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Im ostwestfälischen Zuchthaus Herford starben im „3. Reich” Häftlinge

10. Oktober 2026

Das Zuchthaus Herford und seine Häftlinge 1934-1939 (Folge 41).

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten übernehmen diese die Hoheit über die Rechtspflege. Der Charakter des Strafvollzugs verändert sich im Dritten Reich grundlegend. Mehre (sic!) Verordnungen schränken die Hafterleichterungen für Strafgefangene massiv ein. So wurde das Tabakrauchen untersagt und der Empfang von Geburtstagspaketen verboten. Die JVA Herford wurde unter den Nationalsozialisten vom Zellengefängnis zum Zuchthaus. ‘Erziehung durch Strafe’ ist einer der vollzuglichen Leitsätze dieser, durch eine erhöhte Selbstmordrate geprägten Zeit.

Quelle: Kommunalarchiv Herford

 

Mit diesen Sätzen wird die „Historie der Justizvollzugsanstalt Herford im Strafvollzug” in der Zeit des Nationalsozialismus skizziert, wobei im letzten Satz dieser offiziellen Darstellung auf die erhöhte Selbstmordrate im nationalsozialistischen Strafvollzug hingewiesen wird. Tatsächlich gibt es bisher nur wenige Informationen über die Lebensbedingungen der Häftlinge in der Strafanstalt Herford in den Jahren 1933 bis 1945; dies gilt erst recht für die dortigen Sterbefälle. Auch über den Untersuchungszeitraum von November 1934 bis Juni 1939, als die Strafanstalt Herford als Zuchthaus genutzt wurde, wissen wir nicht, wie viele Häftlinge damals während ihrer Haftzeit starben. In dem Buch von Rainer Stöcker „Tatort Hagen 1933 – 1945. Geschichte der Hagener Arbeiterbewegung”, Bd. III, lässt sich allerdings der Hinweis finden, dass Fritz Schulte, ein Antifaschist aus Hagen-Haspe „während der Haft 1936 im Zuchthaus Herford gestorben” sei.

Fritz Schulte

Der Zimmerer Fritz Schulte, der am 17. Januar 1900 in Gevelsberg geboren wurde und ledig war, lebte später in Hagen-Haspe, wo er sich nach dem 30. Januar 1933 einer Widerstandsgruppe angeschlossen hatte. Am 30. Juni 1936 wurde er vom 4. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm wegen Vorbereitung zum Hochverrat im Massenprozess gegen Hans Gaffron und andere (Aktenzeichen: 5 O.Js. 31/36) zu einer Zuchthausstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt. Nach Angaben von Karl Schabrod waren in diesem Prozess 54 Personen angeklagt, von denen die meisten aus Hagen stammten; insgesamt wurden 189 Jahre und sechs Monate Strafhaft verhängt, ein Angeklagter wurde freigesprochen. Fritz Schulte wurde zu einem bisher unbekannten Zeitpunkt zwecks Strafverbüßung in das Zuchthaus Herford eingeliefert. Entgegen den Angaben von Rainer Stöcker starb Schulte dort nicht bereits 1936, sondern erst am 12. Mai 1937, wie Schultes Sterbeurkunde belegt.

Sterbeurkunden der Stadt Herford

Anhand von Sterbeurkunden ließen sich bis jetzt noch sechs weitere Häftlinge ermitteln, die im Zeitraum von November 1934 bis Juni 1939 im Zuchthaus Herford starben; allerdings sind die in den Sterbeurkunden gemachten Angaben nur als recht spärlich zu bezeichnen:

  • Der Bergmann Dietrich Rosenberg, geboren am 8. September 1901 in Lünen, wurde am 7. Januar 1936 im Zuchthaus Herford tot aufgefunden; sein Tod wurde dem Standesamt Herford durch den Strafanstaltsarzt, Medizinalrat Dr. med. Curt Ulrich, angezeigt.
  • Der Arbeiter Theodor Woyciechowski (?), geboren am 17. September 1902 in Weim/Kreis Fraustadt (Provinz Posen), wurde am 28. August 1936 im Zuchthaus Herford tot aufgefunden.
  • Der Friseurmeister Gustav Stöcker, geboren am 18. April 1882 in Oesdorf/Kreis Pyrmont, verheiratet, starb am 9. Januar 1937 im Zuchthaus Herford; sein Tod wurde zwei Tage später dem Standesamt Herford durch den Strafanstaltsarzt, Medizinalrat Dr. med. Curt Ulrich, angezeigt.
  • Der Arbeiter Konrad Martin Lamm, geboren am 30. Januar 1902 in Schildesche bei Bielefeld, verheiratet, starb am 26. März 1937 im Zuchthaus Herford.
  • Der Kaufmann Albrecht Romberg, geboren am 6. Februar 1883 in Bochum und ledig, starb im Zuchthaus Herford am 28. März 1937.
  • Der Apotheker Josef Beemelmanns, geboren am 10. Mai 1881 und ledig, starb am 2. April 1939 im Zuchthaus Herford durch einen Herzschlag.

 

Die vorgenannten verstorbenen Personen konnten aufgrund des Sterbeorts (Herford, Eimterstraße 15) leicht als Häftlinge des Zuchthauses Herford identifiziert werden. Nun kam es aber auch vor, dass kranke Häftlinge nicht im Lazarett der Strafanstalt behandelt werden konnten, sondern aus Behandlungsgründen verlegt werden mussten.

Zu diesem Personenkreis gehörte zum Beispiel auch der Schuhmacher Johann Anton Adolf, der am 13. Juni 1885 in Wiersbel/Kreis Falkenberg/Oberschlesien geboren wurde und in den 1930er Jahren zusammen mit seiner Frau in Hagen wohnte. Wegen seines Widerstandes gegen das NS-Regime wurde er zu einem bisher unbekannten Zeitpunkt festgenommen und am 14. Juli 1936 vor dem Oberlandesgerichts Hamm im Massenprozess gegen Robert Weise und andere zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten verurteilt (Aktenzeichen: 5 O.Js. 32/36).

Nach Angaben von Karl Schabrod wurden in diesem Prozess 55 Personen angeklagt und zu insgesamt 164 Jahren und 9 Monaten Strafhaft verurteilt; Schabrod gibt aber fälschlicherweise als Tag der Urteilsverkündung den 14. März 1936 an. Johann Anton Adolf, der zwecks Strafverbüßung zu einem unbekannten Zeitpunkt in das Zuchthaus Herford überführt wurde, wurde ins Kreis- und Stadtkrankenhaus Herford verlegt, wo er am 18. April 1937 starb.


Zur Zwangssterilisation ins Bezirkskrankenhaus

Es ist nicht auszuschließen, dass noch weitere kranke Häftlinge in das Kreis- und Stadtkrankenhaus Herford verlegt wurden, wo sie eventuell nach einiger Zeit verstarben. In einem Fall konnte nachgewiesen werden, dass ein erkrankter Häftling des Zuchthauses Herford nach Düsseldorf verlegt wurde: Der Bäcker Hugo Sporbeck, 1909 in Witten/Ruhr geboren und dort auch später noch wohnhaft, war 1938 zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden, die er im Zuchthaus Herford verbüßen musste. Von dort kommend, wurde er per Einzeltransport am 1. März 1939 in das Bezirkskrankenhaus des Gefängnisses Düsseldorf-Derendorf eingeliefert, wo er am 22. April 1940 verstarb. Zu diesem Zeitpunkt war das Zuchthaus Herford allerdings schon in ein Jugendgefängnis umgewandelt worden.

Ob noch weitere kranke Häftlinge vom Zuchthaus Herford aus zum Düsseldorfer Bezirkskrankenhaus verlegt wurden, ließ sich bis jetzt noch nicht feststellen. Hingegen ist bekannt, dass zahlreiche Herford-Häftlinge zwecks Zwangssterilisation vorübergehend in dieses Bezirkskrankenhaus verlegt wurden, wo die entsprechenden Eingriffe vorgenommen wurden (siehe hierzu die Folgen 22 und 23 der Artikelserie über „Das Zuchthaus Herford und seine Häftlinge 1934-1939”). Abschließend ist festzustellen, dass bis jetzt sowohl die Gesamtzahl der im Zeitraum von Januar 1933 bis Mai 1945 in der Strafanstalt Herford einsitzenden Häftlinge, als auch die Gesamtzahl der dort während des Nationalsozialismus gestorbenen Gefangenen unbekannt ist.

Armin Breidenbach

 Quellen und Literatur

Das Zuchthaus Herford, o. O. u J. (vermutlich aus den 1930er Jahren)
Kommunalarchiv Herford: Sterbeurkunden Nr. 16/1936, 385/1936, 16/1937, 146/1937, 147/1937, 225/1937, 186/1937, 156/1939
Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen, Münster: Schriftliche Auskunft vom 20.8.2026
Schabrod, Karl: Widerstand an Rhein und Ruhr 1933 – 1945, Hrsg.: Landesvorstand der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1969
Stöcker, Rainer: Tatort Hagen 1933 – 1945. Geschichte der Hagener Arbeiterbewegung, Bd. III, Essen 1993

Thematischer Überblick zur gesamten Artikelserie

 

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