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Eine Zukunft des Gefängnissystems denken?

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Ist es möglich, das bestehende Gefängnissystem von einer Zukunft her zu denken, in der ein veränderter Begriff von ausgleichender Gerechtigkeit den Umgang einer Gesellschaft mit straffällig gewordenen Menschen prägt? Die Handreichung der evangelischen Arbeitsgemeinschaft „Zur Zukunft des Gefängnissystems“ will zumindest hierzu anregen. Ihre Perspektive ist daher eine theologische – auch wenn das Papier mit der deskriptiven, soziologischen Sicht beginnt und versucht, das Bestehende zunächst aus unserer, als Seelsorgende im System Arbeitende und Beteiligte zu beschreiben.

Der Auftrag von Gefängnisseelsorge und von Kirche insgesamt versteht sich von der Zukunft her, vom Reich Gottes, in dem ein neu aufgerichteter und erfüllter Begriff von Gerechtigkeit gilt. Der dies verkündet hat, der Messias Jesus, versteht sich in seiner Praxis im Rückgriff auf die jüdische Tradition von der Vision der Befreiung her:

„Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.“ Und als Auslegung der Stelle aus Jesaja 61 sagt er den Satz: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ (Lukas 4, 16 – 21)

Verkündigung und Seelsorge sind Praktiken, die sich auf die biblischen Traditionen der Befreiung beziehen. Sie beziehen sich damit zum einen auf erfahrene Befreiung wie den Exodus und die praktische Verkündigung des Reiches Gottes Jesu, aber auch auf ein noch nicht Eingelöstes, das sich aus der Zukunft her auf uns zubewegt. Genau in diese Spannung stellen wir uns, wenn wir die Beschreibung des Bestehenden mit der Vision des nicht Eingelösten konfrontieren.

Die messianische Vollmacht konfrontiert uns damit dauerhaft mit dem Unerlösten und dem Ungenügen, dem Leiden an Strukturen, die den Menschen kleinmachen. Sie eröffnet gleichzeitig einen Raum, in dem das „Noch-Nicht“ schon jetzt zu wirken beginnt. Wir haben den Raum des Zukünftigen im Jetzt zu gestalten. „Das ist die Aufgabe alles Raumgestaltens: Räume zu öffnen, innerhalb welcher etwas hingestellt wird, was vorher nicht vorgestellt werden konnte.“

Das Papier will zu solcher Raumgestaltung beitragen. Gefängnis, dieser „Anders-Ort“ außerhalb aller Orte ist eine besondere Anfrage, zukünftiges Denken zu entwickeln. Denn in jeder Gefängniszelle stellt sich die Frage nach der Möglichkeit von Befreiung aus zerstörerischen Mustern exemplarisch für das Ganze von Kirche und Gesellschaft. Nicht nur straffällig gewordene Menschen, sondern die Gesamt- und Weltgesellschaft ist nicht in der Lage, das für das Gemeinwohl „Gebotene“ adäquat zu erfüllen. Die Krise, der Bruch, muss in der Mitte der Gesellschaft ernsthaft verhandelt werden. An der Einsicht in die Krise entscheidet sich nicht nur für Gefangene die Freiheitsfrage.

 

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