Wertschätzung helfen dabei und verhindern, dass wir selbst gegen uns und andere in Abwertung leben. Begegnungen aber, die das Abkanzeln erneuern, die erneut verletzend sind in Abwertung und Demütigung, manifestieren diese und lassen sie chronisch werden.

Von der Kanzel herab

Es ist bezeichnend, dass das Verb „abkanzeln“ für bevormunden und demütigen aus kirchlichen Erfahrungen kommt: von da oben, aus der Kanzel herab kommen die Predigten, die der still unten sitzenden Gemeinde den Weg weisen. Heute wird mindestens in den katholischen Kirchen kaum mehr von der Kanzel gepredigt, doch die Wirklichkeit des Abkanzelns ist damit offensichtlich nicht überwunden. Immer noch werden Menschen aufgrund ihres Geschlechtes benachteiligt, sie werden aufgrund ihrer Lebensweise aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und als Sünder abgestempelt, sie werden bevormundet und in Schuld und Scham gesetzt.

Jetzt kam von einer anonymen Gruppe aus dem Vatikan eine Absage an die deutschen Reformbemühungen im synodalen Prozess, die alle Kennzeichen von Abkanzeln in sich hat. Angesichts geistlichen und sexuellen Missbrauchs in der Kirche sind Reformen in den Machtstrukturen wesentlich – diese zu verbieten heißt, dem Missbrauch weiter Raum zu gewähren.

Kampf um den wahren Glauben?

Ja, es ist nicht die Kirche, die so ist – aber es sind in ihr einige Amtsträger und auch manche im vermeintlichen Kampf um den wahren Glauben fanatisch gewordene Gemeindemitglieder, die sich im gegenseitigen Bevormunden und Abwerten verstricken. Es mag bei diesen Menschen auch eine Reaktion sein auf eigene leidvolle Erfahrungen, und es ist doch zugleich eine Wirklichkeit, die das, was die Kirche eigentlich bezeugen will, ins Gegenteil verkehrt.

Wert-Schätzung

Heilung tut Not: es braucht Begegnungen voller Wertschätzung, in denen der Geist des Zulassens und Würdigens wach ist. Es braucht Versöhnung in Barmherzigkeit. Kurz: es braucht erneut das Unterwegssein auf dem Weg Jesu.
„Bittet – so wird euch gegeben, sucht – so werdet ihr finden, klopft – so wird euch geöffnet“, so beschreibt Jesus die Wirkkraft seines Glaubens, in den er einlädt. Das faszinierende ist die bedingungslose Gleichzeitigkeit von menschlichem sich Aufmachen und der darin ankommenden göttlichen Wirklichkeit. In Jesu Lebensart wurde deutlich, dass das Sehnen nach Glück, nach Heilung und Aufgehoben Sein nicht vertröstet wird ins Jenseits, sondern erfahrbar sein kann im Hier und Jetzt. Wo immer wir den Mut haben, uns aufzumachen, da kommt Gott uns schon entgegen – ja, er ist eigentlich schon in dem Mut des Aufmachens da.

Wache Aufmerksamkeit

Wo immer aber wir zu machen in Festschreibungen, Verurteilungen und Ausgrenzungen, wird nichts spürbar von jener so befreienden wie heilenden Kraft Gottes. „Heuchler“ nannte Jesus jene, die vom Reich Gottes verkünden und gleichzeitig Menschen daran hindern, das Heil, das Gott in ihnen längst begründet hat, auch zu leben. Und sie waren die einzigen, die in Jesus einen großen Zorn entfachten. Doch da sind in unserer Kirche ja auch die anderen. Die, die einen ermutigen, die mit einem auf dem Weg sind, die auch suchen, die überzeugt sind, dass in uns allen so viel Gutsein ist, dass es kaum zu fassen ist. Euch, und ihr seid nicht wenige, danke ich von Herzen für jede Begegnung und alle gemeinsamen Wegstrecken! Diese ermutigenden Erfahrungen helfen mir auch in dieser Kirche weiterhin unterwegs zu sein. Keiner von uns ist davor gefeit, selbst auch mal jemanden abzukanzeln, statt ihm die Tür zu öffnen – und es tut mir leid, wo dies durch mich geschehen ist. Wir brauchen alle gemeinsam eine wache Aufmerksamkeit dafür, in der Verkündigung der befreienden Botschaft Jesu stets diese mehr wirken zu lassen, als die je eigenen Ansprüche an Wichtigkeit und Macht.

Christoph Kunz | Das Titelfoto entstand in Rom vor einer hohen, verschlossenen Pforte

 

1 Kommentar

  1. Katharina Goldinger sagt:

    Cool bleiben

    Viel Wirbel um Nichts aus Rom – über ein nichtssagendes Schreiben zum Synodalen Weg

    Es gibt das mediale Sommerloch. Und es gibt die entsprechenden Meldungen. Was sonst nie ein Level an Relevanz erreichen würde, das zu Druckreife gereicht, schafft es in den Sommermonaten oftmals doch noch in die Schlagzeilen – einfach, weil dann Raum ist. So verhält es sich auch mit der Meldung aus Rom, die gestern für erhitzte Gemüter sorgte und einige Kommentator*innen in den sozialen Netzwerken zu absurden, teilweise in ihrer Banalität komischen, in ihrer Tonalität niveaulosen Ausführungen veranlasste.

    Eine geschickte mediale Inszenierung

    Bevor Sie hier weiterlesen: Versorgen Sie sich mit einem kühlen Getränk oder einem Eis. Cool bleiben – auch bei 35 Grad Außentemperatur. Es handelt sich nämlich um eine völlig inhaltsleere Meldung, dafür aber um geschickte medial-politische Inszenierung. Stellen Sie sich also vor, Sie säßen gerade im Theater. Mit einem kühlen Drink. Oder einem Eis. Vorhang auf: Meldung aus Rom (dankenswerterweise gleich mit deutscher Übersetzung, damit die Aufregungswelle ohne Verzögerung rollen kann). Absender: Heiliger Stuhl. Also: Vatikan, Weltkirchenspitze, Rom, irgendjemand in der Nähe des Papstes, persönlich nicht bekannt. Kein Absender, keine Unterschrift. Es könnte also auch durchaus eine Anmerkung aus Deutschland sein, die – ausgeladen mit „römischem Porto“ – zurück zum Absender unterwegs ist.

    Letzteres ist selbstverständlich nur eine Vermutung meinerseits, quasi eine Interpretation des Bühnenbildes. Zur Inszenierung gehört ergänzend das Überraschungsmoment, also der Lichteffekt oder Kanonendonner: Die 15-zeilige Erklärung erschien am Donnerstag, zwei Stunden nach dem mittäglichen Presse-Bulletin. Viel mehr passiert nun auf der Bühne aber auch nicht. Genaugenommen wird nämlich im Schreiben erklärt, wie der Bühnenraum gebaut ist und funktioniert: Welche Hebel was auslösen. Wer hier tanzen darf und wer nicht. Wie der Vorhang rauf und runter geht. Auf katholisch klingt das zum Beispiel so: „Der ‚Synodale Weg‘ in Deutschland ist nicht befugt, die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtungen der Lehre und der Moral zu verpflichten.“ Ja. War eh klar. Steht aber so auch in der Satzung des Synodalen Wegs, beten Menschen im Gebet, das den Synodalen Weg begleitet, betonen Bischöfe leierkastenartig immer und immer wieder, wenn es um den Synodalen Weg geht. Da die Bühne Roms zugleich auch die der katholischen Kirche in Deutschland ist, erklärt sich das von selbst.

    Völlig absurd

    Es sei denn, man nutzt solche scheinbaren News, um zu suggerieren, es handle sich eben nicht um die gleiche Bühne. Kann man versuchen, ändert aber an der Sachlage nichts: Katholische Kirche in Deutschland ist katholische Kirche in der Einheit mit Rom. Punkt. Die Meldung ist also in etwa vergleichbar mit einer Meldung, die da heißt: „Die Fußgänger in Deutschland sind nicht befugt, den Verkehrsminister dazu zu verpflichten, eine rote Ampel künftig als Signal für das Überqueren einer Straße zu nutzen.“ Ich hoffe, das Beispiel zeigt a) die Absurdität und bietet b) einen guten Anknüpfungspunkt für die Weg-Metaphorik, die ohnehin schon völlig überreizt wurde. Schlürfen Sie bitte weiter Ihr eisgekühltes Getränk und überspringen Sie bei zu hoher Außentemperatur den folgenden Abschnitt, denn ich muss mich an dieser Stelle kurz aufregen. Und es geht ja ums Cool-bleiben.

    Ehrlich gesagt: Veröffentlichungen wie diese sind peinlich für uns als katholische Kirche insgesamt. Kennen Sie das Gefühl des Fremdschämens? Mich überkommt das gelegentlich in meiner Kirche. In diesem Fall ist das auch so. Ich denke, es geht um einen gemeinsamen, um den geteilten Glauben auf Basis der Vernunft. Es geht um Theologie, um den gekonnten Austausch von Argumenten, ebenso wie um das gemeinsame Gebet, den gemeinsamen Gottesdienst, die Sorge für Benachteiligte und vieles mehr. Es geht um Jesus Christus, um Gott, um Heiligen Geist. Und eben um die vernünftige Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. Das ist Theologie.

    Eine Beleidigung für meinen Intellekt

    Schreiben wie dieses aus Rom beleidigen meinen Intellekt – und das, entschuldigen Sie den Sarkasmus, obwohl ich nur eine Frau bin. Also Theologin. Gott hat uns doch den Kopf zum Denken gegeben und den Mund zum Miteinanderreden. Liebe Kollegen in Rom (oder in Deutschland oder wo auch immer der Absender sich gerade die Hände reibt): Von der Größe Gottes zu sprechen, von Einheit und Wahrheit und dann ach so menschlich mit Scheinargumenten einen Prozess in Misskredit bringen zu wollen, der mit großen Anstrengungen versucht, die Einheit einer Kirche zu wahren, die längst durch Kirchenaustritte und aufgrund ihrer strukturellen Unzulänglichkeiten gespalten ist – das hat mit Glaube wenig und mit Gott gar nichts zu tun.

    Texte nicht gelesen?

    Es wäre wirklich hilfreich, Sie würden die Texte des Synodalen Wegs lesen und mit den Verantwortlichen sprechen, und zwar ausführlich. Das könnte solchen Peinlichkeiten vorbeugen und würde Theologen gut zu Gesicht stehen. Neulich sagte ein von der Häresie des Synodalen Wegs völlig überzeugter Priesterkollege, für das Lesen solcher ausufernder Texte habe er bei all seinen Leitungsaufgaben keine Zeit. Mal abgesehen davon, dass der Synodale Weg gerade versucht, die Last der Verantwortung zu teilen, muss man sich schon auch informieren wollen.

    Der Kollege erklärte mir, er verlasse sich auf seriöse Quellen in seinem Umfeld, deren Einschätzung er ungefragt teile, weil er ihnen voll vertraue. Auf die Nachfrage, ob diese Quellen die Texte gelesen hätten, lautete die Antwort: „Vermutlich nicht selbst, aber …“. Mit Verlaub: Wir sind eine Buchreligion. Die Bibel würden wir ja auch nicht „Secondhand“ exegetisieren. Lesen und sich selbst ein Urteil bilden ist eine theologische Kernkompetenz. Darunter können wir das nicht machen – sonst wird es eben einfach nur peinlich. Getränk oder Eis noch in der Hand? Gut so. Lehnen Sie sich entspannt zurück. Auf der Bühne wurde nur die Technik getestet. Wer glaubt, dass als Show verkaufen zu können, hat sich getäuscht. Die Show kommt erst noch. Cool bleiben. Heute beginnen die Ferien.

    http://www.sinnundgesellschaft.de

    Katharina Goldinger ist Theologin und Pastoralreferentin im Bistum Speyer, Religionslehrerin an einem Speyerer Gymnasium und Ansprechpartnerin für den Synodalen Weg im Bistum Speyer, sehr gerne in digitalen (Kirchen-)Räumen unterwegs, ehrenamtlich im Team der Netzgemeinde da_zwischen aktiv.

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