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„Wenn ich hier raus bin…“ Inhaftierte berichten

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Manchmal, sagt Oleg T.*, sei er in der Stadt über 200 km/h gefahren. „Ich bereue das.“

Im Berliner Jugendknast kennen viele Häftlinge den Autor ­Jonas Seufert – als Teil von „Zweidrittel FM„, einem Podcast über den Alltag in Jugendhaft. Bei ihm und dem Fotograf ­Jonas Ruhs hinterlässt der Besuch im Knast gespaltene Gefühle. Eine klare ­Antwort dazu, was Strafe bringt, sehen sie jedoch nicht. Ihnen und dem Co Autor Fabian Grieger treiben ­diese Fragen um: Ist es richtig, Menschen mit Haft zu bestrafen? Und wenn ja, wen und wie? Was bringt Strafe überhaupt? Junge Inhaftierte der Jugendstrafanstalt (JSA) Berlin in Charlottenburg-Wilmersdorf berichten über Taten, Vertrauen und Rückfallquoten.

Oleg T.

21 Jahre, Gefangener*

Das Schwierigste im Knast ist es, Ruhe zu finden. ­Du musst vergessen, was draußen abgeht, nur dann kannst du drinnen leben. Ich bin hier, weil ich Raser war. Autos sind mein Leben, mein Auto ist wie mein Zuhause. Ich sitze am Steuer, seit ich neun Jahre alt war. Mit zwölf hatte ich mein erstes eigenes Auto, das war in Russland. In Deutschland habe ich mit 17 meinen Führerschein gemacht und durfte nur mit Begleitung fahren. Zwei Monate, bevor ich 18 wurde, dachte ich mir: Egal, ich fahre trotzdem. Ich bin erwischt worden, der Führerschein war weg. Ich bin weiter gefahren, 33 Mal wurde ich insgesamt ohne Führerschein erwischt. Später habe ich mir ein ­fremdes Kennzeichen an mein Auto geschraubt, weil ich selbst keine Autos mehr anmelden durfte. Dafür habe ich dann die Haftstrafe bekommen, fast drei Jahre.

Autos sind sein Leben, schon mit neun saß er in Russland am Steuer, sagt Oleg T. Fotos: Ruhs

Manchmal bin ich in der Stadt über 200 km/h gefahren. Das ist sehr schlimm, ich bereue das, ich habe da nicht nachgedacht. Aber ich habe noch nie in meinem Leben einen Unfall gebaut. Meine Strafe ist nicht gerecht, das ist zu viel. Mein Eindruck ist, dass es hier einige Beamte gibt, die dich am liebsten den ganzen Tag einschließen würden. Die mögen zum Beispiel auch nicht, dass wir einen Raum mit Playstation haben. Die sagen, so was gehört nicht in den Knast. Aber es ist doch gut, dass es das gibt, weil wir so nicht vergessen, dass es draußen etwas Schönes gibt.

Ein anderer Pluspunkt ist, dass man sieht, wie die Freunde draußen wirklich sind. Schreiben sie dir einen Brief oder schicken dir vielleicht ein Foto? Rufen sie wenigs­tens deine Mutter an und fragen, ob es dir gut geht oder ihr etwas braucht? Früher hatte ich sehr viele Freunde. Jetzt habe ich nur noch einen. Meine Erfahrung ist, dass es in Deutschland so ist: Du begehst eine Straftat, dann die zweite, erst mal passiert nichts. Bei der dritten kriegst du vielleicht Sozialstunden und der Richter sagt: „Mach jetzt nicht weiter so!“ Beim nächsten Mal gehst du in den Arrest, aber ich bin ehrlich: Das ist Kindergarten. Danach kriegst du Bewährung, dann mit einem guten Anwalt noch mal Bewährung – und erst dann kommst du in den Knast.

Aber dann hast du schon zehn Mal Scheiße gebaut und längst gemerkt: Ey, das bringt einen Haufen Geld! Hätte der Richter beim ersten Mal gesagt: Jetzt gehst du ein Jahr in den Knast, ich glaube, dann hätte das vielen Leuten was gebracht. Viele hier sagen: „Scheiß auf Knast, draußen mach ich weiter wie bisher.“ Aber ich habe etwas zu verlieren. Ich habe eine Tochter, sie ist ein Jahr und neun Monate alt. Bei der Geburt war ich dabei, nach drei Monaten wurde ich verhaftet. Meine Familie ist mir sehr wichtig. Darüber ­hätte ich früher nachdenken müssen. Ich habe mit dem Knast nicht nur mir wehgetan, sondern auch meinem Kind und meiner Frau. Eines habe ich verstanden: Auch wenn ich gut fahre, kann ich mir niemals sicher sein, dass nicht ein Kind auf die Straße rennt. Jetzt denke ich: Bitte lass das nicht passieren. Nicht mit meinem Kind, mit niemandem so ein Unfall.

Barış E.

20 Jahre, Gefangener*

Die ersten zwei Wochen im Knast waren die schlimms­ten, die ich in meinem Leben hatte. Wenn die Tür schließt, weißt du: Es gibt kein Zurück. Dann kommen die Gedanken. Plötzlich waren da tausend Probleme – und ich dachte, ich hatte nie welche. Nach fünf Minuten kam einer an meine Zellentür und hat gefragt: Wer bist du? Ich hab gesagt: Verpiss dich! Später kam er wieder und hat mir Tabak geschenkt. Er hat das gemacht, weil ich gezeigt habe, dass ich nicht für Spielchen zu haben bin. Man sollte hier nicht den Obermacker ­spielen, aber man sollte auch nicht derjenige sein, der sich unterkriegen lässt. Wenn man sich einmal was wegnehmen lässt, ist man immer das Opfer.

Ich bin draußen einbrechen gegangen. Das ist einfach. Wissen Sie, wie oft mir das passiert ist, dass ich in eine Wohnung gehe, einen Tresor finde und plötzlich Geld habe? Es hat sogar Spaß gemacht, das war ein Kick. Aber ich habe das vor allem gemacht, weil ich nichts anderes kannte. Wenn jemand zu mir käme und mir einen Job anbieten würde – da würde ich niemals Nein sagen! Aber wir, die im Knast sind, haben nicht gelernt, hartnäckig zu sein: Wenn einer Nein sagt, wenn dann noch einer Nein sagt, da frage ich den Dritten erst gar nicht mehr nach einem Job.

Ich habe hier keine Freunde. Das sind zwar gute Jungs hier, jeder hat seine Art, mal was Cooles, mal was Lustiges. Aber man weiß nie: Vielleicht nutzt jemand das, was ich ihm anvertraut habe, um mich fertigzumachen. Deswegen: Was ich fühle, was ich denke, das bleibt alles bei mir. Ich vermisse es, zu laufen, ohne dass es ein Ende gibt. Wenn du draußen bist, läufst du die Straße runter, vielleicht links, dann rechts, immer weiter. Hier drinnen laufe ich vom Haus zur Schule, von der Schule zum Haus. Oder eine kleine Runde im Hof, der ist nicht viel größer als ein Sandkasten. Es macht mich kaputt, nicht laufen zu können und immer kontrolliert zu werden.

Ich stehe jeden Tag um 7.20 Uhr auf, Gesicht waschen, Zähne putzen, Frühgebet. Danach die erste Kontrolle: Auf Drogen, Handys, zu viel Tabak, das sind alles Dinge, mit denen man hier handeln kann. Bis 14.30 Uhr ist Schule, zwischendurch bekommen wir nur Toast. Wenn du jeden Tag diesen weichen Toast isst, kommt irgendwann ein Würgereiz. Nachmittags gehe ich zum Fußball oder zum Anti-Aggressions-Training, freitags zum Gebet. Spätestens ab 20 Uhr bin ich auf der Zelle. Allein. Abends kann man am Fenster reden, wenn man will. Man schreit den Namen und wartet, dass jemand antwortet. Aber die meisten reden nur Scheiße: Bruder, was würdest du machen, wenn du eine Million hättest? Bruder, was würdest du machen, wenn du genau jetzt draußen wärst? Das passiert aber nicht, denke ich dann. Warum fragt ihr das? Wenn ich am Fenster bin, versuche ich, die Leute in meine Religion einzubeziehen. Ich sage, dass der Islam Frieden bedeutet. Oder wir reden über früher. Ein ­bisschen die Erinnerung wecken, das macht Hoffnung.

Jeder kennt Rocky Balboa. Der Trainer von Rocky sagt: Solange es keinen Gong gibt, gibst du nicht auf. So ist das hier drin: Du bist am Boden, du kannst nicht mehr, aber es war noch kein Gong da. Man braucht dieses Gefühl: ­Keiner ist da, niemand hilft dir, also muss ich das jetzt selbst machen. Strafe ist was Schönes. Man lernt nur, wenn man weiß, wie es ist, am Boden zu sein. Ich habe Glück. Ich bin einer von denen, die sich positiv verändert haben. Ich habe gelernt, mit Menschen klarzukommen, auch wenn ich sie nicht mag. Ich muss einen Menschen nicht verletzen, um ihm zu sagen, dass ich ihn nicht leiden kann. Wenn ich raus bin, will ich eine Lehre zum Friseur ­machen. Ich will in Rostock leben, da wohnt meine Schwes­ter. Ich habe dann ein Haus mit Garten, die Sonne scheint, im Hintergrund ein Regenbogen, wie im Film. Da stehe ich mit meiner Frau, selbst gepresster Orangensaft in der Hand, auf der Wiese spielen unsere Kinder: Tochter und Sohn, die machen Hopserlauf in Zeitlupe. Ich will einfach chillen, eine Familie und keine Probleme.

Michael M.

26 Jahre, Gefangener*

Das Leben besteht aus Regeln, man muss sich dran halten. Wenn man die Regeln nicht beachtet, ist Strafe rechtens. Draußen habe ich in einer parallelen Welt gelebt. Mir war alles egal, für mich waren die Gesetze nicht richtig spürbar. Ich wurde zwar ein paar Mal angeklagt, aber das waren Babystrafen, Anti-Aggressions-Training oder Sozialstunden. Ich habe vielen Menschen Leid angetan. Durch die Haft bin ich wach geworden. Wenn ich nicht eingesperrt worden wäre, hätte ich weitergemacht.

Auf dem Flur gibt es ein Telefon, da kann man mit ­einigen Freunden und der Familie draußen telefonieren. Nur hören da alle mit. Ich hatte deshalb mal ein Handy, um auch private Gespräche zu haben. Das ist verboten und ich bin erwischt worden. Ich glaube, dass einer gesungen hat, dem ich das Handy nicht leihen wollte. Für mich hieß das: neun Tage Einschluss. Ich hatte draußen keinen Schulabschluss und war Leiharbeiter. Wie so ein moderner Sklave wurde ich von A nach B geschickt. Hier habe ich eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker gemacht. Das war ein Riesen-Push fürs Selbstbewusstsein. Ich will meinen Kindern etwas bieten. Wenn mich heute jemand beleidigt, habe ich keine ­Minderwertigkeitskomplexe mehr und denke, boah, der kratzt an meiner Ehre. Ich steh da einfach drüber.

Jonas Seufert, Fabian Grieger | Quelle: chrismon Magazin 7.2022

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