Film-Mittwoch: Ein Unfall kann Leben zerstören. Das von Menschen, die dabei sterben, und das von Überlebenden. Das von Opfern und von Verursachern. Wie findet man Vergebung? Davon erzählt ein sehenswerter Spielfilm im Ersten.

Denis (Jonas Nay) und Alfred (Joachim Król) klauen das Gemälde. © Fotos: SWR, Relevant Film, Andrea Kuepper

Denis fühlt sich für Alfred verantwortlich. Wenn der unbedingt vor der Galerie Wache halten, muss Denis eben bei ihm bleiben.

Die Truppe der Maler aus dem Atelier sind mit Betreuerin Martha am See aufgetaucht, um Tretboot zu fahren.
Mit Schuld auseinandersetzen
Man kann nicht sagen, dass es einfach ein Unglück war. Nein, es war Leichtsinn. Bodenloser Leichtsinn eines jungen Mannes, der seiner Freundin mehr Aufmerksamkeit schenkte als dem Verkehr. Obwohl er am Steuer saß. Am Ende ist eine Frau tot und ein Mann schwer verletzt.
Dabei war das ältere Ehepaar einfach nur an einer Landstraße spazieren gegangen. Man kann auch nicht sagen, dass der junge Mann seinen Leichtsinn leichtnimmt. Nein, Denis Reuter (Jonas Lay) trägt schwer an seiner Tat. Er hat sein altes Leben hingeschmissen, haust zwischen Umzugskisten und jobbt bei einem Tretbootverleih. Irgendwann will er seinen Führerschein zurück und geht zur psychologischen Begutachtung. Doch die Frau ist hart. Sie sehe nicht, dass er sich wirklich mit seiner Schuld auseinander setze, sagt sie. Sei er eigentlich schon bei dem Überlebenden Ehemann gewesen und habe sich entschuldigt? Der überlebende Ehemann, Alfred Schneider (Joachim Król), ist stark traumatisiert. Den Unfall selbst hat er vergessen, das meiste aus seinem alten Leben auch. Jetzt ist er tagsüber oft in der Werkstatt eines inklusiven Kunstprojekts. Unterm Dach hat er ein Atelier, wo er farbenfrohe abstrakte Gemälde fertigt.
Gegenseitige Ergänzung
Um die Psychologin gnädig zu stimmen, fährt Denis in die Werkstatt. Dass Alfred ihn nicht wiedererkennt und nichts von einem Unfall weiß, irritiert ihn. Genauso die anderen Leute, die in der Werkstatt arbeiten: Männer und Frauen verschiedenen Alters, alle mit Beeinträchtigungen. Regelrecht schockiert ist Denis aber von einem Kunstwerk, das Alfred ihm zeigt: die Frau in Blau. Man braucht nicht viel Fantasie, um in der dahingeworfenen Figur das Unfallopfer zu erkennen: zerrissenes Kleid, verrenkte Glieder. Nur der Künstler selbst ahnt nicht, was er da fabriziert hat: Alles liegt im Unterbewussten. Der Verkehrspsychologin reicht ein einmaliger Besuch bei Alfred nicht. Sie schickt Denis zurück in die Werkstatt. Schnell wird er, auch wegen der sehr offenherzigen jungen Künstlerinnen mit Down-Syndrom, Teil dieser inklusiven Gemeinschaft. Und nähert sich natürlich auch Alfred an. Es ist brillant, wie Joachim Król den sehr schweigsamen, oft leicht abwesenden, manchmal verzweifelten, manchmal geradezu überströmend fröhlichen Alfred spielt. Wie Jonas Nay ihn als linkischer, unbeholfener, aber doch gutherziger Helfer widerwillen ergänzt.
Brillante Darsteller
Und wie die Schauspielerinnen und Schauspieler mit echter Beeinträchtigung, etwa wie Amelie Gerdes als Künstlerin lris, dieses Duo ergänzen. Inhaltlich ist spannend, wie gerade die Tatsache, dass Alfred sich nicht bewusst an den Unfall erinnert, die Tür öffnet für eine Beziehung zu Denis. Dadurch, dass die beiden keine Sachargumente austauschen oder rational Schuldfragen klären können, begegnen sie sich auf einer anderen, emotionalen Ebene. Klar treiben Denis seine Schuldgefühle an, er träumt nachts von dem Unfall. Aber zum ersten Mal findet er auch die Kraft, sich der Vergangenheit zu stellen. Seiner Tat, aber auch seiner Ex-Freundin Luana (Nairi Hadodo), die damals mit im Auto saß und zu der er praktisch keinen Kontakt mehr hat. Und seiner Karriere als Fotograf, die er seit damals nicht mehr verfolgt hat. Luana meint, Denis würde sich fortwährend selbst bestrafen. Das ist wohl auch so, solange es keine Vergebung gibt. Alfred allerdings kreist immer noch um sich selbst und findet nur schwer Zugang zum Hier und Jetzt. Dann soll sein Lieblingsbild verkauft werden, die Frau in Blau, von dem er nicht einmal weiß, warum er so daran hängt. Und Alfred bricht zusammen… Mehr Infos…
Susanne Haverkamp | Bistumspresse
Ausstrahlung am Mittwoch, 21. Januar 2026 um 20.15 Uhr im Ersten. Der Film ist in der ARD Mediathek abrufbar.






1 Rückmeldung
Der Film zeigt ihn in beeindruckender Weise die vielen Zwischentöne von Schuld und Wiedergutmachung. Anscheinend gibt es in der klaren Rechtsprechung noch andere Rechtsentsprechungen menschlicher Art? Der Film ist eine lebensnahe Erzählung von vielen kleinen Puzzleteilen, die neu zusammengesetzt werden.
Aufgrund des Gedächtnisverlustes des Geschädigten gibt es einen neuen Horizont. Unvoreingenommen begegnen sich Täter und Opfer. Sie lassen sich aufeinander ein. Wie ein Fernrohr kommen sie sich entgegen. Obwohl das nicht in bewusster Absicht geschieht. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen den beiden. Fotografie und Kunst sind irgendwie der zweite unbewusste Blick von Menschen, die sich nicht (mehr) verbal ausdrücken können oder wollen.
Ein Film, der entgegen des Mainstream heutzutage eine andere konstruktive Richtung einnimmt. Es gibt kein schwarz-weiß, sondern nur Puzzle-Teile. Dieses wird am Schluss von dem Geschädigten, des „nicht mehr Verstanden“, gemalt ausgedrückt. Miteinander reden heißt nicht nur mit Worten, sondern mit anderen Ausdrucks-Mitteln. Blau, rot und gelb… eben, wie Alfred es sagt.