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„Wild Christmas“ wirkt im sozialen Brennglas des Knastes

Blick auf Schatten, die im Gefängnis gegenwärtig sind
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Es wird nicht immer dunkel sein. Songwriter aus dem Knast
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Den Song “Wild Christmas” der Musikband „Divine Concern“ ist speziell für die Weihnachtsgottesdienste durch den Gefängnisseelsorger Meins Coetsier in der hessischen Justizvollzugsanstalt Hünfeld geschrieben worden. Er ist bekannt als Seelsorger mit Musiktalent. Ebenso sein evangelischer Kollege, Andreas Leipold, der seine Begabung mit Flöte und an der Orgel zeigt. Es sind andere Töne einer Weihnachtsmusik als gewohnt. Und doch passt dies nicht nur in die Welt des Knastes mit der tiefen Weihnachts-Botschaft der Geburt eines Kindes.

Die Weihnachtsgottesdienste hinter den Mauern werden besonders gestaltet. Eigentlich wie jeder Gottesdienst im Jahr durch die Knastseelsorger: Mit Musik. Die gegenwärtigen Corona-Abstandsregeln in der Enge des Knastes verschärfen die Situation. Die Konflikte und Auseinandersetzungen im Gefängnis wirken wie ein soziales Brennglas. Warum sollte dies ausgerechnet an Weihnachten anders sein? Ein Markenzeichen des Gefängnisseelsorgers Coetsier ist neben seiner Gitarre die Kumquats-Handpuppe mit Sonnenbrille und Lederjacke. Soll dies ein Spiegelbild der Gefangenen sein? Keinesfalls. Die Handpuppe begeistert aufgrund ihres Ausdrucks des Gesichtes und der einfachen Spielbarkeit. Das erleichtert den Zugang zu den Menschen. Auch zu den harten Jungs hinter den Gittern.

„Wild Christmas“ ist der Titel eines US-amerikanischen Thrillers aus dem Jahr 2000. Im Film wechselt nach seiner Haftentlassung der Autodieb Rudy Duncan seine Identität, um an die hübsche Brieffreundin seines verstorbenen Zellengenossen heranzukommen. Der turbulente Action-Thriller kann mit dem Weihnachts-Song nicht gemeint sein. So manche Realitäten Inhaftierter erzählen allerdings ähnliche Stories.

Die Geschichte um die Geburt Jesu ist genauso ein Thriller. Die Umstände der Geburt waren – wie im Neuen Testament geschildert – ganz und gar nicht so harmonisch. Verlassen und allein sind Maria und Josef unterwegs auf der Suche nach Herberge. Eine junge Familie, bei der nicht einmal sicher ist, ob der einfache Zimmermann Josef der Vater des erwartenden Kindes ist.

Die beiden Geflüchteten tragen ein gutes Herz des Vertrauens in sich. Die Sterne stehen gut für sie. Allerdings so ganz anders als gedacht. Draußen vor den Toren Bethlehems in einem einfachen Stall ereignet sich die Neugeburt. Da können keine Türen mehr zugeschlagen werden. Die Hirten sind die ersten Zeugen dieses Ereignisses. In Dreck und Speck, wie sie nun mal waren, stehen sie den beiden bei. Hier soll „Göttliches“ zu Welt kommen? Die Klänge der Gitarre im Song verheißen einen Neuanfang. Die dunkle Stimme kann nicht erschrecken. Die heutigen Umstände der Pandemie und des Lockdowns, des Klimawandels und der alltäglichen Schauplätze von Gewalt, wollen den Stern der Verheißung nicht versinken lassen. Es gibt Hoffnung mit der Botschaft des „Wild Christmas“. Für so manchen Inhaftierten kommt diese Botschaft an, auch wenn es nur für einen Augenblick zu sein scheint. Die Sehnsucht nach einer friedvolleren Welt bleibt.

Michael King

 

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