Macht und Ohnmacht. Herodes und das Kind. Manchmal hilft nur die Flucht, das Weggehen, um das zu retten, was wachsen und werden will. UnabhĂ€ngig davon, ob der Herodes-Herrscher den Kindermord in Auftrag gegeben hat oder ob es ihn ĂŒberhaupt in der Form gab, ist dieses Evangelium dennoch zeitlos wahr: Irdische Macht und himmlische Ohnmacht stehen sich gegenĂŒber.
Kind stellt alles auf den Kopf
Jemand, der niemanden neben sich – gar ĂŒber sich – duldet, versucht auszuschalten, was ihn bedrohen könnte. Herodes allein will das Sagen, will die Macht haben. Wir wissen, dass sie ganz unterschiedliche Namen tragen: Menschen, die nahezu zu allem bereit wĂ€ren, um ihren eigenen Stuhl zu sichern und andere ausschalten. Sie sind das Gegenteil vom neugeborenen Kind: sie zeigen sich nicht wehrlos, nicht verletzlich, nicht auf Hilfe angewiesen. Sie geben den Ton an, dulden keine Widerrede, haben immer recht. Der Evangelist MatthĂ€us meint, Herodes weiĂ genau, auf welch wackligen FĂŒĂen sein Haus, seine Macht steht, so dass er darauf angewiesen ist, dass alle mit-machen. Macht wird immer von unten gestĂŒtzt, von denjenigen, die sich davon Teilhabe an der Macht erhoffen, Gunst und Wohlwollen. KalkĂŒl und Strategie sind gefragt. Es geht mir gut, wenn der König mich mag. Eine Win-Win Situation fĂŒr alle Beteiligten. Ein Kind hat in diesem System nichts verloren, schon gar kein SĂ€ugling. Es könnte ja sein, dass das System plötzlich Risse bekommt, möglicherweise in sich zusammen fĂ€llt, weil die Aufmerksamkeit woanders hingeht, weil sich plötzlich ganz neue Fragen stellen, weil auch die hĂ€rtesten GroĂen weich und wieder klein werden, weil jemand anderes dann der König ist, der, um den sich alles dreht. Ein Kind stellt alles auf den Kopf. Herodes und alle, die so sind wie er, wissen das.
TrÀumende geben nicht auf
Mit etwas anderem hat Herodes nicht gerechnet: Mit trĂ€umenden MĂ€nnern wie Josef. Er kennt nur die seinen Befehlen Gehorchenden, die sich Duckenden, die ihm Huldigenden. Dass jemand von etwas ganz anderem trĂ€umt als von Macht, dass jemand seinen Narzissmus sogar durchschaut, hĂ€lt er nicht fĂŒr möglich. Josef bekommt den Hinweis, sich aus dem Staub zu machen, Herodes erst gar nicht an sich heran zu lassen. Vielleicht ein weiser Umgang mit Narzissten: Sie ins Leere laufen lassen, ihnen zuvor zu kommen, denn irgendwie ist ihr Handeln berechenbar, vorhersehbar. Zumindest Engel wissen das, Wesen, die einen besseren Ăberblick haben, nicht im AlltagsgeschĂ€ft stecken. In manchen Situationen kommen wir mit unserem Verstand nicht weiter, wir brauchen den Hinweis, der uns sagt, wann es Zeit ist zu gehen. Das sind Engel, die dann sagen: Steh auf. Spiel das Spiel nicht mit. Geh. Und warte nicht. TrĂ€umende geben nicht auf. Sie entziehen sich dem Treiben der MĂ€chtigen, sie nehmen anderes wahr, dem sie mehr Gehör schenken und Folge leisten. Durch Josef ĂŒbersteht Jesus eine ernste Morddrohung. Wir wissen, wie damals die Geschichte weiter gegangen ist. Wie sie heute weiter gehen kann, wissen wir nicht. Das liegt an uns, abhĂ€ngig davon, wem wir unser Gehör, unsere Aufmerksamkeit schenken und wovon wir trĂ€umen: ob von eigener Macht oder Teilhabe daran, oder vom Schutz der OhnmĂ€chtigen. Jesus kehrt zurĂŒck, als Herodes tot ist. Wo man ihn leben lĂ€sst, wird er groĂ. Wo wir ihn leben lassen, wird er groĂ.
Bernd MönkebĂŒscher





