Als der Menschenfreund Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg und setzte sich, seine Jüngerinnen und Jünger kamen hinzu, „dann begann er zu reden und lehrte sie“. So leitet das Matthäusevangelium eine Rede Jesu ein, die wie kaum eine andere seine Sichtweise des Lebens, seinen Glauben an Gott und den Menschen aufleuchten lässt. Das Entscheidende geschieht schon in dem Moment, in dem er die vielen Menschen sieht: in diesem Sehen ist das Erkennen, wie sie im Moment wahrhaftig da sind.
Unter der Oberfläche des Anscheins
Diese Art Menschen anzusehen, erinnert mich an Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ von 1987. Dort verkörpern Bruno Ganz und Otto Sander die Engel Daniel und Cassiel, sie streifen als stille, unsichtbare, aber mitfühlende Begleiter durch die damals noch geteilte Stadt und können dabei die Ängste, Sehnsüchte und Gedanken der Menschen lesen. So sind sie unterwegs auf den Straßen, in der U-Bahn, in Kaufhäusern und Büros, zuhause und im Park, von außen betrachtet begegnen sie einfach nur Passanten, die irgendwohin gehen oder irgendetwas tun, mit ihrer Innensicht aber wird gewahr, wie die Menschen alle bewegt sind in ihren besonderen Lebensgeschichten. Ein solches Ansehen geht unter die Oberfläche des Anscheins und hinter die Fassaden der Anpassung, es lässt behutsam vorkommen, was den Menschen eigentlich bewegt. In dieser Weise sah Jesus die Menschen an – weil er sie liebte. Als er also die vielen dort im nördlichen Israel am Rande des Sees Genezareth sah, sah er zugleich, wie sie da waren in ihrer Not und ihrem Leid mit ihrer Hoffnung und Verzweiflung.
Nicht Gesetzgeber, sondern Lebensgeber
“Dann begann er zu reden und lehrte sie“, heißt es im Evangelium. Jesu Worte sind als „Bergpredigt“ bekannt geworden, sie gelten als Höhepunkt seiner Verkündigung. Dabei hat er keine neuen Gebote verkündet oder bisherige aufgehoben, es ging ihm um „einen Lebensstil, der auf Verwundbarkeit, Selbstentäußerung und Zusammenarbeit beruht anstatt darauf, gewisse Regeln einzuhalten“. Jesus lädt ein, „Gott nicht mehr als Gesetzgeber zu begreifen, sondern als Lebensgeber zu entdecken“ (Richard Rohr). Seine Bergpredigt preist Menschen selig in ihrer Haltung, es ist eine besondere Lebensweise, die Jesus würdigt: loszulassen von festgewordenen Absicherungen und Meinungen, um neu erfüllt zu werden – den Mut haben zu weinen, um sich der Bewegung des Trostes zu öffnen – statt sich selbst zu sättigen in Gewohnheit und Bequemlichkeit, den Hunger nach Gerechtigkeit nie aufgeben – ohne Gewalt da sein selbst in gewaltvoller Wirklichkeit, schöpfend aus der Kraft der Versöhnung. Darin sind Menschen selig, weil sie mit dieser Haltung dem Hass und der Gewalt widerstehen, und Raum schaffen für ein heilvolles Miteinander. So wird das alte Gebot, Gott, einander und sich selbst zu lieben, nicht überholt, es wird vielmehr erfüllt.
Synodalität verweigern?
Wenn heute Christinnen und Christen in Politik und Kirche behaupten, selbst die Wahrheit zu haben, wenn sie sich dem Gespräch, der Mühe der Verständigung, dem Ringen um gemeinsames Handeln, kurz der Synodalität verweigern, wenn sie andere bekämpfen als nicht würdig und sich so über sie stellen, dann haben sie die zentrale Botschaft des Evangeliums nicht verstanden. Denn die Lehre Jesu für seine Jüngerinnen und Jünger ist: lasst die Menschen Ansehen gewinnen in ihrer Verletzlichkeit und Verwundbarkeit, da, unter der Oberfläche allen Schutzes, sind sie offen, da sind Menschen menschlich. Preist sie selig, gesegnet sind sie. Hört auf zu verurteilen, hört auf, eure Meinungen mit Gottes Gebot zu verwechseln, hört auf, euch dem Hass und der Gewalt hinzugeben. Erfüllt von Jesu Seligpreisungen sind die Menschen gemeinsam mit ihm den Berg wieder hinabgestiegen in den Alltag ihres Lebens, um dort, in all den Niederungen des Getriebenseins und der Routine sich immer wieder unterbrechen zu lassen von der Melodie der Worte Jesu in ihren Herzen. Lasst uns mit ihnen gehen und auf dem Weg bleiben, da, im Herzen.
Christoph Kunz | Matthäus 5, 1-12a





