Bei vielen holzgeschnitzten, spätmittelalterlichen Dreifaltigkeitsdarstellungen fehlt oft der Heilige Geist. Die Taube, die ihn darstellte, hat die Jahrhunderte nicht überdauert. Gelegentlich war sie angebracht an einem Holzschrein, in dem der Vater den Sohn als Leidensmann vorzeigt. Ging nun der Schrein etwa bei Altaränderungen verloren, dann verschwand mit ihm auch meist die Taube.
Manchmal war sie an der Krone Gottvaters befestigt oder zwischen Vater und Sohn angebracht. Manchmal saß sie auf der Schulter des Sohnes. Ihre Position war eher labil. Schnell konnte sie verschütt geraten. Ganz falsch ist es nicht zu behaupten, dass auch die Position des Geistes in der Frömmigkeit der Gläubigen labil ist. Nach einer Zählung von Gebetsanreden in Volksgebetsbüchern wenden sich 90 % der Gläubigen an Gottvater, etwa 10 % an Christus den Herrn und nur mickrige 0,1 % an den Heiligen Geist. Im Gebetsleben der Christen kommt der Geist eher selten vor.
Fuß der Taube zu sehen
Man kann es auch ins Positive wenden und sagen: Jede, jeder, der sich von Herzen an den Heiligen Geist wendet, kann sich der Erhörung seiner Gebete sicher sein. Die dritte göttliche Person müsste doch „am meisten Zeit haben“. Das ist menschlich-allzumenschlich gedacht, vielleicht auch kindlich im guten Sinne. Falsch ist es keinesfalls, vertrauensvoll und oft und nicht nur an Pfingsten Gottes heiligen Geist anzurufen. Auf der zirbelgeschnitzten Dreifaltigkeitsfigur des Alpenländischen Meisters um 1510 im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen ist auch die Geisttaube verloren gegangen. Der Vater hält auf dem Schoß den Schmerzensmann, der wiederum auf seine Seitenwunde zeigt. Doch schaut man ganz genau hin, dann sieht man deutlich auf dem Gewand des Vaters, auf der vom Betrachter aus gesehen rechten Seite, noch den Fuß der Taube. Hier war sie angebracht. Hier ist sie einmal abgebrochen, vielleicht zunächst auf dem Kirchenspeicher gelandet, jedenfalls in den Tiefen der Kirchengeschichte verloren gegangen.
Geist wirkt, wo er will
Zweierlei kann einem dazu einfallen: Jeder Christ, jede Christin hat unsichtbar auf der Schulter den „Fuß der Taube“. In Taufe und Firmung erhält er dieses unauslöschliche Zeichen für den Geistbeistand Gottes. Das darf man sich ruhig einmal auch für sich persönlich ganz bildlich vorstellen. Es ermutigt unmittelbar. Und ein Zweites: Wenn auf der Skulptur die Geisttaube auch verschwunden ist, sie ist nicht ganz weg, sie ist nur woanders. Sie ist noch da, sie wirkt noch, der Geist wirkt und weht, wo er will (Joh 3,8). Gerade wenn man in Traurigkeit verfällt wie hier Maria mit dem Tränentuch oder wenn eine Kirchendepression einen herunterzieht, kann der Gedanke tröstlich sein.
Alfons Zimmer | Erschinen in „Der Fels“ 4/2026






